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Politik Ausland
10/10/2021

Produktengpässe in London: „Kipferl“ kämpft mit Brexit-Brösel

Hubert Zanier, Chef eines österreichischen Lokals in London, bringen die Folgen des Brexit an die Grenze – er hofft auf Hilfe aus Österreich

Aus London Anna-Maria Bauer

Auf den ersten Blick wirkt es fast wieder wie früher.

Stimmengewirr und Geschirrklappern hallt durch die schmalen Gassen der Camden Passage im Londoner Stadtteil Islington. Vor dem österreichischen Lokal „Kipferl“ inmitten der Passage sind die Tische fast vollständig besetzt. Nach den pandemie-bedingt ruhigen Monaten müsste das für den Gastronomen ein Moment des Aufatmens sein.

Doch für Kipferl-Betreiber Hubert Zanier ist die Situation angespannter denn je. Die Gäste kommen zwar langsam wieder – und der gebürtige Tiroler und Wahllondoner könnte sich nicht mehr darüber freuen –, aber sonst, „fehlt es so ungefähr an allem“, sagt der Unternehmer.

Von vorne: England hat am 19. Juli zwar offiziell die Corona-Maßnahmen fallengelassen. Doch ist die Zahl der Neuerkrankten weiterhin sehr hoch. Gleichzeitig wird ein anderes Problem immer virulenter: Das Ausscheiden Englands aus der EU und die daraus resultierenden Mangelerscheinungen.

Punkt eins, listet Zanier auf, ist die neue Bürokratie: „Es ist um ein Vielfaches schwieriger, Produkte aus Österreich einzuführen. Während Pre-Brexit eine Warenbestellung in drei Tagen da war, braucht es nun zwei Wochen. Eine Schnapsbestellung vom Gölles ist seit zwei Monaten unterwegs. Ich habe keine Ahnung, wo ist sie oder ob sie noch ankommt.“

Dazu kommt, Punkt zwei, das Fehlen der rund 100.000 Lkw-Fahrer. Der englische Transportminister Grant Shapps betont zwar, dass dies nichts mit dem Ausscheiden der EU zu tun hat, aber das Auftreten der Knappheit ist doch verdächtig nahe mit dem Ablauf der Übergangsfrist zusammengefallen – und hat zu den kuriosesten Meldungen geführt: Die Fast-Food-Kette McDonalds musste wegen Milchmangels die Shakes vorübergehend aus dem Sortiment nehmen, der Pub-Kette Wetherspoons ging das Bier aus. KFC und die südafrikanische Schnellrestaurantkette Nando’s konnten kein Hendl servieren. Und seit zwei Wochen kommt es zu Panikkäufen auf den Tankstellen.

Mittlerweile sind nicht mehr nur die Ketten von diesen Ausfällen betroffen, auch im „Kipferl“ spürt man die Lkw-Lücke: „Unseren Lieferanten geht Grundlegendes aus, neben Hendl auch Produkte wie Zucker“, sagt der Wirt. „Und sie haben diese Woche die Hälfte der Pakete nicht zustellen können, weil sie nicht genug Diesel hatten.“

Mitarbeiter fehlen

Noch dramatischer ist nur Punkt drei, das Fehlen der Mitarbeiter. „Ich habe derzeit sieben Vollzeitarbeitskräfte, benötigen würde ich mindestens zehn.“ Auf eine Annonce, auf der sich vor Brexit noch 300 bis 400 Personen beworben haben, meldeten sich nun exakt fünf. Wie er sich das bei einer Arbeitslosenquote von 4,6 Prozent erklären kann? „Es gibt in England keine Hotel- und Gastronomieschule wie bei uns. Gerade im Hotel- und Gastgewerbe gibt es also viele europäische Arbeitskräfte. Oder“, ergänzt er, „gab es.“

Seit Monaten hilft Zanier im Service mit, um die fehlenden Beschäftigten wettzumachen. Dabei füllt die administrative Arbeit mittlerweile mehr als eine Vollzeitstelle. Und dann sind im Sommer auch noch zwei Köche ausgefallen: „Obwohl also endlich wieder die Nachfrage da ist, müssen wir seit August zwei Tage die Woche zusperren“, sagt Zanier resigniert. „Ich habe einfach nicht genug Personal.“ In der Zeit, in der er die 100.000 Euro Verlust durch die Pandemie ein wenig hätte wettmachen können, musste er weitere 20.000 Euro an Einbußen einstecken.

Einen Koch er nun nach dreimonatiger Suche gefunden – somit kann er seit dieser Woche wieder sechs Tage die Woche geöffnet haben. Dafür hat der Restaurantmanager das Handtuch geworfen. Ob er eine Anstellung in einem anderen Lokal gefunden hat, wollte Zanier bei seiner Kündigung wissen. „Nein“, erwiderte der Manager. Den nächsten Teil der Antwort konnte Zanier fast nicht glauben: Ein Gastro-Job sei ihm zu stressig. Er wolle sich zum Lkw-Fahrer ausbilden lassen.

Zanier hat die Hoffnung eigentlich aufgegeben, in England Unterstützung zu finden und wendet sich an sein Heimatland: „Wenn es einen Restaurantmanager in Österreich gibt, der Erfahrung in England sammeln möchte, würde ich ihn sofort herholen.“ Die 2.000-Pfund-Lizenz, um Arbeitsvisa ausstellen zu können, hat er sich sicherheitshalber bereits besorgt.

Auf den zweiten Blick ist nämlich nichts wie früher.

Glosse: Bitte warten!

Man selbst gehört ja nie dazu. Man schmunzelt über sie, ist genervt, mokiert sich. Sicherlicht ist man kein Teil davon.

Man selbst ist nicht nervös, man steht in dieser Samstagnacht in der Schlange vor der Tankstelle in Südengland, weil man muss. Weil man einen Grund hat –den neuen Job, der die Anreise mit dem Auto verlangt und den man just mit dem Aufkeimen der britischen Treibstoff-Knappheit erhielt. Die keine Treibstoff-Knappheit ist, wie die Regierung nicht müde wird zu betonen, weil es genug Benzin und Diesel im Land gibt, bloß eben nur in den Raffinerien, und so gibt es bloß eine Lkw-Fahrer-Krise, aber dramatisch ist die keinesfalls.

Blöd nur, dass auf die Aufforderung, keine Panikkäufe zu tätigen, ganz England ins Auto gestiegen ist. Und die Nachfrage in der Folge aufs Fünffache. Nun sind die Tankstellen wirklich leer.

Die Schlange schiebt sich voran, zwei Reihen werden zu einer und das Auto links lässt einen zuerst fahren. Das ist England: Selbst in der Krise wird höflich gewartet.

Trotzdem steigt die Unruhe. Die jüngsten Berichte kommen in den Sinn: Autos, die vor Raffinerien warten, um Trucks zu Tankstellen zu eskortieren. Tankladungen im Wert von 53.000 Euro, die gestohlen werden. Gezückte Messer. Und 40.000 Liter, die sonst für eine Woche reichen und nun nach ein paar Stunden weg sind.

Endlich erreicht man die Zapfsäule. Das Benzin in der Luft macht schwindlig. Die Hand zittert. Und dann gluckert der Treibstoff in den Tank, der Knoten im Hals löst sich; man möchte die anderen umarmen.

Aber das ist normal, kein Zeichen von Hysterie, man ist schließlich keine Panikkäuferin.

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