Politik | Ausland
14.09.2014

"Richte oft Stoßgebete an Gott"

Der ORF-Korrespondent auf Heimurlaub. Der KURIER lud ihn zum Talk mit Frau Elisabeth.

KURIER: Frau Wehrschütz, Ihr Mann berichtet für den ORF seit vielen Monaten aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine. Die Angst ist Ihr ständiger Begleiter. Wie gehen Sie damit um?

Elisabeth Wehrschütz: Mein Mann ist seit fast 15 Jahren im Einsatz. Ich habe schon mehrere Situationen mitgemacht, wo ich Stoßgebete an Gott gerichtet habe und ihn bat: "Lieber Gott, lass ihn wieder zurückkommen. " Ich vertraue einfach darauf.

Wie oft waren Sie in Lebensgefahr?

Christian Wehrschütz: In der Ukraine noch nicht. Wirklich ernst war es im Mazedonien-Konflikt 2001. Ich kam zu einer Straßensperre der Sonderpolizei. Mit einem der Sonderpolizisten hatte ich mich angefreundet, brachte ihm einen Cognac als Geschenk mit. Während ich mit dem Sonderpolizisten zusammensaß, kam ein Albaner mit seinem Sohn zum Kontrollpunkt. Die Situation eskalierte plötzlich, der Albaner zog eine Handgranate und wollte sie in den Checkpoint werfen. Wäre er nicht rechtzeitig von den Sonderpolizisten erschossen worden, würde ich heute nicht mehr hier sitzen. Das war mein zweiter Geburtstag.

Elisabeth Wehrschütz: Natürlich wird mir anders, wenn ich meinen Mann im TV mit Helm und schusssicherer Weste sehe. Aber ich bin der festen Überzeugung, jedem von uns ist der Zeitpunkt des Todes vorbestimmt. Mein Cousin war nie in einer lebensgefährlichen Situation und ist von einem Auto auf der Straße angefahren worden. Die Gefahr lauert überall.

Sie vertrauen Ihrem Mann, dass er keine Risiken eingeht?

Elisabeth W.: Nein, da vertraue ich ihm nicht. Mein Mann ist mit Leib und Seele Journalist und beobachtet Konflikte nicht nur vom Hotel aus.

Christian W.: Ich zähle nicht zur Gattung der Hotel-Journalisten, die ihre Kamerateams für sich in den Krieg schicken. Mein Team führe ich nach den Prinzipien einer militärischen Ausbildung: "Kommandanten führen von vorne und nicht von hinten." Ich würde mein Team nie einem Risiko aussetzen, das ich zuvor nicht eingegangen bin.

Wann ziehen Sie aus Sicherheitsgründen die Grenze?

Christian W.: Die Grenze ist in der Regel dann zu setzen, wenn die Straßensperre sagt: "Wir können dich nicht durchlassen, weil gerade das Artilleriefeuer im Gange ist." In Donezk haben wir so viele Tode gefilmt. Das waren Menschen, die in ihrem Auto unterwegs waren, und die Granate schlug zehn Meter neben ihnen ein. Von ihnen blieb nichts über. Wenn man in einer Stadt ist, die beschossen wird, weiß man logischerweise nie, wann und wo die nächste Granate einschlägt, muss man sich im Klaren sein: In letzter Konsequenz bist du in Gottes Hand. Man kann nur auf die alte Weisheit hoffen, dass Artilleristen nie zwei Mal auf dasselbe Ziel schießen.

Gibt es fixe Rituale, wie und wann Sie Ihre Frau über Ihren Status quo informieren?

Elisabeth W.: Wir telefonieren jeden Tag um sechs in der Früh, damit ich beruhigt den Tag beginnen kann. In der Ukraine wollte ich, dass Christian sich auch zu Mittag und am Abend meldet. Da wird nicht viel geredet, weil die Verbindung oft schlecht ist. Wir sagen auch nicht "Ich liebe dich", sondern wir verwenden Codewörter.

Welche zum Beispiel? Elisabeth W.: Navy CIS.

Christian W.: Das war einmal unsere Lieblingsserie (lacht).

Was bedeutet der Code?

Elisabeth W.: Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut.

Herr Wehrschütz, wenn man Ihre Biografie durchliest, bekommt man den Eindruck, dass Sie ein Querkopf sind. Würden Sie sich auch so sehen?

Christian W.: Ich habe eine Sympathie für historische Figuren, die ihren Weg abseits der Hauptströmungen gegangen sind. Denn ich glaube an das Sprichwort: "Wenn man zur Quelle will, muss man gegen den Strom schwimmen."

Sie sprechen sechs slawische Sprachen. Woher kommt diese Leidenschaft?

Christian W.: Ich habe 1980 neben Jus auch Russisch zu studieren begonnen. Da ich mich nie manipulieren lasse, wollte ich im Kalten Krieg auch die Sprache der zweiten Supermacht beherrschen. Im Februar 1992 war ich zum ersten Mal in Kiew, weil ich ein Buch des ehemaligen Sicherheitsberaters von Jimmy Carter gelesen habe. Er behauptete, dass das Schicksal der Ukraine der entscheidende Faktor für die Weiterentwicklung von Europa und Russland sein wird. Das war der Auslöser für mich, mich mit der Ukraine zu befassen und die Sprache zu lernen. Es ist auch meine Überzeugung, dass ich nicht aus Ländern berichte, wo ich nicht einmal ein Taxi in der Landessprache bestellen kann.

Sie sind seit 1999 Balkan-Korrespondent in Belgrad. Übersiedelte die Familie damals mit?

Christian W.: Belgrad hatte damals einen Charme, als würde man heute sagen, man lebt in Bagdad. Es gab keine guten Schulen für unsere Töchter, deswegen blieb die Familie in Österreich.

Herr Wehrschütz, Sie sind ein Experte für den Philosophen Immanuel Kant. Wie passt es zusammen, Fan der US-Serie Navy CSI und von Kant zu sein?

Christian W. : Mir gefällt die Serie und ich kann mich dabei gut entspannen. Ich lese auch seit meinem elften Lebensjahr jede Woche den Science-Fiction-Comic Perry Rhodan. Die Beschäftigung ein Mal in der Woche mit der "galaktopolitischen" Lage ist für mich Pflichtlektüre, weil Perry Rhodan die Geschichte einer geeinten Menschheit ist, die sich Weg zu den Sternen eröffnet. Es gab in meiner Schulzeit einen Perry-Rhodan-Slogan-Wettbewerb. Gewonnen hat damals der Slogan: "Egal, ob Russen, Deutsche oder Amerikaner. Bei Perry Rhodan sind sie alle Terraner." Das wäre für die Welt wünschenswert.

Wie sehr beeinflusst Ihre Leidenschaft für Kant auch Ihre journalistische Arbeit?

Christian W.: Es gibt drei Autoren, die mich journalistisch beeinflussen. Das eine ist Kant, der Zweite ist Nietzsche und der Dritte ist Karl Kraus. Kant hat uns gelehrt, dass man im Rahmen der Möglichkeiten der Vernunft vertrauen und jeder Situation mit Vernunft begegnen soll – und dadurch auch mit einer rational-kritischen Distanz. Nietzsche hat mich das radikale Hinterfragen aller vorgefassten Meinungen gelehrt. Das ist gerade in der Ukraine wichtig, wo man sich mitten in einer Propagandaschlacht befindet. Und Karl Kraus ist für mich der begnadetste journalistische Formulierer, den Österreich hervorgebracht hat. Einen habe ich noch vergessen, dass ist Friedrich von Hayek. Er hat einen beachtenswerten Text über das Informationsproblem der Journalisten geschrieben. Die größte Gefahr für Journalisten besteht darin, ihr eigenes Wissen zu überschätzen. Denn von all den Informationen, die wir brauchen, bekommen wir nur einen Bruchteil. Genau mit dieser Demut müssen wir an den Beruf herangehen.

Sie waren bis 2002 FPÖ-Mitglied. Ungewöhnlich für einen kritischen Geist wie Sie?

Christian W.: Ich bin bis heute der Meinung, dass Österreich einen dritten Weg zwischen den Großparteien braucht, um ein offener liberaler Staat zu werden. Die FPÖ hat meine Erwartung nicht erfüllt, deswegen bin ich 2002 wieder ausgetreten.