"Ein geiler Laden": Vater und Sohn übernahmen Wirtshaus in Höflein
Roland (li.) und Fabian Zipfelmayer im Gasthaus "Am Spitz" in Höflein.
Roland Zipfelmayer und das alte Dorfgasthaus „Am Spitz“ in Höflein bleiben einander nichts schuldig. Ein Leben voller Abenteuer, sonderbarer Wendungen und Zufälle trifft auf ein Haus mit einer mehr als hundertjährigen Geschichte, die alles erzählt, was das alte Pannonien ausmacht. Es scheint, als wäre zusammengewachsen, was zusammengehört.
Der alte Holzboden glänzt wie Speck und knarzt wie eine alte Kellertür. Vom eisernen Ofen mitten im Schankraum, 1934 installiert, ragt das grausilbrige Rohr Richtung Decke, bevor es schnurstracks zur Wand abbiegt.
Dort hängen hunderte Fotos von Feuerwehrmännern mit Helm, die ältesten aus dem Jahr 1908. So sieht es heute aus, und so sah es auch aus, als Roland Zipfelmayer und sein Sohn Fabian das Haus im Jahr 2023 erstmals betraten. Der Vater, der zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon in Pension war, fühlte sich an seine Jugend erinnert: „Das wär’ zum Abschluss genau meins.“
Alte Wände voller Bilder von Feuerwehrmännern.
Im Oktober 2023 sperrten sie auf. Heute sind die Zipfelmayers froh, dass sie auf die Ratschläge von Unternehmensberatern pfiffen und deren Businesspläne als Anzündpapier für den alten Ofen hielten. „Wie soll sich das ausgehen in einem Dorf mit 1.200 Einwohnern?“, hatten die zu bedenken gegeben, aber der Vater, ein gebürtiger Wiener, der lange in Deutschland lebte, entgegnete bloß: „Ist doch ein geiler Laden, so was muss man erhalten.“
Gemeindearrest
Bis es aber so weit kam, wussten Roland Zipfelmayer und das Gasthaus jahrzehntelang nichts von ihrer Bestimmung. Das alte Gemäuer war in seinen mehr als 100 Jahren auch schon Gemeindearrest, Vereinslokal der Feuerwehr und Fleischbank. Wechselnde Pächter verzeichnet die Ortschronik – einer kündigte gleich wieder, weil es seinen ersten Kirchtag verregnete. Wenn er seine Backhendln selber essen muss, so geht die Überlieferung, hat das alles ja keinen Sinn.
Spätere Wirtsleute stellten den zum Haus gehörigen Stall immer wieder fahrendem Volk als Herberge zur Verfügung. Es kamen die Pfannenflicker, die Scherenschleifer und die Reitermacher, wie die durchziehenden Roma früher in Pannonien genannt wurden (Reiter waren Getreidesiebe).
- Wo?
Vohburger Straße 27, 2465 Höflein, 02162/23200, www.dorfgasthaus-am-spitz.com. - Wann?
Täglich außer Mi. und Do. ab 10 Uhr; nur Barzahlung. - Was und wieviel?
Klassische regionale Wirtshausküche: Ungarische Fischsuppe (5,20 €), Zander mit Kräuterbutter (19,80 €), Hirsch (Braten: 22,20 €, Schnitzel: 20,50 €), Tafelspitz (22,50 €), Hianzen-Dalken mit Maroni und Apfelmus (6,80 €); Hauptgerichte: 13,90 bis 23,80 €. Von Do. bis So. betreibt Sohn Fabian auch das kleine Burgerlokal „FAZ“ hinter dem Schankraum. - Warum?
Weil das Dorfgasthaus weit und breit eines der authentischsten ist; weil bei den Öffnungszeiten statt der Sperrstunde nur das Wort „Ende“ steht; und weil Vater und Sohn Wirte mit Leib und Seele sind.
Dann und wann erblickte im Stroh des Stalls – siehe Bethlehem – sogar ein Kind das Licht der Welt, welches dann im eiskalten Wasser des Ziehbrunnens gewaschen wurde. Auch das vermerkt die Dorfchronik.
In den 1950er-Jahren führt Familie Krems das Dorfgasthaus durch ruhiges Fahrwasser, aufgewühlt allenfalls durch lange Feuerwehrballnächte im Saal hinter der Schank. Damals, 1957, kommt in Wien Roland Zipfelmayer zur Welt. Die Karrieren der Eltern – der Vater ist Bühnenbildner für den berühmten, aber NS-belasteten Zauberer Kalanag, die Mutter Tänzerin – verschlagen ihn als Kind nach Berlin.
Flucht nach Damaskus
Wegen des Numerus clausus fürs Medizinstudium inskribiert Roland Jus in Bielefeld. Bald muss er flüchten, weil er nicht zur Bundeswehr will. Er lebt einige Zeit in Damaskus, wo er einem Freund in der Autowerkstatt hilft, und kehrt nach Wien zurück. Aber jetzt will das Bundesheer den Doppelstaatsbürger einziehen, also wieder Berlin. Westberlin. Dort ist er sicher, denn auf der Insel inmitten der DDR gilt das Grundgesetz nicht; deshalb gibt es auch keine Wehrpflicht.
Und dann bleibt er wieder woanders picken. „Es war einfach nur ein Urlaub in Podersdorf am See“, sagt er, aber der ist seither nie offiziell zu Ende gegangen. Er betreibt zunächst das örtliche „Café Royal“ und später die „Seejungfrau“ in Jois; dann geht er in Pension.
In Höflein steht derweil das alte historische Gasthaus leer – bis die Gemeinde es kauft und zur Pacht ausschreibt. Vater und Sohn schlagen zu; der Junior ist heute offizieller Wirt und schupft die Abende, der Senior übernimmt die Tagschicht. Mit einem kleinen, aber kundigen Küchenteam versorgen sie jetzt seit mehr als zwei Jahren den Ort und alle, die von auswärts kommen.
Rostbraten in Flammen
Die gebackene Leber ist bereits über Höflein hinaus bekannt, Hirschschnitzel und -braten passen perfekt zur erlesen sortierten Weinkarte, die Flaschen aus dem Ort (in Höflein sind schließlich Weingüter wie Artner oder Payr daheim) und dem Burgenland umfasst. „Unser bekanntestes Ding ist aber der Zwiebelrostbraten, sagt Roland. „Flambiert, ich will das so.“
Der Zwiebelrostbraten muss hier flambiert werden.
Und wenn der Vater mit dem Sohne ein Wirtshaus führt, hat das noch andere Vorteile, wie Fabian mittlerweile weiß: „Ich bring’ halt auch junge Leute ins Gasthaus, weil ich daneben ein Burgerlokal habe, und der Vater kommt wegen seines lockeren Berliner Schmähs mit den Alten an der Schank super zurecht.“ In Höflein ist wirklich zusammengewachsen, was zusammengehört.
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