Russland als "Digital-Ghetto": Internet-Blockade lässt Putins Beliebtheit massiv fallen
Protest ist in Russland selten geworden. Dass vor ein paar Tagen Menschenschlangen vor der Moskauer Präsidialadministration standen, um offizielle Beschwerde gegen die Internetblockade des Kreml einzureichen, war daher schon besonders – das bewies auch die massive Polizeieskorte.
Seit Mai 2025 schränkt der Kreml das russische Internet immer stärker ein; nach der Sperre unliebsamer Websites und sozialer Netze wie Youtube und Instagram drosselten die Behörden nun das mobile Internet massiv, teils war auch das Breitband betroffen. Offiziell, um den vielen ukrainischen Drohnen die Navigationsmöglichkeiten zu nehmen. Glauben will das selbst in Russland aber niemand: Selbst an der 6.000 Kilometer entfernten Ostküsten galten die Sperren, Drohnen dieser Reichweite müssen erst erfunden werden.
China und Iran als Vorbild
Der eigentliche Zweck ist ein anderer. Russland folgt mit seiner digitalen Abschottung dem Beispiel Chinas und des Iran, wo der Informationsfluss der Bürger nicht nur beschränkt, sondern vor allem überwacht werden soll.
Die digitale Abschottung hat der Kreml bereits vor Jahren gestartet. Seit Kriegsbeginn sind ausländische und unabhängige Medien nicht mehr erreichbar, Facebook und Instagram wurden ebenso gesperrt. Youtube geht seit Jahresbeginn nicht mehr.
Telegram, das auch russische Soldaten an der Front zur Kommunikation nutzen, funktioniert seit einigen Tagen kaum mehr. Der Kreml will die Bürger zum Umstieg auf Max zwingen – die Staats-App liest überall mit.
In China etwa basiert ein Gros der Kommunikation auf staatlichen Apps wie WeChat. Moskau hat das mit seinem Dienst Max kopiert, bei dem alles mitgelesen werden kann. Die App soll vor allem den dem Kreml mittlerweile verhasste Messenger Telegram ersetzen. Einst ein Liebkind der Administration, weigert sich deren Chef Pawel Durow – ein gebürtiger Russe, der im Exil lebt – mittlerweile Nutzerdaten an den FSB herauszugeben. Seit einigen Tagen ist Telegram darum kaum mehr nutzbar.
Der nächste Schritt dürfte ein VPN-Verbot sein. Damit verschleierten Millionen Russen bisher ihre Spuren im Netz, folgten oppositionellen Bloggern oder lasen blockierte Medien. Apple hat bereits – wohl auf Druck aus dem Kreml – die meisten VPN-Anbieter aus seinem russischen Appstore entfernt.
Ärger über Putin selbst
Nicht nur auf Moskaus Straßen, auch im Netz mehrt sich der Frust der Menschen über diese Maßnahmen. „Das letzte Mal hat sich das Leben so vor der Mobilisierung angefühlt“, schreibt ein Nutzer, ein anderer spricht auf Instagram – noch über VPN erreichbar – vom „Bumerang für die Bombardierungen der Ukraine“.
Expliziter wird die Kritik kaum, schließlich ist das mit Strafe bedroht. Viele Postings drehen sich daher um die eigenen Einschränkungen – dass Taxi- und Essenslieferdienste nicht funktionieren, die eigene Arbeit ohne mobiles Netz nicht zu erledigen sei oder es dem Handel an Bestellsystemen fehlt. In ruralen Gebieten regt das Fehlen von Uni-Onlinekursen auf, für Menschen dort ist das oft der einzige Zugang zu höherer Bildung, zuletzt beklagten sogar Banken, dass Transaktionen nicht mehr durchgingen.
In den Chor reihen sich – mehr als unüblich – auch Prominente ein. Natalja Kasperskaja, einst Mitgründerin des Datenschutzriesen Kaspersky Lab und eigentlich eine Freundin des Kreml, riet ihren Mitbürgern, so schnell wie möglich Geld abzuheben, ihre Lieblingswebsites zu screenshotten und sich darauf gefasst zu machen, aus dem Radio zu hören, dass „Feinde“ das Netz blockiert hätten.
Das Posting war allerdings bereits kurz nach Erscheinen unauffindbar, wohl gelöscht von den Behörden. Die setzen derzeit alles daran, den Frust der Zivilbevölkerung nicht überkochen zu lassen, denn schon jetzt bekommt der Kreml die Maßnahmen zu spüren: Putins Beliebtheitswerte sanken auf den tiefsten Stand seit knapp vier Jahren. Zuletzt waren sie nach der Mobilisierungswelle so niedrig - damals flohen hunderttausende Russen vor der Einberufung ins Exil.
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