Dilma Rousseff, 66, strebt eine zweite Amtszeit bis 2019 an

© REUTERS/PAULO WHITAKER

Brasilien
10/24/2014

Patrizier-Spross fordert Ex-Guerillera

Präsidenten-Stichwahl in Brasilien: Amtsinhaberin Rousseff ist angeschlagen, führt aber die Umfragen knapp an.

Sie – eine frühere marxistische Untergrundkämpferin. Er – ein Spross aus einer superreichen Patrizierfamilie. Sie steht für ein linkes Gesellschaftsmodell samt Staatsdirigismus, er für eine konservative Wende samt Marktliberalismus. Es gibt nur zwei Dinge, die Dilma Rousseff und Aecio Neves einen: Beide stammen aus dem Bundesstaat Minas Gerais, und beide wollen bei der Stichwahl kommenden Sonntag Präsident von Brasilien werden. Umfragen sagen ein knappes Rennen voraus, wobei das amtierende Staatsoberhaupt, eine Tochter bulgarischer Einwanderer, zuletzt die Nase vorne hatte.

Vor drei Wochen konnte die 66-Jährige 41,6 Prozent der Stimmen verbuchen (bei 143 Millionen Wahlberechtigten). Ins direkte Duell schaffte es mit 33,6 Prozent Zustimmung überraschend Aecio Neves uns strafte damit sämtliche Demoskopen Lügen, die Marina Silva von den Sozialisten im Zweikampf um das höchste Amt im Staat sahen. Ihren Wählern (mehr als 20 Prozent) empfahl sie jetzt, in den zweiten Runde für den 54-Jährigen zu votieren.

Dieser hat eine gute Reputation: Als Gouverneur von Minas Gerais (2002–2010) führte er den Bundesstaat, der nahezu pleite war, unter anderem durch einen radikalen Abbau der Bürokratie zu neuer Blüte. Neves – er ist der Enkel des ersten frei gewählten Präsidenten Tancredo Neves, der aber 1985 knapp vor Amtsantritt starb – will dieses Erfolgsmodell auf das ganze Land mit seinen rund 200 Millionen Einwohnern übertragen. Er wird nicht müde, die Wende zu propagieren.

Große Unzufriedenheit

Damit trifft er bei bestimmten Schichten, vor allem bei Wirtschaftstreibenden, Bessergestellten und Protestwählern, den Zeitgeist. Laut einer Umfrage sprechen sich drei von vier Brasilianern dafür aus, dass die kommende Regierung die Dinge anders anpacken soll. Groß ist die Unzufriedenheit hinsichtlich des Gesundheits- und Bildungssystems sowie mit dem Transportwesen (Stichwort: Öffentlicher Verkehr). Im Vorjahr gab es deswegen zahlreiche Demonstrationen, an denen bis zu einer Million Menschen teilnahmen.

Auch die ausufernde Korruption stößt den Menschen bitter auf. Jüngst erst wurde bekannt, dass höchste Kreise von Rousseffs Arbeiterpartei (PT) in eine Affäre rund um den staatlichen Energieriesen Petrobras verwickelt sein sollen. Dass die Wirtschaft schwächelt und zu Jahresbeginn sogar in die Rezession geschlittert war, ist ein weiterer Minus-Punkt für die Präsidentin, die 2011 das Amt von ihrem früheren PT-Mentor Lula da Silva übernommen hat.

Dilma, wie die Staatschefin meist nur genannt wird, verweist auf die globale Krise und auf ihre Erfolge in der Armutsbekämpfung. Tatsächlich gelang es in der PT-Ära (seit dem Jahr 2003), mit Sozialprogrammen an die 40 Millionen Brasilianer aus dem tiefsten Elend zu holen, sie sind nun Teil der unteren Mittelschicht. In diesem Wählersegment fischt Rousseff erfolgreich, und das könnte ihr den Wiedereinzug in den Palast der Morgenröte, dem Sitz des Präsidenten, doch noch ermöglichen.

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