Wirtshaussterben in Österreich: Sperrstund’ is – und zwar für immer

Schild mit der Aufschrift "Stammtisch"
Immer mehr Wirtshäuser sperren zu - die Gründe sind vielfältig. Deswegen soll jetzt ein Rettungsplan der heimischen Gastro in Oberösterreich helfen.

„Wenn Wirtshäuser zusperren, geht viel mehr verloren als die Grundversorgung.“ Thomas Stockinger,  selbst Gastronom, ist besorgt. Erstmals in der Geschichte wurde deshalb ein Dringlichkeitsantrag in der Fachgruppe Gastronomie der Wirtschaftskammer eingebracht: „Fast täglich sperrt irgendwo in Oberösterreich ein Wirt zu oder findet keinen Nachfolger.“

Konkret geht es um die klassische Wirtshauskultur. Diese könne angesichts gestiegener Kosten und der ausufernden Bürokratie nicht mehr rentabel betrieben werden. Viele neue Gesetze und Richtlinien seien beispielsweise in Diskussion. 

Darunter die verpflichtende Herkunftsbezeichnung, die Hitzeschutzverordnung, die Einwegverpackungsverordnung und die verpflichtende billige Speise auf der Speisekarte. „Dabei wurde uns von der Politik eigentlich Bürokratieabbau als Entlastungsmaßnahme versprochen.“

Warum der Fachgruppenausschuss gleich per Dringlichkeitsantrag mobilisiert werden muss, begründet Thomas Stockinger mit den Tücken der Statistik. Weil die Anzahl der Gastrobetriebe stabil sei, sehe man in der WKOÖ keinen Handlungsbedarf. In der Realität werde der Schwund der Wirtshäuser von immer mehr „To Go- und Fastfood-Betrieben zwar ausgeglichen.

Soziale Anlaufstelle im Ort

Damit stirbt aber nicht nur die Wirtshauskultur, sondern auch eine zentrale, soziale Institution im Ort.“ Stockinger weiter: „Es ist paradox, dass die Gesundheitsministerin soziale Kontakte per Krankenschein einführen will, und gleichzeitig eine Einrichtung, die diese Leistungen gratis erbringt, zum Tod verurteilt wird.“ Er fordert, dass ein Aktionsplan zur Rettung der Wirtshäuser in OÖ ausgearbeitet wird.

Mann mit dunkler Jacke vor dunklem Hintergrund

Franz Grillnberger geht in Pension, sein Wirtshaus bleibt zu.

Probleme der Wirte

Wenige Tage noch, dann ist Franz Grillnberger in Pension. Er verabschiedet sich nach 35 Jahren als Wirt und Hotelier in den  Ruhestand. Wie es mit seinem Gasthof zur Post in Ansfelden, Oberösterreich, weitergehen wird, ist ungewiss. 

Denn Grillnbergers Nichte wird zwar das Hotel zur Post übernehmen. „Die Gastronomie ist ihr aber zu unsicher, es gibt ja so viele Personalprobleme. Wir finden keine Leute, die noch voll und am Wochenende arbeiten wollen“, beschreibt der Wirt die Entwicklung.

Heimische Küche fehlt

Natürlich schmerze ihn das emotional, das Haus hätten ja vorab seine Eltern geführt und es sei ein richtiger Familienbetrieb gewesen. „Unsere Stammgäste sind natürlich sehr traurig, wir sind das letzte Wirtshaus im Ort. Die Leute wissen jetzt nicht, wo sie zu den Feiertagen heimische Küche bekommen. Es geht eine Tradition verloren.“

Seit der Corona-Pandemie seien die Gäste immer häufiger aus geblieben, „das Wirtshaus selbst war schon lange nicht mehr wirtschaftlich. Das konnte ich nur wegen des Hotels halten, das gut läuft“, erklärt der 65-Jährige.

Lehrlinge bleiben aus 

Klaus Wahl war 46 Jahre lang in der Gastronomie tätig, vor rund zwei Jahren ging der Oberösterreicher in Pension. Sein Wirtshaus, den Paschingerhof im gleichnamigen Ort, konnte er zum Glück übergeben, das Haus wird weitergeführt. Trotzdem hat sich viel verändert: „Früher hab ich ganz leicht Lehrlinge gefunden, in den letzten vier, fünf Jahren ist nicht mal eine einzige Person schnuppern gekommen. Auch Aushilfen für Feiern, Begräbnisse oder Festtage sind jetzt kaum mehr zu bekommen“, sagt  der 62-Jährige.

Früher hätten die Leute mehr Alkohol getrunken, dafür essen sie jetzt mehr. Auch die Stammtische seien am Sonntagvormittag voll gewesen, „jetzt kommen  fünf Leute. Es ist wie ausgestorben.“

Vor allem Jüngere können sich das Essen und Trinken auswärts oft nicht mehr leisten, sie bleiben  zu Hause. Auch Bälle seien komplett von der Bildfläche verschwunden. Er selbst sei noch bis Weihnachten 2025 im Wirtshaus aktiv gewesen, „jetzt ist aber endgültig a Ruah.“

46-221869331

Problem auch für Gemeinden 

„Meine Traumvorstellung von der österreichischen Wirtshauskultur wäre ein Wirtsleute-Ehepaar.“ Markus Hofko, Bürgermeister von Pasching in Oberösterreich, hat konkrete Vorstellungen. Dass die vermutlich nicht Realität werden, weiß der Politiker selbst. 

Die Suche nach einem neuen Pächter für das Gemeindelokal im Ortsteil Langholzfeld gestaltet sich nämlich schwierig. Bewerbungen gibt es einige, hauptsächlich für asiatische, türkische oder syrische Küche, sogar die potenziellen Betreiber einer Shisha-Bar haben ihre Unterlagen eingereicht.

Die Lokalität befindet sich direkt gegenüber der Kirche, zehn Gehminuten vom Linzer Stadtfriedhof entfernt. „Ich begrüße jede kulinarische Vielfalt, aber in diesem Wirtshaus erwarten sich die Leute einfach, dass es bodenständige Hausmannskost gibt.“ Ausreichend Personal zu finden, sei für alle in der Gastronomie schwierig, „wer da nicht auf ein großes Familiennetzwerk zurückgreifen kann, muss lange suchen“, so der Bürgermeister der 8700-Seelen-Gemeinde. Die Suche nach dem passenden Pächter geht  weiter.

Vier-Tage-Woche 

In Traun hat  diese Suche mehr als ein Jahr gedauert. Nun kann Bürgermeister Karl-Heinz Koll die guten Nachrichten verkünden: Das Restaurant im Schloss Traun hat nach einer langen Odyssee einen neuen, alten Pächter. 

Der Betreiber des beliebten Sudhaues in Traun, Robert Mader, übernimmt die Lokalität – erneut. Er war vor vielen Jahren bereits am Start. „Es wird erweitert und umgebaut, vor dem Sommer soll eröffnet werden“, freut sich Bürgermeister Koll.

Wirtshaus statt Kebab und Pizza

Bewerber gab es auch bei ihm viele, das Restaurant ist eine beliebte Hochzeitslocation. „Kebab, Pizza oder chinesisches Fastfood hätten wir innerhalb kürzester Zeit drin haben können. Wir wollten aber, dass es traditionelle Speisen gibt“, erklärt der Politiker die lange Suche. 

Ein Thema sei auch die Öffnung an nur vier Tagen gewesen, die einige Gastronomen durchsetzen wollten. „Das Restaurant wird künftig Montag bis Samstag ab 16 Uhr offen haben und  Hochzeiten, Taufen und Begräbnisse abdecken.“

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