Britisches Kulturgut in Gefahr: 500 Pubs könnten heuer schließen

Die Gäste werden weniger, die Kosten mehr. Das Labour-Steuerpaket bringt die Pubs weiter in die Bredouille. Die reagieren mit klarem Protest.
UK government says no further Covid restrictions required until January

England wäre nicht England, wenn es eine Krise nicht mit einer Brise schwarzem Humor servieren würde. Oder, im konkreten Fall, einem kuriosen Pint. Wer im englischen Dorf Flaunden in Hertfordshire dieser Tage das Green Dragon Pub besucht und dort vom Zapfhahn „Rachel Thieves“ bestellt, bekommt von Chris Ghazarian – obwohl ein bitteres, teures Getränk versprochen wird – ein Glas Wasser. 

Es ist Ghazarians Art, seinen Protest an Finanzministerin Rachel Reeves zum Ausdruck zu bringen.

Die britischen Pubs haben es seit Jahren schwer. Seit der Pandemie, die diese Branche besonders hart traf, bleiben immer mehr Stammgäste aus. Sie holen sich das abendliche Glas Pale Ale oft im Supermarkt. Die junge Generation kann diese Lücke nicht füllen: Sie trinkt weniger Alkohol und geht an sich weniger aus. Was dafür steigt, sind die Kosten für die Betreiber.

Erste Konkursankündigungen

Mehr als 2.000 Pubs mussten in den vergangenen fünf Jahren zusperren. Die Branchenunion UKHospitality rechnet heuer mit 540 weitere Schließungen. Mit der Revel Collective Gruppe, die 62 Pubs betreut, hat im Jänner bereits die erste große Firma Konkurs angemeldet. 

BRITAIN-ECONOMY

Die Gastronomiebranche kritisiert Rachel Reeves Steuererhöhungen.

Schuld sehen Branchenvertreter und Opposition in den zermürbenden Preiserhöhungen der Labour-Regierung. Vergangenen November verkündete Finanzministerin Rachel Reeves in einem Paket die Anhebung der Sozialversicherung, der Gewerbesteuer sowie des Mindestlohns. Es war der Versuch der Sozialdemokraten, das staatliche Schuldenloch zu stopfen und Arbeitnehmern mehr Sicherheit zu bieten. 

Düstere Prognosen 

Doch die Branche schlitterte damit weiter in die Krise. In den zwei Monaten nach den neuesten Budgetanhebungen seien laut UKHospitality 9.000 Stellen im Gastgewerbe verschwunden. Es könnten 100.000 folgen, warnt die Union. 

UK marks one year of lockdown restrictioons began

Die Briten betrauern das Pubsterben, gehen aber weniger in Pubs.

"Die Regierung behauptet, wirtschaftsfreundlich zu sein", echauffiert sich Green-Dragon-Betreiber Chris Ghazarian im Telegraph. "Doch die Regierung hat es unmöglich gemacht, ein Unternehmen zu führen. Man kann Wachstum nicht durch Steuern erreichen."

Erhöhung trotz Rabatt

Der laute Protest der Pubs hatte eine erste Auswirkung. Im Jänner verkündete Labour eine 15-prozentige Reduktion der Gewerbesteuer-Erhöhungen. Das bedeute aber nicht, wie manche Pub-Betreiber den Gästen regelmäßig erklären müssen, dass nun Pints 15 Prozent billiger werden. "Meine Gewerbesteuern steigen immer noch", meinte Chris Ghazarian  zum Daily Express. "Ich bekomme nur einen Rabatt auf den möglichen Betrag."

Die einzige Hoffnung der Pubs nun: dass ihre Stammgäste zurückkommen. Der konservative Telegraph rief also die Aktion "Rettet die britischen Pubs“ in Leben, die Mirror-Gruppe begann, lokale Kampagnen zu unterstützen. Und ein engagierter Kunde hat, einmal mehr in typisch britischer Manier, eine Webseite gebastelt. Auf ismypubf***ed.com kann man nach jener Kneipe in seinem Umfeld suchen, die Unterstützung am dringendsten benötigt. 

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