Politik | Ausland
22.03.2017

Syrien: "Wir leben hier von Tag zu Tag"

Seit sechs Jahren tobt der Bürgerkrieg in Syrien, am Donnerstag werden die Friedensverhandlungen in Genf erneut aufgenommen. Ein syrischer Aktivist und Lehrer hat kaum Hoffnungen auf einen Erfolg.

Syrien kommt nicht zur Ruhe, der Krieg geht in sein sechstes Jahr mit hunderttausenden Toten und Millionen Menschen auf der Flucht. Auch die Friedensgespräche, die am Donnerstag in Genf, Schweiz, wieder aufgenommen werden, dürften keinen Durchbruch bringen, zu viele Kriegsparteien sind involviert. Während Aleppo mit Hilfe von Russland und dem Iran komplett wieder von Assad unter Kontrolle gebracht wurde, ist Rakka nach wie vor vom IS besetzt und vor Damaskus toben seit Tagen die schwersten Kämpfe seit Monaten zwischen Rebellen und Regierungstruppen. Für die Zivilbevölkerung bleibt die Situation unverändert dramatisch, erklärt der syrische Aktivist und Lehrer Karim Abdullah im kurier.at-Gespräch. Er flüchtete vor wenigen Monaten aus Aleppo und sitzt derzeit mit seiner Familie im Norden von Syrien an der türkischen Grenze fest. In Abdullahs Haus in Aleppo wohnte auch der Journalist James Foley, der 2014 vom IS grausam ermordet worden ist.

KURIER: Sie halten sich derzeit im Dscharabulus im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei auf. Wie ist dort die Situation?

Karim Abdullah (Name geändert): Es ist hier relativ sicher, die Stadt kontrolliert sich selbst. Es gibt keine Rebellen und keine syrischen Regierungstruppen in der Stadt, die Stellungen sind rund 30 Kilometer südlich entfernt. Dort sitzt Assad, aber auch der IS. Die Stadt blieb bislang auch von Luftangriffen verschont.

Sie stammen ursprünglich aus Aleppo, die Stadt wird wieder komplett von der Regierung mit der Hilfe Russlands und des Iran kontrolliert. Können Sie dort nicht mehr zurück?

Nein, ich werde von der Regierung gesucht. Ich habe zwar nie mit der Waffe gekämpft, aber alleine der Umstand, dass ich mein Haus in Ost-Aleppo hatte, also in dem von den Rebellen kontrollierten Stadtteil, macht mich in den Augen von Assad zum Terroristen. Sie würden mich hängen, wenn ich zurückkehre.

Wie überlebt man sechs Jahre Krieg?

Ich frage mich das auch jeden Tag. Es gibt keine Jobs, wir haben kein Geld, wir waren und sind auf Hilfslieferungen angewiesen, und auf Zuwendungen von Verwandten aus dem Ausland.

Wann sind Sie aus Aleppo geflüchtet?

Vor rund acht Monaten, meine Familie schon früher. Ich habe versucht, solange wie möglich zu bleiben, um dort mein Haus zu schützen und den Menschen zu helfen und solange wie möglich als Lehrer zu arbeiten. Aber es wurde immer gefährlicher. Ich habe viele Familienmitglieder und Freunde sterben sehen.

Sie galten für viele westliche Journalisten, die aus Aleppo berichteten, als Kontaktperson und Anlaufstelle, wie kam es dazu?

Das war eher Zufall, vielleicht weil ich gut Englisch spreche. Ich habe versucht, den Leuten zu helfen, einige habe ich sicher an die Front begleitet, habe ihnen mit Kontakten und Informationen weitergeholfen. Einige haben auch bei mir im Haus gewohnt.

Einer davon war der US-Amerikaner James Foley, der 2012 vom IS entführt und 2014 geköpft wurde.

James war ein guter Mann, er hat unsere Idee verstanden, Syrien zu befreien.

Was wissen Sie über seine Entführung?

Er wollte an diesem Tag von Aleppo eigentlich nach Idlib, so wurde mir das gesagt. Ich bin mir heute sicher, dass er dort von Regierungstruppen gefangen genommen wurde und nicht vom IS. Sie konnten aber nichts mit ihm anfangen und haben ihn wahrscheinlich an den IS verkauft, von dessen Schergen er auch getötet wurde.

Der Krieg tobt seit fast genau sechs Jahren, sehen Sie ein Ende oder zumindest die Chance für einen längeren Waffenstillstand?

Nein, das ist längst kein Krieg mehr zwischen den Rebellen und der Regierung, sondern ein Krieg zwischen Russland, dem Iran, Saudi-Arabien, der Türkei und den USA. Wir Syrer spielen hier nur mehr eine Nebenrolle. Aber vielleicht gibt es Hoffnung nach den nächsten Friedensverhandlungen.

Die beginnen am Donnerstag in Genf, bei den Gesprächen soll es um eine Regierung der nationalen Einheit, eine neue Verfassung, Wahlen und Anti-Terror-Maßnahmen gehen. Haben die Gespräche eine Chance?

Natürlich hoffen wir das, aber es geht ja nicht nur darum, ob Assad weiterhin an der Macht bleibt. Sondern auch, wie der Westen im Kampf gegen den IS weitermacht, wie man die Kurden einbindet und wer im Endeffekt die großen Öl- und Gasfelder im Land kontrolliert. Das gilt es alles zu lösen.

Wird Assad im Amt bleiben?

Assad ist ein schlauer Fuchs, er verkauft sich dem Westen und Russland als einziger legitimer Anführer, der gegen den Terror im Land ankämpft. Er steuert diesen Terror natürlich, bei jeder Friedensverhandlung explodiert immer irgendwo eine Bombe. Aber wenn die Amerikaner wirklich darauf drängen, dass er gehen soll, wird er womöglich einer Partnerschaft mit der Opposition zustimmen. Es liegt meiner Meinung nach an Donald Trump, die Russen, und den Einfluss des Iran und Saudi-Arabien in Syrien zu stoppen.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Ich versuche mich hier mit meiner Familie durchzuschlagen. Es gibt keine Jobs, wir haben kaum Geld. Die Grenze zur Türkei ist geschlossen, da kommt man derzeit nicht mehr durch. Ich versuche mich hier als Übersetzter durchzuschlagen und wieder als Lehrer zu arbeiten. Wir leben von Tag zu Tag, an eine Zukunft will ich gar nicht denken.