Politik | Ausland
05.06.2018

"Schon wieder unterbrochen": Reaktionen auf Putin-Interview

Das außergewöhnliche ORF-Gespräch mit Armin Wolf im Kreml wurde vor allem in Deutschland ausgiebig zitiert.

Unabhängige Medien haben in Russland seit Jahren nur geringe Chancen, lange Interviews mit Wladimir Putin zu führen. Der russische Präsident bevorzugt Gespräche mit wohlgesinnten Vertretern Kreml-kontrollierter Staatsmedien sowie mit loyalen Dokumentarfilmern. Vor wichtigen Auslandsreisen Putins ergeben sich sporadisch Gelegenheiten für ausländische Medien. Eine solche Gelegenheit bekam nun der "ZiB2"-Anchor Armin Wolf, ausgestrahlt wurde das vielbeachtete Gespräch am Montag im Hauptabend.

3 Stunden und 40 Minuten ließ der Kreml-Chef das ORF-Team warten, erzählte Wolf auf Twitter. Dafür dauerte das Gespräch ganze 54 Minuten, obwohl nur eine halbe Stunde vereinbart war. Wolf schien während des Interviews nicht recht glauben zu wollen, dass Putin so lange zu überziehen gedenkt. Immer wieder bremste er den Redefluss des Staatspräsidenten und versuchte, konkretere Antworten zu bekommen.

Die Interviewführung Wolfs war eines der Themen bei den internationalen Reaktionen. Diese waren am Dienstag hauptsächlich auf deutschsprachige Medien beschränkt.

Zusammenarbeit mit Europa als wichtigstes Thema

Zeit Online konzentriert sich in seiner Zusammenfassung auf Putins Bekenntnis zu einer stärkeren politischen Zusammenarbeit und zitiert: "Wir verfolgen nicht das Ziel, etwas oder jemanden in der EU zu spalten." Auch Kontakte zu EU-kritischen Parteien wie der FPÖ sind laut Putin nicht als Destabilisierungsversuch zu werten sondern als pragmatische Entscheidungen, schreibt die Zeit.

Auch die Luzerner Zeitung und die Aargauer Zeitung aus der Schweiz berichten, dass Putin eine "geeinte und florierende" Europäische Union anstrebe.

Tagesschau.de von der ARD interessiert sich mehr für Putins Einschätzung der Lage in Nordkorea: "Nach den Worten des russischen Präsidenten müssten sich beide Seiten bewegen. Wenn der nordkoreanische Machthaber auf weitere Raketen- oder Atomtests verzichte, müsse auch die Gegenseite verständliche, deutliche Schritte des Entgegenkommens setzen."

"Die Welt": Putin unterbrach Wolf

Ganz anders ging die Welt an das Interview heran. Die deutsche Tageszeitung analysiert die Gesprächsstrategie Putins. Das Interview habe nicht zuletzt fast eine Stunde gedauert, "weil sich beide Seiten nichts schenkten." Die Schuld an den oftmaligen Unterbrechungen des Gesprächsflusses sieht die Welt beim russischen Präsidenten. "Immer wieder unterbrach Putin den Journalisten, einmal sogar auf Deutsch (“Lassen Sie mich auch was sagen“) und stellte es dann aber so hin, als hätte Wolf ihn nicht ausreden lassen."

So wie Wolf in seinem Blog zählt auch die Welt ein paar rhetorische Tricks Putins auf: zum Beispiel das Mittel der Gegenfrage. Die Welt schreibt: "Etwa, als Wolf auf die Annexion der Krim zu sprechen kommen wollte und Putin dann fragte, ob nicht zuvor ein verfassungswidriger, bewaffneter Staatsstreich und Machtergreifung passiert sei. Wolf sagte daraufhin, er sei kein ukrainischer Verfassungsexperte. Putin konterte: 'Ah, Sie wollen ausweichen.'"

Auch Wolfs "pikante" Abschlussfrage nach Putins Freizeitfotos mit nacktem Oberkörper ist der Welt ein paar Zeilen wert. Sie zitiert Putins süffisante Antwort: "Sie haben gesagt, mit halbnacktem Körper, zum Glück nicht ganz nackt! Wenn ich Urlaub mache, halte ich es nicht für nötig, mich hinter den Büschen zu verstecken. Darin sehe ich überhaupt nichts Schlechtes!"

Russisches Portal: Putin wechselte wegen Wolf auf Deutsch

Einen ganz anderen Blick auf das Interview hat freilich das putinfreundliche russische Nachrichtenportal Sputnik: "Unterbrechungen von Journalisten zwingen Putin zu Deutsch", schreibt Sputnik in seiner deutschen Onlineausgabe. Wolf habe zum Beispiel versucht, "die Position des Präsidenten zu präzisieren, ohne seine Antwort in Bezug auf den Absturz von MH17 der Malaysia Airlines im Donbass bis zum Ende gehört zu haben." Daher habe Putin zu dem Hilfsmittel gegriffen, Wolf auf Deutsch anzusprechen,"um den Journalisten zur Geduld aufzurufen: 'Seien Sie bitte so nett' und nochmals später: 'Seien Sie bitte so nett, lassen Sie mich etwas sagen.'"

 

Deutsches Portal: "Journalistisches Lehrstück"

Das deutsche Medienportal Meedia sieht in Wolfs Interview hingegen "ein journalistisches Lehrstück" für hochrangige Politiker-Interviews: "Wolf ist gut vorbereitet, hakt beharrlich nach, stellt kritische Fragen und kann Argumente seines Gegenüber mit eigenen Fakten entkräften. Der Moderator lässt sich vom ebenso professionell auftretenden Putin nicht in die Irre führen."

Das Interview habe aber auch gezeigt, dass Putin ein Medienprofi und eine "hart zu knackende Interview-Nuss" ist. "Von den Unterbrechungen des Journalisten lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen, kommt immer wieder auf seine Sicht der politischen Geschehnisse zurück und weist jegliche Vorwürfe bezüglich der berühmten Trollfabrik in St. Petersburg, der Krim-Annexion und dem Oppositionellen Alexej Nawalny zurück", schreibt Meedia. "Gleichwohl merkt der Zuschauer, dass ihm das ständige Nachhaken von Wolf nicht recht ist." 

Putin beschwerte sich zwölf Mal

Insgesamt zwölf mal habe der russische Präsident Wolf aufgefordert, ihn doch bitte ausreden zu lassen. Auf eine dieser Zwischenfragen erwiderte Putin: “Sie haben mich übrigens schon wieder unterbrochen. Hätten Sie mich ausreden lassen, würden Sie verstehen, worum es geht. Ich werde also trotzdem zu Ende sprechen.”

"Was das russische Staatsoberhaupt als Majestätsbeleidigung auffasst, gehört für Wolf zur guten Interviewführung", resümiert Meedia, das auch lobend hervorhebt, dass der ORF "bei der Berichterstattung zum Putin-Interview auf volle Transparenz" gesetzt habe.

So legte der öffentlich-rechtliche Sender offen, unter welchen Bedingungen es zu dem außergewöhnlichen Interview kam und welche Bedingungen der Kreml zuvor gestellt habe. Nicht die Moskau-Korrespondentin sollte das Gespräch führen, sondern ein “Hauptabend-Moderator”. Von den vereinbarten 30 Interviewminuten sollten zumindest 15 Minuten im Hauptabend gesendet werden. Konkrete Fragen wollte das Pressebüro nicht wissen, dafür aber zumindest die geplanten Themen. Tabuthemen seien keine genannt worden. Der Kreml stellte das gesamte Interview in englischer Sprache auf seine Webseite.

Lob von internationalen Kollegen

Der New-York-Times-Reporter Ivan Nechepurenko bezeichnete das Putin-Interview aufTwitter als "eines der spektakulärsten" seit "sehr sehr langer Zeit". Ähnlich reagierte auch Shaun Walker von der britischen Tageszeitung "The Guardian", der eines der "bohrendsten" Putin-Interviews der vergangenen Jahre mitverfolgte. Shaun freute sich auf Twitter auch darüber, dass Wolf den russischen Präsidenten mit der Frage, warum er sich oft mit nacktem Oberkörper zeige, "ein bisschen getrollt" habe.

Bojan Pancevski vom Wall Street Journal verlinkte auf Twitter das "exzellente" Interview, Amy K. Mackinnon, die für CNN und BBC arbeitet, lobte, dass sich Wolf kein Blatt vor den Mund genommen habe. Eine "brillantes und total fesselndes" Interview sah der Nachrichten-Chef von BuzzfeedUK, der auf dem Kurznachrichtendienst die "forensische" Art der Befragung hervorstrich.

Respektsbekundungen kamen am Dienstag sogar von einem Kreml-nahen Journalisten. Bryan MacDonald von RT (früher Russia Today) schrieb auf Twitter: "Anders als viele vor ihm hat der österreichische TV-Journalist Armin Wolf seine Hausaufgaben erledigt, bevor er Putin traf. Auch wenn er ihn zu oft unterbricht, ist das ein packender Austausch, in dem Putin auf die Probe gestellt wurde, wie ich es jahrelang nicht gesehen habe."