Politik | Ausland
02.06.2018

Robert Kennedy: Mordzeuge glaubt nicht an zwei Täter

Um die Ermordung des US-Demokraten ranken sich viele Mythen – etwa, dass er von zwei Tätern erschossen wurde.

Fast genau 50 Jahre nach dem Mord an Robert Kennedy am 5. Juni 1968 forderte dessen Sohn Robert F. Kennedy junior in der Washington Post, dass der Fall neu aufgerollt wird. Denn er zweifelt daran, dass der Palästinenser Sirhan Sirhan der alleinige Täter war.

Damit wird einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen in Warschau wieder wichtig: Der heute 82-jährige Jan Pruszynski hat nämlich als Reporter in den USA die einzige Tonbandaufnahme von der Ermordung Kennedys aufgenommen.

Darauf sind die Schüsse zu hören, und mehrere Zeugen meinten, es habe mehr als acht Schüsse gegeben, also mehr Kugeln als in den Trommelrevolver Sirhans passten.

Pruszynskis Kassette hat der Toningenieur Philip Van Praag mit modernen Methoden bearbeitet. Er kam zu dem Schluss, dass mindestens 13 Schüsse auf Kennedy abgefeuert wurden. Pruszynski bekam deshalb bereits von CNN und anderen amerikanischen Journalisten Besuch.

Doch der Warschauer, der im Stadtzentrum das angesagte „Radio Cafe“ betreibt, mag selbst nicht daran glauben – ohne es gänzlich auszuschließen, dass mehr als ein Täter an dem Mord beteiligt war. Dem KURIER erzählte er, wie er überhaupt so nah an Kennedy herangekommen war.

Kurz nach Mitternacht, am 5. Juni 1968, in der Kaltküche des Ambassador Hotels in Los Angeles: der Reporter Stanislaw Pruszynski sieht einen Revolver auf seinen Magen gerichtet.

Er wird von „einem schmächtigen Mann mit Locken“ gehalten, der von Rafer Johnson, einem Footballspieler, umklammert wird.

"Die Augen waren offen"

Auf dem Boden sieht er Robert Kennedy liegen. „Die Augen waren offen, nach oben gerichtet, aber schienen nichts zu sehen.“

Sirhan Sirhan, ein Palästinenser, hatte Sekunden zuvor seine Waffe auf den Senator und Kandidaten für das Präsidentschaftsamt leergefeuert. Robert Kennedy starb 26 Stunden später im „Good Samaritan Hospital“, er wurde 42 Jahre alt.

Der Reporter hatte seinen Kassettenrekorder eingeschaltet. Doch das FBI interessierte sich erst sieben Monate nach dem Mord für das einzige Tondokument.

Im Kennedy-Tross

Jan Pruszynski arbeitete 1968 für The Montreal Gazette und hatte genug von seinem angenehmen, aber langweiligen Journalistendasein in Kanada, während es in den USA brannte – Bürgerrechtsbewegungen kollidierten über Themen wie Vietnamkrieg und Rassendiskriminierung mit dem konservativen Amerika.

Und gleichzeitig begann der Vorwahlkampf zum Präsidentenamt – der gebürtige Pole beschloss, sich dem Tross des Senators Robert Kennedy anzuschließen, der zunehmend zum Hoffnungsbringer eines neuen Amerikas wurde. Ein „lustiges Buch“ wollte er über den Demokraten schreiben.

Als Pruszynski im Mai 1968 in Indianapolis dann zu dem Pressetross stieß, gab es noch keine Sicherheitsvorkehrungen wie heute. Dies obwohl Amerika 1963 durch das Attentat auf Präsident John F. Kennedy, den älteren Bruder, erschüttert worden war.

„Welcome on board“, meinte der Pressechef, der erst gar nicht groß auf die Visitenkarte des Polen mit britischem Pass schaute, trotz des exotischen Namens.

Unter den rund 50 Journalisten-Kollegen herrschte Aufbruchstimmung. „Alle waren sehr gelöst“, so Pruszynski.

Nur Robert Kennedy nicht, er war „sehr hart arbeitend“. Kennedy stand sehr früh auf, ging sehr spät zu Bett. Seinen Bruder Edward „Ted“ genannt, versuchte der Pole einmal zu einem Interview für seine Zeitung zu bewegen, dieser beschied ihm „bloß abzuhauen“ – alles war auf das Gewinnen der Vorwahlen ausgerichtet.

Vor allem Afroamerikaner jubelten Kennedy zu – er war ihnen der Hoffnungsträger nach der Ermordung Martin Luther Kings.

Kennedy, der sich in den letzten Jahren zu einem linksliberalen Politiker gewandelt hatte. Während der noch amtierende Präsident Lyndon B. Johnson abstrakter von „Gesellschaft“ sprach, ging Kennedy direkt in die sozialen Brennpunkte und traf sich dort mit afroamerikanischen Wählern.

Hotel durch die Küche verlassen

Am 4. Juni harrten Journalisten wie Anhänger im heißen Ballsaal des Ambassador Hotels aus, um das Ergebnis der Vorwahlen in Kalifornien abzuwarten. Bobby-Rufe schallten Kennedy entgegen, als er schließlich um 23 Uhr das Ergebnis bekannt gab.

„Wir sind ein großes Land, ein eigennütziges Land und ein mitfühlendes Land“ rief er seinen Anhängern zu und versprach, gegen die Spaltung in Amerika anzukämpfen.

Um sich nicht durch die euphorische Masse drücken zu müssen, entschied der Leibwächter William Barry, das Hotel durch die Küche zu verlassen. Dort lauerte ihm der 24-jährige Attentäter auf, ein ehemaliger Anhänger, der über Kennedys Pro-Israel-Haltung enttäuscht gewesen sein soll.

Pruszynski, der dem Tross hinterherlief, hatte den Kassettenrekorder noch eingeschaltet. Die Schüsse hörte er nicht, nur die Schreie, bis er vor dem Mörder stand.

„Wir alle waren schockiert, diesen jungen, athletischen, amüsanten und hart arbeitenden Mann zu verlieren.“