Politik | Ausland
10/28/2014

Gerüchte um schwere Krankheit Wladimir Putins

Klatschblätter spekulieren über eine aggressive Krebserkrankung des russischen Präsidenten.

Wladimir Putin kennt man als autoritär agierenden Präsidenten. Dass sein politischer Stil in letzter Zeit etwas an Kompromisslosigkeit verloren hat, nährt bei Beobachtern das Gerücht, dass er schwer krank ist. Wie das Boulevard-Blatt New York Post unter Berufung auf nicht näher genannte Quellen wissen will, soll der 62-Jährige Bauspeicheldrüsenkrebs haben. Diese besonders aggressive Krebsform ist schwer behandelbar - durchschnittlich überleben diesen Krebs nur acht Prozent der Patienten. Zuvor schon hatten Nachrichtenagenturen aus Polen und Weißrussland berichtet, Putin hätte Rückenmark-Krebs.

Aufgedunsen

Andere Medien spekulieren, dass Putins Essgewohnheiten auf eine schwere Erkrankung hindeuten. LautNew York Post wird Putin von einem 84-jährigen Arzt behandelt, den er noch aus seinen DDR-Geheimdienstzeiten in den 80er-Jahren kennt. Das aufgedunsene Gesicht des Präsidenten soll auf die Verabreichung von Stereoiden zurückzuführen sein. Inzwischen soll der Arzt die Behandlung allerdings abgebrochen haben. Er wollte nicht mehr nach Russland reisen, weil er vom "Sicherheitspersonal des Präsidenten schlecht behandelt" worden sei, schreibt die Zeitung.

Ein weiteres Indiz für die Annahme, dass Putin wirklich schwer krank ist, ist die Tatsache dass er seinen Geburtstag Anfang Oktober völlig zurückgezogen feierte. Erstmals seit 15 Jahren nahm sich der Präsident für diesen Tag frei. Weit weg von jeder Zivilisation verbrachte er den Tag in der sibirischen Taiga. Die polnische Zeitung Fakt geht noch weiter, bzw deutet die "aggressive russische Außenpolitik der letzten Monate". Putin wolle, bevor er stirbt, als Gründer eines russischen Großreiches in die Geschichte eingehen, schreibt das Blatt. Daher die Annexion der Krim und die Invasion in der Ost-Ukraine.

Putin warnt vor "faschistischer Ideologie"

Nach der Neuwahl der Obersten Rada in der Ukraine (mehr dazu hier) hat Putin am heutigen Dienstag vor einer Wiederkehr "faschistischer Ideologie" in der Ex-Sowjetrepublik gewarnt. Kiew und Moskau müssten alles tun, um dies zu verhindern, teilte der Kremlchef am Dienstag in einem Glückwunsch zum 70. Jahrestag der Befreiung der Ukraine von der Besetzung durch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg mit.

Täuschen, tricksen, treten: So tickt Wladimir Putin

Wer ist Wladimir Putin, und wie tickt er? Diese Frage stellten sich Russland und der Rest der Welt bereits im Sommer 1999, als Präsident Boris Jelzin den damaligen Geheimdienstchef zum Ministerpräsidenten und damit zu seinem Nachfolger machte. Seit der Ukraine-Krise ist die Frage offener denn je.

Fassungslos verfolgen Gegner wie Sympathisanten, wie Putin jenes außenpolitische Kapital verbrennt, das er in mehr als einem Jahrzehnt mühevoll zusammengetragen hat, wie er den Rubel und die Aktien russischer Unternehmen auf Talfahrt schickt und damit sogar die Loyalität seiner Paladine, die er sich durch Förderung ihrer Geschäftsinteressen erkaufte, aufs Spiel setzt.

Sieht Gegenzüge voraus

Wenn ein Mann, der sich selbst nicht mehr unter Kontrolle hat, den Atomkoffer kontrolliert, warnte Russlands ewige Dissidentin, Walerija Nowodworskaja, kurz vor ihrem Tod im Sommer, stehe man "am Abgrund eines Dritten Weltkriegs".

Was hat Putin, der gewöhnlich rational denkt und Schachzüge seiner Gegner oft im Voraus erahnt und konterkariert, geritten? Was bezweckt er?

Nicht einmal die wenigen, durch Loyalität erprobten Freunde lasse Putin in sein Innerstes blicken, behaupten Kenner der Materie. Selbst die Nähe von Ehefrau Ludmila mied er zunehmend, wie diese klagte, als das Paar im Sommer 2013 die inzwischen vollzogene Scheidung bekannt gab.

Putins "Psychogramm" erstellen zu wollen, ist daher nicht nur eine undankbare Aufgabe, sondern auch müßig. Bestenfalls lassen sich aus seinen Auftritten und Äußerungen von Partnern, mit denen er auf gleicher Augenhöhe verhandelt, Momentaufnahmen erstellen. Legt man die allerdings übereinander, lassen sich daraus einige wenige Konstanten und viele Variable mit positivem wie negativem Vorzeichen herauslesen.

Willensstärke, Disziplin

Zu den Konstanten zählen bei Putin Willensstärke, Disziplin, Pflichtbewusstsein und auch Treue. Nie, so heißt es, habe er einen Freund verraten. Preußische Primärtugenden attestierte ihm auch Russland-Experte Alexander Rahr in seinem Buch "Ein Deutscher im Kreml".

Es erschien kurz nach Putins Machtantritt, als dieser auch im Westen noch als Hoffnungsträger galt. Der späte Putin indes zeigt eher ur-russische Tugenden: Machtbewusstsein und den fast zwanghaften Drang, um jeden Preis Stärke zu zeigen. Wie in der Ukraine-Krise.

Putin, so scheint es, glaubt, sich und dem Rest der Welt immer aufs Neue beweisen müssen, dass er ihn tatsächlich geschafft hat: Den kometenhaften Aufstieg eines in ärmlichen Verhältnissen in einem Petersburger Proletenviertel geborenen, schmächtigen Jungen zu einem der mächtigsten und wie es heißt, auch reichsten Männer weltweit. Denn als 1989 die Mauer in Berlin fiel – für den strategisch denkenden Putin, der damals KGB-Resident in Dresden war, sicheres Indiz, dass es alsbald auch daheim mit Sowjetmacht und Kommunismus vorbei sein würde –, sah er sich bereits für den Rest des Lebens als Taxifahrer jobben. Doch schnell überwand er die Schreckstarre, frischte alte Kontakte in St. Petersburg auf, wurde dort Vizebürgermeister, machte dann in Moskau im Geheimdienst Karriere und wurde dessen Chef.

Für die Blitzkarriere kamen ihm offenbar auch Techniken zupass, mit denen der kleine Wowa – so kürzen die Russen den Namen Wladimir für Kinder ab – einst den Überlebenskampf gegen Ältere und Stärkere auf dem Petersburger Hinterhof gewann: täuschen, tricksen, treten.

Russland, tönte Putin zunächst, habe mit den "kleinen grünen Männchen" absolut nichts zu tun. Gemeint waren Paramilitärs ohne Rangabzeichen, die vor dem Referendum über den Russland-Beitritt der Krim in Scharen auf der Schwarzmeer-Halbinsel auftauchten. Es waren Geheimdienstmitarbeiter aus Moskau, wie Putin selbst ein paar Wochen später eher beiläufig fallen ließ.

Eines hat er, wie die Ukraine-Krise zeigt, im Petersburger Proleten-Viertel mit Sicherheit nicht gelernt: Kompromisse. Zugeständnisse sind für die meisten Russen nach wie vor ein Synonym für Schwäche, und die verzeiht die Nation ihrem Herrscher nie.