Ermittlungen in Österreich? Bis zu 300.000 Euro für "Sniper-Touren" in Sarajevo

Zwei bewaffnete Männer ducken sich hinter einem ausgebrannten Auto vor einem von Einschusslöchern übersäten Wohnhaus.
Die "Sniper-Safaris" in Bosnien wurden als Jagdtouren am Balkan getarnt, die von Triest aus starteten.

Zusammenfassung

  • Mailänder Justiz ermittelt wegen "Scharfschützen-Tourismus" im Bosnien-Krieg, bei dem wohlhabende Ausländer auf Zivilisten geschossen haben sollen.
  • Autor Ezio Gavazzeni deckte den Fall auf, fordert Ermittlungen auch in Österreich und veröffentlicht ein Buch mit weiteren Enthüllungen.
  • Die Stadt Sarajevo unterstützt die Ermittlungen in Mailand, während Gavazzeni von einer organisierten, lukrativen Jagdtouren-Struktur berichtet.

30 Jahre nach dem Ende des Bosnien-Kriegs ermittelt die Staatsanwaltschaft Mailand wegen eines möglichen "Scharfschützen-Tourismus". Es geht um den Verdacht, dass wohlhabende Italiener und Bürger anderer westlicher Länder in den Jahren 1993 bis 1995 die damaligen bosnisch-serbischen Streitkräfte bezahlt haben, um einige Tage auf Zivilisten schießen zu können. Gegen einen 80-jährigen Italiener wird jetzt wegen Mordes ermittelt.

Getarnt wurden die "Sniper-Safaris" in Bosnien als Jagdtouren am Balkan, die von Triest aus starteten. Eingeleitet wurden die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Hobby-Heckenschützen nach einer Anzeige des Mailänder Schriftstellers Ezio Gavazzeni. Laut Gavazzeni beteiligten sich auch Bürger aus Österreich und Deutschland an den "Menschen-Safaris" in Sarajevo. "Jedes Land, auch Österreich, sollte Ermittlungen einleiten, wie wir es in Italien getan haben. Jedes Land sollte seine Hausaufgaben machen", sagte der 66-jährige Gavazzeni im Gespräch mit der APA in Rom.

Autor veröffentlicht Buch mit weiteren Enthüllungen

Der Autor veröffentlicht am 17. März sein Buch mit dem Titel "Cecchini del Weekend" ("Scharfschützen des Wochenendes") im römischen Verlag Paperfirst. "Das Buch enthält einen Großteil der Informationen, die ich der Mailänder Staatsanwaltschaft vorgelegt habe und noch viel mehr", berichtet Gavazzeni. Der Staatsanwaltschaft in Mailand stellte er Dokumente und Zeugenaussagen aus jahrelangen Forschungen über die Sniper-Touren zur Verfügung.

Dass die Mailänder Staatsanwaltschaft jetzt gegen einen Mann wegen Mordes ermittelt, sieht Gavazzeni als Resultat seiner jahrelangen Recherchen. "Ich bin sicher, dass sich die Ermittlungen bald ausdehnen werden und dass weitere Italiener bald angeklagt werden. Ich bin zwei Mal von den Mailänder Staatsanwälten vorgeladen worden. Sie wollen die Untersuchung weiterführen. Das Material, das ich ihnen vorgelegt habe, ist sehr umfangreich", meint Gavazzeni.

Der Autor beklagt, dass das Thema der "Menschen-Safaris" in Bosnien weiterhin ein Tabu sei."Nachdem im November die Ermittlungen in Mailand eingeleitet wurden, haben mehrere Journalisten, die in jenen Jahren in Sarajevo berichteten, behauptet, sie hätten von den Sniper-Touren gewusst. Ich frage mich: Warum hat niemand darüber gesprochen? Warum hat kein Journalist recherchiert, wie ich es getan habe?"

Stadt Sarajevo unterstützt Ermittlungen in Mailand

Nach dem Eklat um die Aufnahme der Ermittlungen in Italien hat der Stadtrat von Sarajevo vergangene Woche beschlossen, sich dem Strafverfahren in Mailand anzuschließen. Der Mailänder Anwalt Guido Salvini, der mit Gavazzeni zusammenarbeitet, wurde beauftragt, die Stadt Sarajevo in Mailand zu vertreten. "Dies bedeutet, dass wir Zugang zu vertraulichen Dokumenten bekommen werden. Die Unterstützung, die wir von der Stadt Sarajevo erhalten, ist für die weitere Entwicklung der Untersuchung von entscheidender Bedeutung. Wir hoffen dass sich bald Zeugen melden werden", betont der Autor.

Schon 1995 hatten zwei italienische Tageszeitungen über angebliche Touristen-Scharfschützen in Bosnien berichtet, und diese Artikel waren Gavazzeni aufgefallen. Doch den Anstoß, tiefer zu graben und Zeugen zu finden, gab ihm der 2022 erschienene Dokumentarfilm "Sarajevo Safari" des slowenischen Regisseurs Miran Zupanic. In dem Film, basierend auf Aussagen anonym bleibender Geheimdienstmitarbeiter, ist die Rede von reichen Ausländern, die dafür bezahlt hätten, auf Menschen in Sarajevo zu schießen. "Der Dokumentarfilm ist am ganzen Balkan und in vielen afrikanischen Ländern ausgestrahlt worden. Ich frage mich, warum kein westliches Fernsehen die Rechte für diesen Film gekauft hat", kritisiert Gavazzeni.

Reisen für Scharfschützen-Touristen organisiert

Vier Jahre lang wurden laut dem Autor an jedem Wochenende Reisen für sogenannte Scharfschützen-Touristen organisiert, die sich in den Hügeln Sarajevos den bosnischen-serbischen Truppen anschlossen, um auf Zivilisten zu schießen. "Wir sprechen hier von 200 Wochenenden, an denen viele italienische und ausländische Scharfschützen aus westlichen Ländern Zivilisten erschossen haben. 

Dahinter steckte wahrscheinlich eine Organisation, die die Reisen der reichen ausländischen Schützen von Triest aus anboten - getarnt als Jagdtouren am Balkan. Der Umsatz dieser Reisen war enorm. Jemand hat sich daran sehr bereichert", sagt der Autor.

Scharfschützen zahlten bis zu 300.000 Euro für Sniper-Touren

Die Scharfschützen waren laut Gavazzeni wohlhabende Menschen, die bis zu 300.000 Euro für ein Wochenende auf dem Hügel in Sarajevo zahlen konnten. Es gab keine politischen oder religiösen Motive. "Es waren reiche Leute, die dorthin gingen, um Spaß zu haben. Wir sprechen von Menschen, die Waffen lieben und vielleicht auch auf Safari nach Afrika fahren. Für solche Menschen ist das Schießen wie ein Videospiel, es ist für sie egal, ob sie ein Tier, eine Frau, einen alten Menschen, oder ein Kind treffen. Sie kennen nur die Sprache des Geldes", betonte der Autor.

Gavazzeni ist ein Investigativ-Schriftsteller. In seiner Karriere hat er elf Bücher veröffentlicht, unter anderem über das Attentat auf Papst Johannes Paul II. und über die Mafia. "Es gibt Geschichten, die mich faszinieren, und denen gehe ich nach. Auch im Fall der Sarajevo-Scharfschützen war es so. Ich warte auf die nächsten Entwicklungen, ich bin gespannt. Es gibt noch vieles, was aufgeklärt werden muss", versichert der Autor.

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