Oslo-Attentäter plante zweite Anschlagsserie

Herrenloser Koffer: Oslos Bahnhof wurde vorübergehend gesperrt.

Die Polizei hält Anders Breivik für einen Einzeltäter, fürchtet aber Nachahmer. Der Killer wird rund um die Uhr überwacht.

Tage nach dem Blutbad in Oslo und auf Utøya mit 76 Toten berichtete am Mittwoch erstmals der Einsatzleiter Havard Gasbakk von der Festnahme des Attentäters. Gemeinsam mit acht Beamten der Eliteeinheit "Delta" waren zwei örtliche Polizisten eine Stunde nach dem ersten Alarm auf der Insel im Tyrifjord gelandet. Sie hätten sich durch dichtes Gebüsch schlagen müssen und anfangs keinen Überblick gehabt: "Aber dann geht das Ganze in Baumgebiet über, und plötzlich steht der Täter mit hoch über den Kopf erhobenen Armen vor uns. Er wird ganz normal festgenommen. Die Waffen liegen 15 Meter hinter ihm."

Angesichts der anhaltenden Kritik am Polizeieinsatz kündigte Premier Jens Stoltenberg eine "umfassende Aufarbeitung" der Anschläge durch eine unabhängige Kommission an.
Nach bisherigen Erkenntnissen handelte Anders Behring Breivik allein. Geheimdienstchefin Janne Kristiansen bezeichnete ihn als "einsamen Wolf". Die Polizei fahndet aber nach einem potenziellen Nachahmungstäter. Der "instabile Mann" sei erst aus der Haft entlassen worden und könnte sich mit Breivik identifizieren.

"Bonus-Mission"

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Auf der Farm des Killers zündete die Polizei den restlichen dort gelagerten Sprengstoff. Wie am Mittwoch bekannt wurde, hatte sich Breivik in einem Schützenverein vorbereitet. Er sei von 2005 bis 2007 und erneut ab Herbst 2010 Mitglied gewesen, aber nie auffällig geworden, teilte Oslos Pistolenclub mit.

Für den Fall, dass ihm nach einer Verhaftung die Flucht aus dem Gefängnis gelingen sollte, plant der 32-Jährige laut seinem Manifest eine zweite Anschlagsserie, die er "Bonus-Mission" nennt. Dafür brauche er ein Depot mit Waffen, Wasser, Nahrung und Geld. Ziel seien "drei bis fünf" pro-islamische "Verräter", die er binnen ein bis drei Stunden töten wolle.

Breivik wird in der Haftanstalt Ila westlich von Oslo festgehalten. Dort ist er in einer 7qm - Zelle untergebracht und wird bewacht, um einen Selbstmord auszuschließen. Laut seinem Anwalt ist Breivik, dem eine Anklage wegen Terrorismus oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit droht, geisteskrank. Kristiansen bezeichnet ihn hingegen als zurechnungsfähig. Er sei berechnend und habe Jahre an seinen Taten gefeilt.

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Im Manifest offenbart Breivik Details über sein Leben, zum Teil in Form eines Interviews mit sich selbst. Er wurde in London geboren, nach einem Jahr trennten sich die Eltern. Die Mutter ging mit ihm nach Oslo, wo sie ihren zweiten Mann kennenlernte. Er habe eine "privilegierte Kindheit" gehabt, so Breivik. In der Jugend habe er Graffitis gesprüht. Er wurde immer radikaler, 2002 begann er mit der Planung der Anschläge. Breiviks Weltbild ist voller Fremden- und Islamfeindlichkeit und Hass auf Frauen.

"Schlampen"

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Das "zu freie" Klima in Europa habe ihn "feminisiert", schreibt er und beklagt den "schmutzigen" Einfluss von Musikerinnen wie Lady Gaga sowie die vielen "Schlampen" mit Geschlechtskrankheiten. Über Sexualität schreibt er vor allem in Bezug auf Krankheiten. Der Sittenverfall erfasse auch seine Familie, die "wegen der feministischen sexuellen Revolution zerbrach".

Sein Stiefvater sei eine "Sexbestie, die die meiste Zeit mit Prostituierten in Thailand verbringt". Er habe die Mutter mit Herpes angesteckt, was zu einer Hirnhautentzündung geführt habe. Seine Schwester habe mit 40 Männern geschlafen und sich mit Chlamydien infiziert. "Ich hätte denselben Weg wählen können mit meinem Aussehen, Status und Charme", meinte Breivik. Eine Beziehung habe er nie gehabt, denn die "hätte die Operation gefährdet".

SPE-Chef Rasmussen zum KURIER: "Man kann niemals unsere Werte töten"

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Dieser Terrorist in Norwegen hat uns gezeigt, dass er Nationalist ist und er Sozialisten und Sozialdemokraten hasst, weil er der Überzeugung ist, dass wir dem Wohlstand unserer Gesellschaft durch die Immigrationspolitik entgegenwirken", sagte Poul Nyrup Rasmussen, Präsident der Sozialdemokratischen Partei Europas (SPE) und ehemaliger Premierminister Dänemarks, zum KURIER. "Das war eine Botschaft für uns alle, dass wir uns niemals vor solchen Angriffen beugen dürfen und werden. Man kann Menschen töten, aber niemals unsere Werte oder unsere Überzeugungen."

Für Entsetzen sorgt andererseits ein Interview mit dem italienischen EU-Abgeordneten Mario Borghezio von der der rechtspopulistischen Lega Nord: "100 Prozent der Ideen Breiviks sind richtig, manche sind sogar ausgezeichnet. Es ist die Schuld der Migranten-Invasion, wenn diese Ideen in Gewalt gemündet sind", sagte der für polemische Slogans bekannte Europaparlamentarier. Die Lega Nord ging auf Distanz zu Borghezio.

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(kurier) Erstellt am
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