Svetlana Tichanowskaja

© EPA/TATYANA ZENKOVICH

Politik Ausland
09/05/2020

Tichanowskaja - von der Hausfrau zur Ikone der weißrussischen Opposition

Im Interview: Wie es dazu kam, dass die 37-jährige frühere Englisch-Lehrerin ohne politische Erfahrung die Grundfesten von Europas ältester Autokratie erschüttert

Von Tom Parfitt*

Im Frühling war Svetlana Tichanowskaja noch eine Hausfrau, als ihr Mann, Sergej Tichanowsky, eine Kampagne gegen „Europas letzten Diktator“ startete. Ein paar Monate später ist die Ikone der größten Proteste in der Geschichte der früheren Sowjetrepublik von Belarus (Weißrussland).

Über Skype spricht Tichanowskaja mit mir – aus Litauen. Dort zog sie hin, nach den Präsidentenwahlen vom 9. August, von denen Langzeit-Führer Alexander Lukaschenko behauptet, er habe sie klar gewonnen.

Seit dieser Wahl baute sich im Land außerordentliche Energie auf. Bis zu 200.000 Menschen gingen auf die Straßen um ihre Abscheu über das Wahlergebnis und die folgende Welle der Polizeigewalt zu zeigen.

Was Tichanowskaja als „Weißrusslands Erwachen“ bezeichnet, begann für sie schon vor ein paar Jahren. Damals reiste ihr Mann, ein Blogger und Unternehmer im Land herum und nahm Videos mit gewöhnlichen Bürgern auf. Darin erzählten sie über ihr tägliches Leben in der Ära Lukaschenko.

"Wir haben nie über Politik geredet"

„Ich bin nie mit ihm mitgefahren, war zu Hause mit den Kindern in Minsk, ich in bin ihm nur online gefolgt“, erinnert sie sich. „Ich wusste, in welchem Land wir leben, und dass sie ihn unter Druck setzen können. Aber wir haben daheim nie über Politik geredet.“

Die Videos begannen in großen Zahlen auf YouTube geklickt zu werden. Sie zeigten das Ausmaß der Unzufriedenheit im Land.

„Früher haben wir uns nur auf unsere eigenen vier Wände konzentriert und nicht wirklich rausgeschaut – ein unpolitisches Leben. Der eine lebt ein bisschen besser, der andere weniger gut. Aber die Tatsache, dass Sergej mit den Leuten geredet hat, wuchs sich zu dem aus, was wir heute sehen.“

Für viele, sagt Tichanowskaja, war Lukaschenkos arrogante und bizarre Art des Umgangs mit der Coronakrise ein Wendepunkt. Der Präsident, ein früherer Kolchosenführer, gab seltsame Erklärungen ab, wonach frische Luft, ein Dampfbad und harte Arbeit auf dem Feld gegen das Virus schützen würden.

Das war der Zeitpunkt, als sich Sergej Tichanowsky zum engagierten Aktivisten wandelte und zum Protest aufrief: „Stoppt die Kakerlake!“

Dabei bezog er sich auf ein in der Sowjetunion bekanntes Kinderbuch, in der eine Kakerlake mit Schnauzbart alle anderen Tiere terrorisiert. Sie gibt vor, riesig und gefährlich zu sein – bis sie von einem vorbeikommenden Spatz gefressen wird.

Kandidatur verweigert

Anfang Mai gab Tichanowsky bekannt: Er wolle bei den Wahlen gegen Lukaschenko antreten, doch die Behörden verweigerten ihm die Kandidatur.

Spontan entschied seine Frau: „Ich habe gespürt, dass ich ihn unterstützen muss. Ich dachte: Ich liebe ihn, ich mache das für ihn.“ Und sie beschloss, an seiner Stelle zu kandidieren.

Tichanowsky organisierte dann ihre Kampagne und sammelte die für eine Kandidatur nötigen Unterschriften. Der Monat war noch nicht vorüber, als er bei einem Treffen mit Unterstützern verhaftet wurde. Er wurde der Störung der öffentlichen Ordnung angeklagt und sitzt noch immer in Untersuchungshaft.

Erstaunlicherweise wurde Tichanowskajas Kandidatur gestattet. „Ich hatte nicht erwartet, dass sie mich als Kandidatin registrieren würden. Aber dann wusste ich: Ich muss es tun.“

Die letzte Hoffnung der Opposition

Bald darauf wurde der prominenteste Oppositionskandidat, der Banker Viktor Babariko (56) verhaftet.

Ein weiterer Kandidat, der frühere weißrussische Botschafter in den USA, Valery Tsepkalo (55), floh nach Warnungen ins Ausland. Damit blieb die Zufalls-Kandidatin Tichanowskaja die letzte Hoffnung der Opposition.

Es war ein gewaltiger Tempowechsel für die in der verschlafenen Kleinstadt Mikashevichy aufgewachsene Tichanowskaja. Die Stadt war 1986 schwer betroffen von dem Tschernobyl-Reaktorunglück. Als Zwölfjährige wurde sie nach Irland geschickt, als Teil eines Gesundheitsprogrammes für „Tschernobyl-Kinder“: Mehrmals ist sie später dorthin zurückgekehrt.

Als ihre Kampagne an Fahrt gewann, erhielt sie einen Anruf: „Ein Mann sagte: Svetlana, vielleicht solltest du deine Reise beenden. Sonst könntest du im Gefängnis landen - und deine Kinder im Waisenhaus. Ich geriet in Panik, und es dauerte lange, bis ich mich wieder beruhigt habe. Dann beschloss ich, meine Kinder ins Ausland in Sicherheit zu bringen.“ Ihr zehnjähriger Sohn und ihre vier Jahre alte Tochter gingen mit der Großmutter nach Litauen.

Für eine Person, der man droht, die Kinder wegzunehmen und deren Mann in einem weißrussischen Provinzgefängnis darben muss, spricht die Oppositionsführerin auffällig ruhig. Von Zeit zu Zeit schiebt sie mit einer Hand ihr langes, dunkles Haar zurück über die Schulter.

Nachdem die Kinder weg waren, nahm sie ihre Kampagne wieder auf. Die Zuhörermengen wurden größer und größer. Es formierte sich ein Frauen-Trio, bestehend ihr, aus Tsepkalos Frau Veronika und Maria Kolesnikova, die Stellvertreterin von Babariko.

„Ich bin keine Politikerin“, sagte sie bei einer Versammlung, „ich brauche keine Macht. Ich will meine Kinder, meinen Mann und dann gehe ich zurück und paniere meine Schnitzel.“

Eines ihrer wichtigsten Wahlversprechen war, dass sie im Fall eines Sieges nur so lange als Übergangsführerin agieren werde, bis alle politischen Gefangenen frei und Neuwahlen binnen sechs Monaten abgehalten sind.

Ihre Anhänger waren empört, als die Wahlergebnisse bekannt gemacht wurden: Nur zehn Prozent für sie, aber angeblich 80 Prozent für Lukaschenko.

An diesem Abend und seither an allen folgenden Tagen gingen Zehntausende Menschen aus Protest auf die Straßen, worauf die Polizei teils mit Verhaftungen, Blendgranaten und Tränengas antwortete.

Tichanowskaja, von ihren Anhängern liebevoll „Svyeta“ genannt, schien erst souverän genug, um die Demonstrationen anzuführen.

Doch zwei Tage nach der Wahl verschwand sie zunächst – und tauchte dann später in Litauen auf. Sie wirkte müde und verstört, zeigte sich in einem Video mit dem Titel: „Ich ging, um mit meinen Kindern zu sein.“

Ihr Team behauptet, sie habe keine andere Wahl gehabt. Noch immer will sie nicht darüber reden. „Leider, im Augenblick kann ich nichts darüber sagen“, sagt sie. „Ich war bei der Wahlkommission und dann ging ich nach Litauen… die Leute sollen ihre eigenen Schlüsse ziehen.“

Ist sie freiwillig gegangen?

Zehn Sekunden Pause, dann antwortet sie langsam: „Ich habe entschieden, zu meinen Kindern zu gehen.“

Von Vilnius aus sendet sie Unterstützungsvideos an die Streikenden und Protestierenden in der Heimat. „Es erfüllt mich mit Stolz und Freude, wenn ich diese Menschen sehe“, sagt sie, erleichtert darüber, das Thema zu wechseln.

„Weißrussland ist eine Diktatur. Es gibt keine Redefreiheit. Du wirst angeklagt, wenn du Dinge aussprichst. Aber Lukaschenko hat Corona-Opfer verhöhnt, hat Frauen verhöhnt.“

„Früher haben wir das geschehen lassen. Unsere Selbstachtung war begraben unter Angst. Aber jetzt sind wir aufgewacht. Wir haben gesehen, dass es so nicht weiter gehen kann.

Immer mehr von uns denken: Ich kann es ändern. Jeder von uns, wenn wir zusammenhalten – wir, das Volk, die Quelle der Macht.“

Furcht und Unsicherheit bleiben. Hunderte Menschen wurden in den vergangenen Wochen von der Polizei und in Haft grün und blau geschlagen. Die Polizei hat Hunderte auf den Straßen verletzt. Mindestens drei Menschen starben.

Tichanowsky sitzt noch immer in U-Haft, wartet auf sein Verfahren. Seine Frau kann ihm nur Briefe oder Essen schicken. Er im Gegenzug ermutigt sie. Ihren Kindern sagte sie, er sei auf einer langen Dienstreise.

Lukaschenko, der sich schon mal mit Maschinengewehr in der Hand zeigt, wirkt nicht wie ein Mann, der bereit ist, aufzugeben. Aber Tichanowskaja ist überzeugt, dass er früher oder später aufgeben wird müssen.

„Er kann nicht jeden einsperren. Wir sind so sehr entschlossen. Er kann nicht jeden brechen“, sagt sie. „Wir haben Angst. Aber das Sehnen nach einem Wandel und Freiheit wächst über die Angst. Niemand will gebrochen werden, aber jetzt bei den friedlichen Protesten, da gibt es in den Augen der Menschen diesen Blick der Liebe. Nicht der Hass, den man in Lukaschenkos Augen sieht.“

Die Protestierenden fordern Lukaschenko auf, abzuhauen. „Aber sie tun es nicht grob. Ich glaube, unsere Schwäche ist unsere Stärke.“

Will sie zurückkehren und sich den Protesten anschließen?

„Ich will unbedingt heimgehen“, sagt sie. „Ich liebe Belarus und ich werde zurückgehen, sobald ich weiß, dass meine Kinder und ich in Sicherheit sind. Natürlich.“

*Tom Parfitt ist Redakteur bei der britischen Times. Der KURIER hat den Artikel von Parfitt und von the-interview-people.com übernommen

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