© Ion Holban / Agent Green/Matthias Schickhofer/Supporting Change

Politik Ausland
09/15/2019

Rumäniens Urwälder: Kampf um Europas Amazonien

Naturschützer wollen mit EU-Hilfe Kahlschläge in Europas größten Urwäldern stoppen.

von Konrad Kramar

Wie ein Spinnennetz breiten sich die Forststraßen über Täler und Hügel aus, über die ausgetrockneten Kahlschläge wächst zerfranster junger Buschwald. Dazwischen wie Inseln die letzten Reste des alten Naturwalds. Erst die Drohnenaufnahmen aus der Luft offenbaren das ganze Ausmaß der Tragödie, die sich in Rumäniens Südwesten seit Jahren abspielt.

„Intakte Waldlandschaft“, das war der Titel, den Umweltschutzorganisationen angeführt von Greenpeace im Jahr 2005 Naturwaldreservaten auf der ganzen Welt verlieh. Eine einzige Landschaft im kontinentalen Europa war auf dieser exklusiven Liste vertreten: Die Wälder in Rumäniens Karpatenbogen. „Vor 15 Jahren waren das alles noch unberührte Naturwälder, aber man hat sie einfach großflächig abgeholzt“, erzählt Matthias Schickhofer.

Der österreichische Umweltschützer befasst sich seit Jahren mit Europas Urwäldern. Zwei Bücher hat er ihnen gewidmet, an ihrer wissenschaftlichen Erfassung mitgewirkt.

Das Sterben dieser Wälder in Rumänien hat Schickhofer über Jahre vor Ort dokumentiert. Mit Politikern und Medien wie dem KURIER ist er durch diese Landschaften gewandert, auf Forststraßen, die direkt durch Nationalparks führen, hin zu Kahlschlägen, auf denen die Stämme Jahrhunderte alter Buchen aufgestapelt liegen und auf den Abtransport warten.

Österreicher im Spiel

Man machte weltweit Schlagzeilen, prangerte die Holzverarbeiter, darunter auch österreichische Firmen an, die schließlich ihre ohnehin zweifelhaften Umweltgütesiegel verloren. Man zog mit juristischer Unterstützung aus ganz Europa gegen die rumänischen Behörden und gegen die Regierung vor Gericht. Es gab eindrucksvolle Erfolge. So stellten etwa die rumänischen Sägewerke des österreichischen Schweighofer-Konzerns ihren Holzeinkauf gänzlich um. Heute, so erzählt man bei der Firma stolz, würde jeder Baum, den man verarbeite vom Wald bis ins Werk genau verfolgt. Holz aus Nationalparks würde man – auch wenn es eigentlich legal sei – gar nicht mehr kaufen. Ganz so begeistert gibt sich der Umweltschützer Schickhofer nicht: „Die österreichischen Firmen erhöhen allein mit ihrer riesigen Verarbeitungskapazität den Druck auf Rumäniens Wälder.“

Umweltschutz nur auf dem Papier

Umweltgerechte Forstwirtschaft, wie sie die EU in ihren Regelwerken vorsieht, die gibt es in Rumänien nur auf dem Papier. Die ausufernde Korruption, die dem Land schon zahlreiche Beschwerden der EU eingebracht hat, bestimmt auch die Spielregeln in der Forstwirtschaft. Ob nun die staatliche Forstverwaltung – ihr gehört der Großteil der rumänischen Wälder – oder private Besitzer ihre Hände im Spiel haben, Vorgaben des Umweltschutzes, wie sie die EU für Naturschutzgebiete vorsieht, werden umgangen.

Als die Umweltschützer Einsicht in die Management-Pläne für die Wälder haben wollten, wurden sie meist abgewiesen. Das seien geheime Unterlagen wurde ihnen mitgeteilt. „Vorgaben werden systematisch nicht umgesetzt“, erzählt Schickhofer: „Zuerst wird in geschützten Gebieten geschlägert, und dann werden nachträglich Umweltschutzprüfungen zusammengezimmert.“

Jetzt aber gehen die Umweltschützer einen Schritt weiter, direkt nach Brüssel. Mehrere große Umweltschutzorganisationen, etwa die deutsche EuroNatur haben bei der EU-Kommission Beschwerde eingereicht, wegen anhaltenden Verstoßes gegen EU-Recht.

Vorbild Polen

Wie gefährlich diese Beschwerde für Rumäniens Waldzerstörer sein kann, zeigt das Beispiel Polen. Dort ignorierte die rechtskonservative Regierung über Jahre die EU-Regeln und ließ im Bialowieza-Urwald rücksichtlos schlägern.

Schließlich aber landete der Fall vor dem Europäischen Gerichtshof. Der verurteilte Polen zu 100.000 Euro Strafe für jeden weiteren Tag, an dem in Bialowieza abgeholzt wird. Warschau lenkte zähneknirschend ein. „Client Earth“ heißt die Organisation, die für den Erfolg der Umweltschützer in Polen verantwortlich war: Anwälte, spezialisiert auf EU-Recht, die wissen wie man die oft schwerfällige Maschinerie in Brüssel in Gang setzt. Sie sind auch bei der Beschwerde gegen Rumänien federführend.

Die Zeit drängt, denn die Holzfäller in Rumänien, „gehen genau dorthin, wo die dicksten Bäume stehen, also in die jahrhundertealten Naturwälder“, schildert Schickhofer die aktuelle Situation. Die Holzindustrie in Rumänien habe einfach über Jahrzehnte jedes Prinzip der Nachhaltigkeit ignoriert: „Die waren gierig und haben viel zu viel umgeschnitten. Jetzt sind die meisten Wirtschaftswälder viel zu jung, um zu schlägern. Also rücken sie in die Urwälder vor.“

Klimaschutz

Als die bedrohte „grüne Lunge der Welt“ waren die Regenwälder Amazoniens in den vergangenen Wochen ständig in den Schlagzeilen. Rumäniens alte Wälder aber sind für den Klimaschutz ebenso wichtig. Kahlschläge, wie sie sich dort durch die Wälder fressen, seien „das Schlimmste, was du dem Klima antun kannst“. Nicht nur ein riesiger Kohlendioxidspeicher ginge da verloren, sondern auch ein Wasserreservoir. Übrig blieben sich unaufhaltsam aufheizende Flächen mit austrocknenden Böden: Es ist dasselbe Bild, das sich im Großteil der Naturwälder Rumäniens darbietet. Die Regierung verweist auf eine Handvoll kleiner Waldflächen, die man als Urwälder weitgehend schützt – auch wenn dort die Spuren illegaler Schlägerungen zu finden sind. Europas größte unberührte Waldgebiete lassen sich so nicht retten, warnt Schickhofer: „Da verwalten wir irgendwann ein paar Urwaldmuseen und der Rest dieses Naturparadieses ist verschwunden.“

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