Helmut Sommer: Augenzeuge der Geiselnahme in Sydney.

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Augenzeugenberichte
12/16/2014

Weihnachtsstimmung ade: "Es ist gespenstisch"

In Sydneys Zentrum wurde alles abgeriegelt und geschlossen. Hotels buchen ihre Gäste um.

von Ulrike Botzenhart

Die Geiseln, die freigekommen sind, waren panisch. Sie sind mit erhobenen Händen aus dem Café gelaufen – ich nehme an, sie hatten Angst, erschossen zu werden", erzählt Augenzeuge Helmut Sommer, Kameramann aus Kärnten, im Telefonat mit dem KURIER.

Der Kärntner ist vor ein paar Tagen mit dem Segel-Doppel-Olympiasieger Roman Hagara und Hans Peter Steinacher nach Sydney gekommen. Die beiden Sportler, die am Sonntag eine Regatta in Sydney hatten, sind dem Geisel-Szenario ferngeblieben – im Gegensatz zu Sommer, der für Filmarbeiten für den ORF vom nahen Hotel zum Schauplatz am Martin Place eilte. "Die Polizei hat das Café großräumig abgeriegelt. Überall sind Spezialeinheiten positioniert. Am Sperrzaun, wo ich gefilmt habe, waren viele Journalisten, etliche TV-Stationen mit Kamerateams, aber auch Schaulustige, die vermutlich einkaufen gehen wollten", erzählt der 37-jährige Klagenfurter. "Bis gestern war hier Weihnachts- und Partystimmung. Jetzt ist alles abgesperrt und leer. Es fahren keine Autos, keine öffentlichen Verkehrsmittel, sogar der Luftraum über der Stadt ist gesperrt."

Die Stimmung im Zentrum der australischen Metropole, wo bis vor Kurzem noch Vorweihnachtstrubel und Heiterkeit herrschten, "ist gespenstisch. Die Stadt ist menschenleer", sagt Sommer. "Kein Geschäft, kein Café – von denen es hier nur so wimmelt – hat mehr offen. Jedes Gebäude rund um den Schauplatz wurde abgeriegelt. Die Hotels, die direkt am Platz liegen, wo die Geiselnahme stattfindet, wurden ebenfalls abgeriegelt. Keiner kommt raus, keiner rein. Hotelgäste, die unterwegs sind, auch nicht: Sie wurden informiert, dass sie in andere Quartiere umgebucht wurden."

Raubüberfall vermutet

Das Gebäude des australischen Fernsehsenders Channel 7 liegt schräg vis-a-vis vom Ort des Geiseldramas. Vom Fenster aus hatten die Journalisten direkten Blick ins Lindt Café, erzählt der Channel 7-Journalist Glenn Connley: "Einer in unserem Büro hat bemerkt, dass im Café offenbar jemand gegen seinen Willen festgehalten wird. Sekunden später stand eine Gruppe Leute mit erhobenen Händen da, und jemand ging hinter ihnen herum. Ein paar Minuten später tauchte eine schwarze Fahne im Fenster auf, wo die Geiseln waren." Bis dahin hätten die Fernsehleute an einen Raubüberfall gedacht. "Dann war klar, dass jemand ein ganz anderes Motiv hat", sagt Connley. Die Polizei räumte wenig später das TV-Gebäude.

Einen Blick auf das Café hat auch Siouxsie Ford. "Hinter dem Sperrzaun ist eine große Medienmenge, Rettung, Feuerwehr und Polizeiautos stehen dort", berichtet der Jurist der BBC aus seinem Büro. Er wird wie alle in dem Haus festgehalten, bis die Geiselnahme vorbei ist. "Wir machen uns große Sorgen, was in dem Café vor sich geht. Leute in meinem Büro starren aus den Fenstern oder schauen Nachrichten."

Ums Eck arbeitet die PR-Expertin Abby Hempfling, eine US-Amerikanerin. Sie zieht einen Vergleich zu 9/11, den Terroranschlägen vom 11. September 2001, in den USA: "Es ist natürlich ganz anders, aber es herrscht diese Verwirrung – und alle sind nervös, wenn das Telefon läutet."

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