Politik | Ausland
11.04.2018

Syrien-Krise: "Ein US-Angriff wird Verhältnisse nicht ändern"

© Bild: christandl jürg

Angespannte Lage in Syrien. Truppenbewegungen auf allen Seiten, laut Brigadier Feichtinger haben die USA drei Optionen.

von Armin ArbeiterKnapp ein Jahr nach dem US-Raketenangriff auf die syrische Lufteinsatzbasis Al-Shayrat standen die Zeichen auf Sturm, was eine erneute direkte Intervention gegen das Assad-Regime betrifft. Damals war ebenfalls ein vermeintlicher Giftgasangriff der Regierung auf eine Rebellenstadt der Auslöser – 20 Flugzeuge und eine Landebahn wurden zerstört, 16 Menschen kamen laut syrischen Angaben ums Leben. Weitere Angriffe gab es jedoch keine.

Laut einer KURIER-Quelle aus Damaskus herrscht dort derzeit große Ungewissheit, iranische Truppen sollen in massiver Zahl auf dem Weg zur irakischen Grenze sein. Nach Informationen der „Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ räumt die syrische Armee Militärstützpunkte – wahrscheinlich in Erwartung baldiger Bombardements. Ein iranischer Politiker tönte jedoch am Mittwoch: „Kein US-Angriff wird das militärische und politische Gleichgewicht am Feld stören.“

Dieser Ansicht ist auch Brigadier Walter Feichtinger vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement: „Es wird durch US-Angriffe zu keinen substanziellen Veränderungen der politischen Verhältnisse oder der Gebietsaufteilung kommen“, sagte er im KURIER-Gespräch. Die Möglichkeiten der USA beurteilt er folgendermaßen: „Nach meiner Sicht haben sie drei Optionen. Erstens ein intensiver Bestrafungsschlag, der etwas heftiger ausfallen dürfte, als jener von Al-Shayrat. Zweitens ein längeres Bombardement, das die militärischen Kapazitäten drastisch reduzieren würde. Diese Aktion würde über mehrere Tage gehen, das Pentagon hat bereits mitgeteilt, dass 22 syrische Ziele ausgemacht wurden. Die dritte Option liegt zwischen den beiden ersten“, sagt er. Es sei davon auszugehen, dass ein Militärschlag innerhalb von 48 Stunden erfolgen würde.

In Syrien haben die USA und ihre Verbündeten nur noch wenig Einfluss – lediglich der Stützpunkt Al-Tanf an der syrisch-irakischen Grenze ist noch fest in westlicher Hand. Dort soll es am Mittwoch zu erhöhten Kampfjet-Aktivitäten gekommen sein.

Zeigen von Stärke

In den kurdisch dominierten Gebieten befinden sich ebenso Militärbasen, die auf die Lage im Assad-kontrollierten Syrien wenig Einfluss haben dürften.

„Es ist eher eine ’Show of Force’, die USA wollen zeigen, dass sie noch dazu bereit sind, solche Aktionen zu setzen“, sagt Feichtinger und fährt fort: „Ich leite aus der Situation nicht ab, dass die USA eine Veränderung im Konfliktverlauf bewirken wollen, wir sind in einer Phase, wo die USA politisch nicht mehr politisch mitzureden haben. Es könnte aber sein, dass sie ihre Position gegenüber den Kurden überdenken“ – vor einer Woche noch hatte Trump angekündigt, sich aus Syrien zurückzuziehen.

Ohne Bodentruppen werden die USA und ihre Verbündeten den Verlauf des Syrien-Konflikts nicht mehr ändern können. Für einen tatsächlichen Einsatz dieser Größe ist die russische Präsenz am Boden zu stark. Zusätzlich sind die Assad-Truppen und ihre Verbündeten überall im Land auf dem Vormarsch, haben bis auf die Stadt Duma alle Widerstandsnester der Opposition östlich von Damaskus eingenommen.

Fraglicher Einsatz

Aus diesem Grund stellt sich für Experten die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines Giftgaseinsatzes: „Wenn es überhaupt einen solchen Angriff gegeben hat, dann wurde er insbesondere von der Gruppe der sogenannten Weißhelme inszeniert, die eine Vielzahl von ähnlichen Fällen bereits über die Bühne gebracht haben“, sagt Nahost-Experte Günter Meyer von der Universität Mainz. Die Weißhelme sind eine humanitäre Organisation, die große Nähe zu den Rebellen aufweist.

Knapp vor den Anschuldigungen des Giftgasangriffs hatten Vertreter der islamistischen Gruppierung „Jaysh al-Islam“ mit Russland einen Abzug aus der Stadt Duma verhandelt.