Der Patriarch in Sarajewo ließ sich ungeniert den Ring küssen

© APA/AFP/ELVIS BARUKCIC

Politik Ausland
04/19/2020

Orthodoxes Osterfest - schwarze Schafe küssten Patriarchen-Ring

300 Millionen orthodoxe Christen feierten an diesem Wochenende Ostern. Die meisten hielten sich dabei an die Corona-Regeln.

von Ulrike Botzenhart

Wegen der Corona-Pandemie mussten viele Millionen orthodoxe Christen am Sonntag ohne Gottesdienstbesuch Ostern feiern. Fast alle mehrheitlich orthodoxen Staaten Ost- und Südosteuropas verboten Gläubigen die Teilnahme an Ostermessen, darunter auch Griechenland, Rumänien und Serbien

Auf für die rund 300 Millionen Christen der Ostkirchen ist das Osterfest das höchste religiöse Fest im Jahr, sie feiern es aber nach dem orthodoxen Kalender: heuer eine Woche später als Katholiken und Protestanten.

"Nicht in Panik geraten"

Orthodoxe Gläubige verfolgten in der Nacht zum Sonntag im Fernsehen und im Internet die Übertragung der Osterliturgien aus beinahe menschenleeren orthodoxen Kathedralen. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. zelebrierte in Moskau die Messe in der Erlöserkathedrale mit nur zwei Priestern, wie das Staatsfernsehen zeigte, und bat angesichts der Pandemie um Zuversicht und inneren Frieden: „Wir orthodoxe Christinnen und Christen sollen unter diesen schwierigen Umständen nicht den Mut verlieren und nicht verzagen, und noch weniger in Panik geraten.“ Er hoffe, dass die Pandemie aufhöre, Menschenleben und die Gesellschaft zu zerstören, sagte der Kirchenführer.

Die russisch-orthodoxe Kirche hatte als größte der orthodoxen Kirchen die Menschen aufgerufen, wegen der Gefährdung durch das Virus zu Hause zu bleiben. Daran hielt sich auch der wohl prominenteste Kirchgänger des Landes: Russlands Präsident Wladimir Putin. In einem Videoclip wünschte er den Gläubigen an ihrem wichtigsten Feiertag am Sonntag Glück und Gesundheit. „Alles wird gut mit Gottes Hilfe“, sagte er bequem in einem Sessel vor einem Kamin sitzend.

Der 67-jährige Kremlchef hatte in diesem Jahr in der Nacht nicht wie sonst immer die Erlöserkathedrale in Moskau - der Hauptkirche des russisch-orthodoxen Christentums - besucht. In der größten europäischen Stadt gelten strenge Ausgangssperren wegen der Coronavirus-Pandemie. Nach Kremlangaben zündete Putin eine Kerze in einer Kapelle auf dem Gelände seiner Vorstadtresidenz Nowo-Ogarjowo an.

In Weißrussland dagegen standen die Kirchen des Landes den Millionen Gläubigen offen. Präsident Alexander Lukaschenko hatte auch vor Panikmache wegen des Virus gewarnt. Niemand könne ihm diesen Feiertag verbieten, sagte er. „Ich bin immer in die Kirche gegangen und werde immer gehen“, betonte er - und machte die Ankündigung auch wahr. Auch in der Ex-Sowjetrepublik sind Dutzende Menschen mit dem Virus gestorben und Tausende infiziert.

In Griechenland und auf Zypern fanden die Messen in den Kirchen hinter verschlossenen Türen statt. Das Fernsehen übertrug die Messen, und um Mitternacht läuteten die Glocken landesweit. Über Athen und anderen Städten stieg ein Feuerwerk auf, wie es die Tradition der orthodoxen Christen in diesen beiden Ländern ist. Viele Menschen feierten auf ihren Balkonen mit.

Auch in Georgien pochte die orthodoxe Kirche so sehr auf Gottesdienste zum höchsten christlichen Fest, dass die Regierung von zunächst geplanten massiven Beschränkungen absah, wofür sie von Gesundheitsexperten aber auch scharf kritisiert wurde. Die Hauptmesse in der Kathedrale von Tiflis hielt Patriarch Ilja II. vor rund 200 Gläubigen, die in gebührendem Abstand voneinander Platz nahmen.

Der serbische Präsident Aleksandar Vucic widersetzte sich dagegen der Forderung der orthodoxen Kirche nach einer vorübergehenden Aufhebung des Ausgehverbots für Ostermessen an diesem Sonntag von fünf bis zehn Uhr. In der serbischen Hauptstadt Belgrad waren am Sonntag Polizeiautos mit blinkendem Blaulicht vor Kirchen zu sehen.

An der vom Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit waren in den vergangenen Wochen in mehreren Ländern orthodoxe Geistliche gestorben, darunter auch der serbisch-orthodoxe Bischof Milutin Knezevic.

Zuletzt war die orthodoxe Kirche in die Kritik geraten, weil sie die Menschen ungeachtet der Corona-Pandemie zu unhygienischen rituellen Praktiken ermunterte, darunter das Küssen von Ikonen oder die sogenannte „Löffelkommunion“ - der Empfang der Kommunion aus einem einzigen Löffel, der unter den Gläubigen herumgereicht wird.

"Nachdenken"

In seiner Osterpredigt bezeichnete Patriarch Irinej die Coronavirus-Pandemie als „Zeichen“ und „Versuchung“ Gottes. „Hoffentlich wird diese Versuchung viele Menschen und die Mächtigen der Welt zum Nachdenken anregen, damit sie sehen, dass alles, was sie tun und zu wissen vermeinen, eitel und vergänglich ist und dass nur Gott und seine Wahrheit unvergänglich sind“, sagte der Patriarch.

Bulgarien fuhr einen Mittelweg: Die orthodoxe Kirche und die Regierung hat die Menschen aufgerufen, die Osterliturgie zuhause mitzufeiern. Die Kirchen im Land blieben aber geöffnet. Mit obligatorischen Mund-Nase-Masken und bei physischer Distanz gingen recht wenige Gläubige zu den Ostermessen am Sonntag - wie etwa zum Ostergottesdienst in der Sweta-Nedelja-Kathedrale der Hauptstadt Sofia. Die Auferstehungsmesse von Patriarch Neofit in Sofia wurden im Fernsehen und auf Facebook direkt übertragen. Patriarch Neofit betete für die Erlösung und Genesung von der neuen Lungenkrankheit Covid-19.

In der Ukraine waren Behörden zufolge mehr als 100.000 Gläubige bei Gottesdiensten. Vorher hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj die Menschen aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Die Gottesdienste waren unter der Auflage erlaubt, dass sich nicht mehr als zehn Menschen in einer Kirche aufhalten. Vereinzelt gab es Verstöße. Aus Donetsk in der Ostukraine kamen Fotos, die Gläubige zeigen, die sich eng an eng anstellten, um das Kreuz zu küssen, das ihnen der Gottesmann hinhielt.

Im bedeutendsten ukrainischen Kloster, dem zum Moskauer Patriarchat gehörenden Kiewer Höhlenkloster, steckten sich in den vergangenen Wochen weit mehr als 100 Geistliche mit dem Virus an. Zwei von ihnen starben.

In Jerusalem waren orthodoxe Kirchenvertreter am Samstag in der Grabeskirche zur Feier des „Heiligen Feuers“ zusammengekommen. Wegen strenger Auflagen der israelischen Behörden waren nur wenige Teilnehmer zugelassen. Dem Glauben nach entzündet sich am Osterfest der Orthodoxen ein Licht in der Kapelle in der Grabeskirche. Die Grabeskirche steht an jener Stelle, wo der christlichen Überlieferung nach Jesus begraben wurde und wieder auferstand.

Warten auf das Osterfeuer

Der griechisch-orthodoxe Patriarch Theophilos III. entzündete am „Heiligen Feuer“ in der Grabkapelle Kerzen und gab die Flamme an die davor wartenden Priester weiter. Sonst drängen sich dabei Hunderte Gläubige in der Kirche. Das Feuer wurde mit Flugzeugen in Spezialcontainern vom Flughafen in Tel Aviv in viele Länder gebracht. Anders als sonst mussten die Würdenträger diesmal jedoch im Flugzeug auf das Licht warten.

Von Jerusalem aus brachten Flugzeuge das orthodoxe Osterfeuer in die Hauptstädte vieler Staaten gebracht. Während Griechenland die Verteilung des Feuers an alle Pfarreien untersagte, erlaubte die rumänische Regierung, dass es von Haus zu Haus zu den Gläubigen gebracht wurde. Überbringen durften es jeweils bis zu fünf Freiwillige. Diese mussten Masken und Handschuhe tragen.

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