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Reportage
08/06/2021

Tansania: Was bleibt vom Erbe des Corona-Leugners?

Nach dem Tod Magufulis erhielt das Land nun die ersten Corona-Impfdosen. Doch die Skepsis in der Bevölkerung ist groß.

von Caroline Ferstl

Als Weiße fällt man im Straßenbild Arushas zur Zeit besonders auf. „Mzungo“, rufen ein paar Kinder und strecken bettelnd die leeren Hände aus. „Reiche Weiße“, bedeutet das Wort auf Swahili. Schimpfwort ist es keines, höflich aber auch nicht. Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe gibt es auch hier – nur eben in die entgegengesetzte Richtung. Das merken die wenigen Ausländer auf den Straßen Arushas gerade etwas stärker als sonst.

Tansania zählt zu den fortschrittlicheren Regionen Ostafrikas: Mit sieben Prozent wies Tansania 2019 das zweitgrößte Wirtschaftswachstum Afrikas auf. 78,4 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu Elektrizität, der Tourismus machte 30 Prozent des BIP aus: Tansania hat die Serengeti, den Ngorongoro Nationalpark und den Kilimandscharo.

Steigende Armut

Dennoch sind mehr als 75 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig und leben von der Hand in den Mund. Über 160 Stämme gibt es im Land, vor allem in ländlichen Gegenden werden Tradition und kulturelle Riten hochgehalten. Weibliche Genitalverstümmelung ist weit verbreitet, Homosexualität strafbar. Ein Großteil der Bevölkerung partizipiert nicht am gesamtwirtschaftlichen Wachstum.

Corona hat diese Situation verschärft.

Julieth Cornelius Barnaba arbeitet in einem kleinen Hotel mitten in Arusha, in dem hauptsächlich Geschäftsreisende aus den Nachbarländern absteigen. Das Hotel ist aktuell zur Hälfte belegt. „Die Armut ist gestiegen. Angebettelt wirst du mittlerweile auch, wenn du nicht weiß bist“, erzählt sie.

Das Hotel war mehrere Monate lang geschlossen, Kurzarbeit und Corona-Hilfen existieren in Tansania nicht. 250.000 Tansanianische Schilling netto verdient die Alleinerziehende im Monat, das sind 90 Euro. Fünf Bananen am Markt kosten etwa 18 Cent, ein gutes Essen im Restaurant fünf Euro.

Barnaba arbeitet zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Einmal im Jahr geht sich eine Woche Urlaub aus.

Gebete statt Medikamente

Die Abhängigkeit vom Tourismus verschärfte in den vergangenen eineinhalb Jahren die Armut im Land, auch wenn Tansania lange Zeit als „corona-freies“ Urlaubsparadies galt – das versprach zumindest Ex-Präsident John Magufuli: Er präsentierte positive Corona-Tests bei Papayas und Ziegen und rief zu Gebeten und Dampfkuren statt Medikamenten auf. Bis er Mitte März – Gerüchten zufolge – selbst dem Virus zum Opfer fiel. Herzstillstand lautet die offizielle Todesursache. Auf den Straßen Arushas redet man ungern darüber.

Tansania ist seit 1961 unabhängig und seitdem eine Präsidialrepublik. Mit knapp 56 Millionen Einwohnern ist es das nach Bevölkerung fünftgrößte Land Afrikas. Tansania gilt als stabiles Land ohne Bürgerkriege. Mit einem Bruttoinlandsproduktanteil von 46 Prozent hängt Tansanias Wirtschaft zum Großteil von der Landwirtschaft ab, mehr als 75 Prozent der Beschäftigten sind darin tätig, vorwiegend wird Subsistenzwirtschaft betrieben. Der Anteil des Tourismussektors am Exporterlös beträgt 30 Prozent.

Dem Human Development Index zufolge liegt Tansania auf Platz 163 von 189. Die meisten Menschen haben Zugang zu Elektrizität. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt aktuell 65,5 Jahre. Über 160 Stämme leben in Tansania, zum Teil noch sehr traditionell. Genitalverstümmelung ist weit verbreitet, Homosexualität strafbar.

„Tinga“, „Traktor“, wurde Magufuli genannt: Hart ging er gegen Korruption und Geldverschwendung vor und sorgte für wirtschaftlichen Aufschwung. Wegen seines autoritären Führungsstils stand er vor allem international in Kritik. Schwangeren Schülerinnen verbot er, am Unterricht teilzunehmen, zugleich sprach er sich gegen Verhütungsmittel aus.

In Magufulis Fußstapfen

Seine Nachfolgerin will das ändern, sie trägt den Spitznamen „Mama Samia“: Samia Suluhu Hassan ist die erste weibliche Präsidentin Ostafrikas. In den ersten Monaten herrschte Hoffnung, es würde sich eine politische Wende abzeichnen: „Economy first“, lautete ihr Credo. Ausländische Investoren, vor allem Blumenfirmen aus den Niederlanden und Baukonzerne aus China, sollten Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum bringen.

Und auch, was die Corona-Politik betrifft, änderte die wirtschaftsliberale 64-Jährige den nationalen Kurs: Mitte Juni meldete Hassan das Land bei der globalen Covax-Initiative an, vor Kurzem kamen eine Million Impfdosen an. Medienöffentlich ließ sich Hassan den Stich setzen.

Auf den Straßen Arushas sieht man vom Kurswechsel noch wenig. Die Skepsis gegenüber den Impfstoffen aus dem globalen Norden ist geblieben: Mark Watoto ist Arzt im Shree Hindu Union Charitable Hospital, der 72-Jährige achtet auf Sport, vegetarische Ernährung und altbewährte Hausmittel wie Ingwertee. „Ich glaube nicht, dass ich eine Impfung brauche. Ich komme mit so vielen Menschen zusammen, entweder ich hatte es schon, oder ich bin immun“, meint er im Gespräch. Eine Maske trägt er dabei keine.

Nicht alles sei schlecht gewesen unter Magufuli, betont der Arzt, „er hat uns die Angst genommen vor der Krankheit. Auch Angst tötet.“ Selbiges gilt allerdings auch für Gerüchte und Falschinformationen. Und davon kursieren einige auf den Straßen Arushas.

Doch kein Kurswechsel?

Möglicherweise scheint die Prophezeiung eines Kurswechsels zu früh – nicht nur, was Corona angeht: Gegenüber ihren oppositionellen Gegnern scheint Hassan des Weg des „Traktors“ zu verfolgen: So soll sie die Festnahme der gesamten Führungsebene der größten Oppositionspartei veranlasst haben. Begründet wurde die Festnahme mit einem Versammlungsverbot aufgrund der Corona-Maßnahmen, die Oppositionspartei Chadema ortet eine Fortführung des autoritären Weges Magufulis.

Auf den Straßen Arushas wird dazu geschwiegen und weitergelebt.

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