"Den meisten Russen geht es besser als vor dem Krieg"
Seit 2007 arbeitet Denis Wolkow am Moskauer Lewada-Zentrum. Seither hat sich die Arbeit des Soziologen massiv verändert: Sein Institut gilt mittlerweile als das einzig unabhängige Russlands, ganz frei arbeiten können er und seine 20 Moskauer Mitarbeiter dennoch nicht. Lewada ist seit 2016 als „ausländischer Agent“ punziert, kurz zuvor hatten Wolkow und sein Team schlechte Umfragewerte für Putins Partei Einiges Russland publiziert.
Im Gespräch mit dem KURIER erzählt der Forscher vom Leben der Russen nach vier Jahren Krieg – und wie er bis heute seine Arbeit machen kann.
KURIER: Sie befragen die Russen seit Kriegsbeginn nach ihren Einstellungen und ihrem Leben. Was hat sich seither geändert?
Denis Wolkow: Ehrlicherweise wenig. Den größten Schock löste die Mobilisierung im Herbst 2022 aus – damals sah es zum ersten Mal so aus, als würde der Krieg jeden betreffen. Als die Regierung 2023 begann, Freiwillige zu rekrutieren, verschwand diese Angst.
Seither herrscht das Gefühl, dass ohnehin andere an der Front kämpfen, freiwillig und gut bezahlt. Die Menschen können sich so vom Krieg distanzieren. Sorgen sollen sich jene machen, die jemanden an der Front haben – der Rest nicht, so die Logik.
Denis Wolkow ist Direktor des Moskauer Lewada-Zetrums.
Wirtschaftlich sind die Menschen im Land aber durchaus betroffen.
Kurz nach Kriegsbeginn gab es tatsächlich einen wirtschaftlichen Schock. Viele Menschen verließen das Land, Geld wurde in großen Summen behoben. Hätte die Zentralbank da nicht entgegengewirkt, wäre das Finanzsystem zusammengebrochen – die Menschen hatten Angst vor einer Krise wie in den 1990ern, als man Kartoffeln anpflanzen musste.
Seither investiert der Staat aber Unsummen in soziale und wirtschaftliche Stabilität. Der Leitzins wurde angehoben, um Inflation und Preisanstiege einzudämmen. Und obwohl eine halbe Million geflohen ist und ebenso viele sind an der Front sind, ist der Arbeitsmarkt stabil. Viele arbeiten in gut zahlenden Rüstungsunternehmen, manche Konzerne finanzieren ganze Städte. Auch die Familien der Soldaten werden gut entlohnt, sie haben mehr Möglichkeiten als je zuvor – die meisten kommen ja aus strukturschwachen, peripheren Regionen.
Der Lebensstandard ist also nicht gesunken?
Im Gegenteil, viele beurteilen ihre Lage sogar besser als vor dem Krieg. Schlechter geht es nur der Mittelschicht in den Städten, die es gewohnt war, nach Europa zu reisen und Waren von dort zu kaufen, und den vom Staat unabhängigen Unternehmern. Aber der Großteil der Bevölkerung hat profitiert, zumindest bis Mitte 2025.
Bis dahin waren staatliche Gelder der Haupttreiber, danach begann die Phase des Sparens, und schon in der zweiten Jahreshälfte 2025 lag das Wirtschaftswachstum bei null. Unternehmen schicken ihre Leute nun in unbezahlten Urlaub, erhöhen keine Gehälter mehr. Aber bisher können die meisten nach wie vor ein normales Leben führen.
Wie viel Einfluss haben die staatlichen Medien auf die Meschen?
Einen großen. Dort hört man nur die offiziellen Narrative, es dominiert ausschließlich die Meinung der Eliten. Alternative Sichtweisen sind kaum vorhanden oder werden als Standpunkt des Feindes abqualifiziert.
Russland ist dabei aber kein Sonderfall. Ein Gros der Bevölkerung in jedem Land ist unkritisch gegenüber herrschenden Narrativen.
Ist das also nur Anpassung oder stehen die Menschen wirklich hinter dem Krieg?
Die Unterstützung ist eher symbolischer Natur. Viele sagen: „Wen sollten wir denn sonst unterstützen als uns selbst, unsere Armee? Den Feind etwa?“
In Wahrheit haben sich viele einfach von dem, was in der Ukraine passiert, distanziert. Sie meiden Nachrichten mit dem Argument, dass das Sterben ja nur schwer auszuhalten sei.
Alltag in Moskau: Die meisten Menschen hätten sich von dem , was in der Ukraine geschieht, distanziert, sagt Wolkow.
Gibt es keinen Wunsch nach Frieden?
Der Wunsch wird größer. Im Schnitt wollte immer die Hälfte der Russen Friedensverhandlungen, seit 2025 sind zwei Drittel dafür, nur mehr ein Drittel will den Krieg fortsetzen. Zugleich wollen die Leute die Entscheidung der Regierung überlassen – sie wüsste besser, was zu tun ist. In puncto Frieden hatten die Russen auch große Hoffnungen in Trump gesetzt. Die sind nach dem Treffen in Anchorage und Trumps neuen Sanktionen aber verschwunden, die aktuellen Verhandlungen werden von vielen als unsinnig wahrgenommen. Stattdessen fordern nun viele mehr Härte: 60 Prozent wollen intensivere Schläge auf die Ukraine, nach dem Motto: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
Ist den Menschen wichtig, die besetzten Gebiete zu halten?
Das ist eine entscheidende Frage. 80 Prozent der Russen wären dafür, dass Putin den Krieg morgen beendet. Müsste Russland dabei aber die Territorien zurückgeben, sinkt die Zahl auf 30 Prozent. Das liegt daran, dass die meisten Menschen daran glauben, dass der Krieg begonnen wurde, um den Russischsprachigen in der Ukraine zu helfen. Dazu hält eine Mehrheit den Konflikt nicht nur für eine Auseinandersetzung mit der Ukraine, sondern mit dem ganzen Westen. Und da will man einfach nichts hergeben.
Viele Russen haben laut Ihren Umfragen Angst vor einem Angriff der NATO und dem Dritten Weltkrieg. Gab es diese Furcht schon immer oder ist sie ein Produkt des Krieges?
Die gab es schon immer. Aber sie ist nach Kriegsbeginn auf einen Höchststand gestiegen, ebenso wie die Ablehnung der USA und Europas. Jetzt hat etwas mehr als die Hälfte Angst vor diesem Szenario.
Gibt es eine öffentliche Debatte über die Gefallenen? Oder spürbares Mitgefühl?
Ja, aber die Frage ist sehr politisiert. Angesprochen werden die ukrainischen Opfer nur von jenen, die offen gegen den Krieg sind, in Umfragen das sind 15 bis 20 Prozent. Anteilnahme gibt es zwar auch von jenen, die den Krieg fortsetzen wollen, aber immer mit der Einschränkung: „Krieg ist Krieg, da kann man nichts machen.“
Da keine der beiden Seiten über Zahlen spricht, geht es bei der Opfer-Debatte meist nur um gegenseitige Propaganda und Einschüchterung. Die russischen Opfer werden zwar nicht verschwiegen, aber im Grunde nur heroisiert, Schulen und Parks werden nach ihnen benannt. Und auch glaubt die Merheit: Das waren Freiwillige, sie haben viel verdient, ihre Kinder dürfen gratis studieren – also ist ihr Tod auch nur ihre Sache.
Wie können Sie unterscheiden, ob die Leute Ihnen die Wahrheit sagen oder aus Antworten aus Angst geben?
Wir fragen nur selten nach politischen Einschätzungen, meist wollen wir etwas über die Stimmung und die wirtschaftliche Lage der Leute wissen. Die Situation in der Familie eines Menschen hilft uns, ein Gesamtbild zu zeichnen und die Reaktionen der Menschen zu verstehen. So konnten wir auch den massiven Schock durch die Mobilisierung ausmachen, den stärksten seit mehr als 30 Jahren.
Uns wird oft gesagt, wir können ja nicht wissen, was die Leute denken. Aber ich sage Ihnen: Der Großteil der Leute denkt gar nicht über politische Themen nach. Die Normen in den Medien werden einfach unkritisch übernommen, solange sie die Leute nicht persönlich betreffen.
Der große Unterschied zwischen Russland und dem Westen ist dabei, dass bei uns die staatlichen Massenmedien dominieren und dass es über die meisten politischen Fragen keine Diskussion gibt. Solche Phasen gab es im Westen auch, etwa in den USA zu Beginn des Golfkrieges, da waren die Beliebtheitswerte von Bush sen. Höher als die Putins. Aber diese Perioden war immer nur sehr kurz.
Ihr Institut ist als „Ausländischer Agent“ gelistet, sprich als Staatsfeind. Können Sie frei arbeiten?
Es gibt sehr viele Einschränkungen für die Arbeit von Organisationen, die derart gebrandmarkt sind – es gibt in Russland auch nur noch sehr wenige. Unsere Situation ist einzigartig, weil wir weiterarbeiten können, wenn auch mit vielen Einschränkungen. Das liegt wohl daran, dass wir keine als politisch-aktivistisch klassifizierte Arbeit machen. Unsere Umfragen beeinflussen die öffentliche Meinung nicht, das machen ohnehin die Medien.
Darum halten wir uns so gut es geht an die strikten Vorgaben. Schreiben Berichte. Zahlen Strafen. So lange es möglich ist.
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