Eine ganz andere Bildsprache hingegen weisen die Bilder der Dschihad-Katzen ("Cats of Jijhad") auf. Sie sind eine Reverenz an Mohammed, der selbst ein großer Katzenfreund gewesen sein soll.

© Screenshot Twitter

Propaganda
08/20/2014

Wie das virale Netzwerk der Terroristen funktioniert

Hochglanz-Kriegsfilme, eine eigene App, Katzen im Arm: IS führt auch im Netz ihren Krieg.

von Evelyn Peternel

Zeigen oder nicht zeigen? Das IS-Video, das die Enthauptung des US-Journalisten Foley zeigt, hat die Debatte über den Umgang mit derart bestialischen Bildern neu aufflammen lassen: Im Feuilleton und im Netz wurde unter dem Hashtag #ISISmediaBlackout gefordert, die Verbreitung des Materials zu unterlassen (siehe Kommentar dazu unten).

Das Argument: Man bediene schließlich die Propaganda-Maschinerie der Terrorgruppe – denn die Dschihadisten ebnen sich ihren Weg nicht nur im Kampf, sondern auch mit viralen Strategien. So produziert man etwa Kriegsfilme, die in ihrer Hochglanz-Optik jedem US-Blockbuster Konkurrenz machen: Zuletzt wurde "Das Klirren der Schwerter IV" hunderttausendfach angeklickt, bevor Youtube es gelöscht hat – in dem Film mischen sich reale Szenen der IS-Dschihadisten mit gestellten Aufnahmen, die frappant an US-Filme wie „Zero Dark Thirty“ oder „The Hurt Locker“ erinnern; Slow-Motion und professionelle Nachbearbeitung inklusive.

Die perfekte Waffe

Auf Youtube ist das Video zwar nicht mehr zu finden, dafür aber auf diversen anderen, unbekannteren Seiten. Um Sperren auf den großen Portalen zu umgehen - die dafür zwar ohnehin einige Zeit brauchen, aber für den medialen Feldzug der Kämpfer unabdingbar sind -, hat die Gruppe eine App namens "Dawn of the Glad Tidings" (deutsch: Dämmerung der guten Neuigkeiten) entwickelt: Mithilfe dieser App, verfügbar für iPhone wie Android, können die Kämpfer ihre Propaganda über die Twitter-Accounts ihrer Sympathisanten verbreiten – hat man die Applikation einmal heruntergeladen, haben die Dschihadisten Zugriff auf das soziale Netz des Nutzers. Die perfekte Waffe nahezu - damit umgeht IS nämlich auch das ewige Spiel des Account-Löschens, Account-Neu-Eröffnens auf Twitter.

Dschihad-Katzen

Doch auch auf Facebook und Instagram zeigt die Terrormiliz Präsenz – dort oft über die Accounts der Kämpfer selbst, die sich dort mit Kampf-Fotos oder Aufnahmen aus dem privaten Umfeld zeigen. Höchst beliebt sind seit geraumer Zeit Fotos mit Katzen: „Cats of Jijhad“ nennt sich der Trend, man posiert mit Waffen, in Montur und seinen felinen Freunden; eine Reverenz an Mohammed, der selbst ein großer Katzenfreund gewesen sein soll.

Dies soll vor allem – Stichwort Vorbildwirkung – der Rekrutierung neuer Kämpfer dienen, der Coolness-Faktor der Bilder fördert dies natürlich. Aber auch abschrecken will man damit: Ankündigungen, welches Ziel als nächstes angegriffen werde, haben schon oft zur Flucht der Bevölkerung und auch der gegnerischen Einheiten geführt. Zu jenem Zeitpunkt, als IS auf dem bisherigen Höhepunkt ihres Vormarsches ankündigte, Bagdad erobern zu wollen, fand man auf Twitter unter dem Hashtag #Baghdad ausschließlich Material der IS-Propagandisten.

Schmaler Grat

Viral ist derzeit auch ein anderes Video – und zwar die mehrteilige Reportage von Vice, die die IS-Terroristen in Syrien zeigt: Reporter des Portals, das für seine eigenwilligen Zugänge zu Geschichten bekannt ist, haben die Kämpfer bei all ihren, teils unmenschlichen Aktivitäten begleitet. Dass dies in all seiner Schrecklichkeit gezeigt wird, hat Vice nicht nur Lob eingebracht; auf der anderen Seite machten sich viele stark für die Reportage, da es bisher kein anderes Medium gewagt hatte, sich so nah an die Terroristen heranzuwagen.

Die Debatte, wie sehr man sich selbst zum Mitläufer macht, wenn man Material der IS zeigt, wird also mit Sicherheit noch weitergehen. Twitter hat übrigens auf den "Blackout"-Aufschrei reagiert: Alle Accounts, die das Enthauptungs-Material verbreiten, werden nun kurzerhand gesperrt.

Der Mord an James Foley: Schneeballeffekt des Horrors

Am späten Dienstagabend platzte via Twitter eine emotionale Bombe. Reihenweise gingen Nachrichten von einem gewissen James Foley ein. „Enthauptet“, „schaut euch das Video nicht an“, „verbreitet keine Bilder“ lautete der panische Chor westlicher Journalisten und Nutzer. Was war passiert?

Register der medialen Kriegsführung

Die Terrormiliz Islamic State (IS) hatte den seit 2012 in Syrien entführten US-Fotografen offenbar bestialisch ermordet. Die Gruppe stellte das Video online und zog dann alle Register der medialen Kriegsführung. Das Material wurde auf Twitter gestellt, wo der Schneeballeffekt des Horros eintrat: Bildausschnitte sind auf dem Kurznachrichtendienst oft auch dann zu sehen, wenn die User Links weiterverbreiten. In der Schnelle des Mediums wird oft schneller geklickt und geteilt, als man denken kann.

Am Dienstag passierte dennoch Bemerkenswertes: Eine große Zahl von Usern mobilisierte gegen die Weiterverbreitung des graufenhaften Propagandamaterials. Der Hashtag #ISISmediaBlackout verbreitete sich ebenso rasend wie das IS-Video und die Teilnehmer plädierten dafür, dem Kalifaten-Terror-Regime nicht auf den Leim zu gehen, indem man seine Bilder weiterverbreite, so erbarmungswürdig grausam die auch sein mögen. "In Momenten wie diesen sind die Nutzer gefragt", schrieb Süddeutsche de am Mittwoch.

Dilemma für Journalisten

Ein Erfolg der Zivilgesellschaft auf sozialen Netzwerken, die allzu oft Propaganda aus dem Druckkochtopf Naher Osten gedankenlos weiterverbreitet hatte. Was wiederum die Journalisten vor ein Dilemma bei der Bildauswahl stellt: Der dokumentarische Charakter der Aufnahme ist unbestritten wichtig. Auch Selbstzensur ist eine Beschränkung der Meinungsfreiheit, wobei der perfide Propaganda-Schlachtzug der IS-Terroristen natürlich genau diese Nebenfront im Visier hat: Wenn Medien und Bürger sich in ihrer Informationsfreiheit beschränken, um einem Außenfeind keinen Punkt machen zu lassen, zieht das unweigerlich Konsequenzen nach sich. Ähnlich wie die Hochrüstung der Sicherheitsapparate bis zum Schuhe-Ausziehen am Flughafen nach 9-11 handelt es sich um einen indirekten Angriff auf ein liberales System, das sich selbst ein Stück Offenheit und Freiheit nehmen muss.

"Dokumentarisch" greift zu kurz

Dennoch: Die Bilder, die auch von Nachrichtenagenturen und herkömmlichen Medien (auch Kurier.at ) von derTötungsszene verbreitet werden, sollten journalistisch sorgfältig behandelt werden. Und als das betrachtet werden, was sie sind: Die Inszenierung einer blutrünstigen Mörderbande. Filmstills, in denen James Foley mit rasiertem Schädel in einer orangen Uniform vor seinem Häscher kniet, sind kein journalistisches Produkt, sondern reines Propagandamaterial, in dem einem Menschen in den letzten Minuten seines Lebens auf schändlichste Weise die letzte Würde genommen wird. Die Verbreitung rein unter dem Blickpunkt des „Dokumentarischen“ greift hier zu kurz. Um ein krasses Gegenbeispiel zu nennen: Niemand käme auf die Idee, Standbilder aus beschlagnahmten Kinderpornos „aus dokumentarischen“ Zwecken zu schildern, so aufsehenerregend der berichtete Fall auch sein mag.

Ein Kollege, der Foley kannte, schreibt in einem Beitrag, dass es dem Leben des leidenschaftlichen Reporters einen schlechten Dienst erweisen würde, wenn man die Umstände seines Todes verschweigen würde. Er beschreibt den Amerikaner als kompromisslosen Berichterstatter, der bereits im lybischen Regime Muammar Gaddafis für ein Monat in Gefangenschaft geriet. Es hielt Foley nicht davon ab, aus Syrien zu berichten, wo er 2012 entführt wurde. Es stellt sich dennoch die Frage, wie man das Bildmaterial sorgfältig in die Berichterstattung einordnet und dem reißerischen Charakter der Inszenierung nicht zuviel Raum gibt.

Einen möglichen Hinweis gibt uns die Mutter des Ermordeten: "Wir waren noch nie stolzer auf unseren Sohn. Er hat sein Leben dafür gegeben, der Welt das Leiden des syrischen Volkes zu zeigen", schreibt Diane Foley. Einen schöneren Appell für die Freiheit der Presse könnte es nicht geben. Das sollte eigentlich medial höher bewertet werden als die Niedertracht einer gemeinen Mörderbande.

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