Politik | Ausland
21.08.2013

Dutzende, Hunderte oder über 1000 Tote bei Massaker

Drei Tage nach Ankunft der UN-Chemiewaffenexperten sorgen Vorwürfe über einen möglichen C-Waffen-Angriff für Verwirrung.

Es waren Bilder, die selbst hartgesottene Beobachter des syrischen Bürgerkrieges erstarren ließen. Und zwar auch solche, die täglich eine Flut an Fotos und Videos von allen nur erdenklichen Gräueltaten in diesem Konflikt auswerten und dokumentieren. „Es ist ein verheerender Tag“, so Mataz Suhail, Sprecher der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), am Mittwoch.

Auf verwackelten Fotos waren Berge toter Kinder mit blauen Gesichtern und Frauen zu sehen. Mit Mobiltelefonen aufgenommene Videos zeigten Menschen, die röchelnd um Luft rangen. Laut Opposition die Folgen eines groß angelegten Angriffs der syrischen Armee mit chemischen Waffen auf vier Vororte Damaskus’ mit vielleicht mehr als 1000 Toten. Aktivisten sprachen von einem Holocaust.

Das SOHR bestätigte zunächst nur mehrere Dutzend Tote und einige Hundert Verletzte durch Luftangriffe, Bombardements und Raketenbeschuss. Nachsatz: „Aber das, was wir gesehen haben, lässt uns vermuten, dass es viel mehr sind – und, dass da etwas Großes passiert ist.“ Die Lage sei äußerst chaotisch.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Seit drei Tagen befindet sich ein Team von UN-Chemiewaffen-Experten in Damaskus, um den Vorwurf der Opposition zu untersuchen, die Armee habe C-Waffen eingesetzt. Die Mission ist das Resultat zäher Verhandlungen und auf drei Orte begrenzt.

Das syrische Militär wies die neuen Vorwürfe in einer seltenen TV-Botschaft kategorisch zurück. Berichte über den Einsatz chemischer Waffen seien unwahr und entbehrten jeder Grundlage, wurde auch über die staatliche Agentur SANA kommuniziert. Auch unabhängige Beobachter äußerten Zweifel, dass die Armee derart nahe am syrischen Machtzentrum und vor den Augen der UNO eine Waffe mit derart geringer Zielgenauigkeit einsetzen würde. Augenzeugen berichteten, dass auch im Zentrum Damaskus’ ein beißender Geruch zu bemerken gewesen sei.

Den Einsatz von C-Waffen will SOHR ausdrücklich nicht bestätigen. Auch nicht, dass hinter einem solchen möglichen Angriff zwingend die Armee stehen müsse. Bestätigt wurde lediglich, dass es Verwundete gebe, die Vergiftungssymptome zeigten. Zugleich schloss der Sprecher der Beobachter aber aus, dass bei Kämpfen vielleicht etwa ein Chemietank oder dergleichen getroffen worden sei, da die Symptome an zumindest zwei, weit voneinander gelegenen Orten sowohl im Osten als auch im Westen der Stadt auftraten.

Klar scheint nur so viel: In den frühen Morgenstunden des Mittwoch hatte die Armee mit einer Großoffensive auf drei Städte im Osten und einen Ort im Westen von Damaskus begonnen. Dabei kamen laut SOHR die Luftwaffe, schwere Artillerie, Mörser sowie Boden-Boden-Raketen zum Einsatz.

Jetzt wurden sowohl vonseiten der Opposition, des SOHR als auch im Ausland die Rufe nach einer sofortigen Untersuchung der Angriffe laut. Großbritanniens Außenminister William Hague sprach von einer „schockierenden Eskalation“, die man vor den UN-Sicherheitsrat bringen werde. Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, forderte die UN-Experten auf, sich sofort in die bombardierten Gebiete zu begeben. Der Chef des UNO-Teams, Ake Sellström, signalisierte Bereitschaft dazu. Die Zahl der Opfer nannte er „verdächtig“. Ein Mandat dazu gibt es allerdings nicht. Und ob die syrische Regierung zustimmen würde, ist fraglich.

Der UNO-Sicherheitsrat wird jedenfalls noch am Mittwoch in einer Dringlichkeitssitzung über die Giftgasvorwürfe gegen das syrische Regime beraten. Die Sitzung soll um 21.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit beginnen. Zahlreiche westliche Staaten, darunter die ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrates Frankreich, Großbritannien und die USA hatten zuvor eine Untersuchung der Vorwürfe durch ein sich bereits in Syrien befindliches Team von UNO-Chemiewaffenexperten gefordert.

Hochentwickeltes Programm vermutet

Angesichts der zahlreichen Vorwürfe zum Einsatz von Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg haben die Vereinten Nationen vor wenigen Tagen ein Expertenteam in das Land entsandt. Die Inspektoren unter Leitung des Schweden Ake Sellström sollen drei Orte besuchen, an denen angeblich chemische Kampfstoffe eingesetzt wurden. Experten gehen davon aus, dass Assad über ein beträchtliches Chemiewaffenarsenal verfügt.

Regierung und Rebellen in dem Bürgerkriegsland beschuldigen sich seit langem gegenseitig, die tödlichen Kampfstoffe einzusetzen. Zuletzt erhob die syrische Opposition am Mittwoch den Vorwurf, die Armee habe nahe Damaskus Chemiewaffen eingesetzt.

Den bisherigen Plänen zufolge sollen die Experten insbesondere dem Verdacht nachgehen, dass in der umkämpften Kleinstadt Khan al-Assal das hochgiftige Nervengas Sarin eingesetzt wurde. Das Gift war im Jahr 1938 von deutschen Chemikern der IG Farben entdeckt worden. Es wirkt schon in einer Dosis von einem halben Milligramm für einen Erwachsenen tödlich. Gegenmittel wirken nur, wenn sie sofort verabreicht werden.

"Mehrere hundert Tonnen"

Nach Einschätzung des US-Militärgeheimdienstes DIA umfasst Syriens Chemiewaffenprogramm umfangreiche Nervengiftbestände, die auch mit Flugzeugen oder Raketen eingesetzt werden könnten. Experten des Monterey-Instituts aus den USA schätzen die Bestände auf "mehrere hundert Tonnen". Nach Angaben des französischen Experten Olivier Lepick ist das syrische Regierungsprogramm hoch entwickelt: Neben der Produktion von Sarin sei auch die Herstellung von Senfgas und des Nervengases VX gelungen. Syriens Chemiewaffenprogramm soll in den 1970er-Jahren mit Hilfe Ägyptens und der Sowjetunion als Gegengewicht zu den israelischen Atomwaffen angestoßen worden sein. Laut der unabhängigen Nuclear Threat Initiative erhielt Syrien in den 90er-Jahren von Russland und von 2005 an auch vom Iran Unterstützung bei der Entwicklung von Chemiewaffen. Nach Informationen des Pariser Forschungsinstituts für strategische Studien (IIES) verfügt Syrien heute über "das größte Chemiewaffenprogramm im Nahen Osten".

Hinweise

Im Juli 2012 erklärte die syrische Regierung, Chemiewaffen nur im Fall eines ausländischen Angriffs einsetzen zu wollen, nicht aber gegen die Aufständischen im Land. Es war das erste Mal, dass Damaskus den Besitz derartiger Waffen einräumte. Ihren Einsatz im Bürgerkrieg gegen die Aufständischen hat Syrien seitdem immer wieder bestritten, doch legten die USA, Großbritannien und Frankreich Hinweise vor, wonach an insgesamt 13 Orten die tödlichen Waffen wohl eingesetzt wurden.

Die Regierung in Damaskus stimmte erst nach langem Zögern der UNO-Untersuchung zu. Zunächst hatte sie verlangt, dass sich die Untersuchung auf Khan al-Assal konzentriert, wo im März bei einem angeblichen Chemiewaffeneinsatz 26 Menschen, darunter 16 Soldaten, getötet worden waren. Die Opposition sicherte dagegen zu, dass die UNO-Inspektoren freien Zugang zu den Gebieten unter ihrer Kontrolle erhalten. Sie sollen klären, ob Chemiewaffen eingesetzt wurden - nicht aber, von wem.