Politik | Ausland
09.05.2017

"Tag des Sieges" in der Ukraine: Ein komplizierter Tag

Heute vor 72 Jahren wurde Nazi-Deutschland von der Sowjetunion offiziell besiegt. In der Ukraine offenbart der 9. Mai die schwierige Lage des Landes.

"Das Problem", so sagt Sasha an einem Kaffee-Latte nippend, "ist, dass wir unsere Geschichte nicht kennen." Er ist Grafiker, um die 30 und hat keine exakte Meinung zu diesem Tag, der Kiew und die Ukraine spaltet, wie kein anderer. Aber er fügt hinzu: "Zugleich ist ein jeder Historiker."

Es scheint wie eine himmlische Fügung, dass die Eröffnung des Eurovision Song Contests dieses Jahr genau auf den 9. Mai fiel – den in russophilen Staaten gefeierten Tag des Sieges der Sowjetunion über Nazideutschland. Dass der Sieg über den Faschismus ein denkwürdiger Anlass ist, darauf können sich zwar die allermeisten Ukrainer einigen.

Nicht aber darauf, mit welcher Symbolik dieser Tag beladen werden soll. Per Parlamentsbeschluss wurde in diesem Jahr jede kommunistische Symbolik verboten, der Tag zu einem Feiertag gemacht, zugleich aber die international benutzte Mohnblume zum offiziellen Symbol des Gedenkens erklärt – all das nicht ohne Kritik von vielen Seiten. Und all das zur Verwirrung: Am Vorabend eine hitzige Debatte: „Ist das ein Feiertag jetzt?“, sagt eine junge Frau. Nachfrage: „Arbeitsfrei?“

Abstruse Mischung

Im von pro-russischen Milizen kontrollierten Donezk rollten am Dienstag Panzer. Bei Aufmärschen zeigte sich eine abstruse Mischung aus Stalin-Nostalgie und orthodoxer Bigotterie. Kiew hingegen blieb die alljährlich deutlich spürbare Qual, eine Militärparade ausrichten zu müssen, diesmal erspart: Statt mit Panzern ist die in lupenreiner Stalingotik ausgestaltete Prachtstraße Khreschtschatik in Kiew mit einer riesigen Public-Viewing-Zone blockiert.

Auf dem Maidan-Platz, in den die Khraschtschatik mündet, dann ein Gedenk-Sakkato: Am Eck dass während der Revolution 2014 ausgebrannte und mit Planen überdeckte Gewerkschaftshaus (Aufschrift: Freiheit ist unsere Religion); auf der anderen Seite des Platzes die Institutskaya-Straße, die als solche zum Mahnmal wurde und heute „Allee der Himmlischen Hundertschaft“ (so die geläufige Bezeichnung der Opfer der Maidan-Revolution) heißt, starben hier doch dutzende Menschen durch Scharfschützen; auf dem Maidan selbst dann Gedenkposter zum Weltkrieg mit den Mohnblumen nebst einer großflächig angelegten Fotoausstellung über Veteranen des Krieges im Osten der Ukraine und Kriegsversehrte – all das übertönt von schweren Bässen aus der Eurovision-Zone.

Der 9. Mai ist ein komplizierter Tag in der Ukraine, an dem die unterschiedlichsten Anschauungen gegeneinander laufen. Als Feiertag sowjetischer Prägung ist er bei Moskau abgeneigten Ukrainern verhasst; bei Ukrainern nationalistischer Prägung markiert er wiederum nur die Weiterfühung des Krieges der Roten Armee gegen die ukrainischen Partisanenarmee UPA. Russophilen Ukrainern ist der 9. Mai wiederum heilig. Und zuweilen drängt sich der Eindruck auf, dass alle Seiten den Tag nur allzu gerne dazu auserkoren haben, Streit zu zelebrieren.

Dabei, so sagt ein junger Mann namens Sergej, sei vor allem eines bemerkenswert: Während die wenigen noch lebenden Veteranen der Roten Armee und der UPA miteinander durchaus auskommen und Frieden geschlossen haben, nutzen heute ihre Söhne und Enkelkinder den Tag, um zu streiten.

Zusammenstöße mit Nationalisten

In Kiew kam es bei einem geplanten Marsch der russophilen Opposition am Dienstag zu einigen Zusammenstößen. Nationalisten hatten einen Park blockiert, in dem der Marsch enden sollte. 25 Personen wurden letztlich festgenommen; der Marsch dann aber abgeblasen. Das Zentrum war zuweilen blockiert: Sowohl wegen des Songcontests aber vor allem auch wegen der Kranzniederlegung durch Präsident Poroschenko – ein alljährliches Ritual. „Wir haben keine Kämpfer mehr“, sagt ein Bursche, der sich als Anhänger des Oppositions-Blocks zu erkennen gibt. Nachsatz: „Zur Selbstverteidigung freilich.“ Früher sei das anders gewesen. Dutzende Kampfsport-Clubs hätten Leute entsandt, um die anderen aufzumischen. „jetzt werden wir aufgemischt.“

„Wir tendieren dauzu, unsere eigene Geschichte zu kreieren“, sinniert Sasha an einem Keks knabbernd weiter. „Oder wir wählen den Tunnelblick – und sehen nur eine Version unserer Geschichte.“ Und der Graubereich zwischen jeweiliger Glorifizierung oder Verteufelung von Roter Armee oder UPA, der ist denkbar schmal – und der durchaus immer wieder laut werdende Ruf nach pragmatischer Geschichtsaufarbeitung ist dann sehr oft vonseiten der extremen Vertreter beider Lager mit entweder aggressiver Polemik oder beleidigtem Eingeschnappptsein verbunden.

Als Sashas Freundin am Tisch platz nimmt und nach dem Gesprächsthema fragt, verdreht sie nur die Augen und seufzt ein schweres „Ohje“. Sasha hat seinen Latte geschlürft, sein Keks gegessen. Themenwechsel: Topfenkuchen mit warmer Schokolade. Aber dann folgt ein kleiner Nachsatz: „UPA, Rote Armee – das sind die falschen Antworten auf die falschen Fragen. Machno heißt die Lösung.“

Nestor Machno, das war jener Anarcho-Syndikalist, der in den Wirren nach dem Ersten Weltkrieg gegen die noch schwächelnden Sowjets, gegen die Weiße-Armee sowie gegen die Nationalisten kämpfte. „Wir sind Anarchisten“, schließt Sasha das Thema ab und erhält eine Gabel Topfenkuchen mit warmer Schokolade von seiner Freundin in den Mund geschoben.