„Täglich kommt es zu einer Invasion von Kreuzfahrttouristen, die aber kaum Geld in der Stadt lassen“

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Politik Ausland
08/24/2019

Nur noch 50.000 Einwohner: Venedig soll auf die Rote Liste der UNESCO

Aktivistinnen fordern zum Handeln gegen aggressiven Tourismus auf, denn Venedig schrumpft rapide.

von Irene Mayer-Kilani

Die UNESCO muss Venedig dringend in die „Rote Liste“ der gefährdeten Stätten auf- und damit unter ihre Fittiche nehmen: Die italienische Denkmal- und Umweltschutzvereinigung Italia Nostra fordert wirksame Maßnahmen gegen den unkontrollierten Massentourismus und einen sofortigen Stopp für Kreuzfahrtschiffe.

Zehntausende Touristen stürmen täglich den Markusplatz. Viele davon sind Kreuzfahrt- und Tagestouristen. Italia Nostra-Präsidentin Mariarita Signorini und Italia Nostra-Venedig-Präsidentin Lidia Fersuoch warnen im KURIER-Gespräch vor den zerstörerischen Auswirkungen.

KURIER: Sie schlagen Alarm, Venedig sei vom Untergang bedroht. Ist es so schlimm?

Mariarita Signorini: „Italia Nostra“ hat eine Kampagne gestartet, um die UNESCO aufzufordern, Venedig endlich in die „Danger list“, also die Liste der gefährdeten Stätten aufzunehmen. Venedig ist vom Untergang bedroht. Offiziell leben noch 50.000 Einwohner in der Stadt, davon sind wahrscheinlich schon die Hälfte nach Mestre gezogen. Pro Jahr besuchen 30 Millionen Touristen Venedig.

KURIER: Was bedeutet diese Stadtflucht?

Mariarita Signorini: Die Stadt wird zu einem Schaufenster oder, wie es kürzlich ein venezianischer Stadtrat bezeichnete, zu einem Freilichtmuseum. Täglich kommt es zu einer Invasion von Kreuzfahrttouristen, die aber kaum Geld in der Stadt lassen, weil sie sich nur ein paar Stunden aufhalten und auf den Schiffen verpflegt werden. Hinzu kommen die extrem giftigen Treibstoffe der Schiffe. Diese verschmutzen nicht nur die Lagune, sondern verpesten auch die Luft. Wir fordern, dass Kreuzfahrtschiffe nicht mehr in die Lagune fahren dürfen, denn es handelt sich um ein sensibles und gefährdetes Ökosystem. Es reicht nicht, die Kreuzfahrtschiffe nur vom Giudecca-Kanal unweit vom Markusplatz zu verbannen.

Lidia Fersuoch: Laut einer aktuellen Studie ist Venedig die italienische Hafenstadt mit der schlechtesten Luftqualität. Europaweit liegt Venedig auf Platz drei. Venedig ist zu einer Gaskammer geworden. Der Hafen ist praktisch direkt in der Stadt. Auch der Treibstoff für die Vaporetti, die Wasserbusse in Venedig, ist sehr stark umweltbelastend.

KURIER: Die Einfahrt der Kreuzfahrtriesen ist auch eine Sicherheitsfrage. Erst Anfang Juni kam es zu einem Unfall mit Dutzenden Verletzten.

Mariarita Signorini: Neunstöckige Schiffe, die in die Lagune einfahren, ergeben ein absurdes Bild vor den dreistöckigen historischen Altstadthäusern. Beim Anlegen geriet das Kreuzfahrtschiff plötzlich außer Kontrolle und krachte in ein Boot voller Touristen. Seither steigt die Angst vor weiteren Unfällen. Trotz Anrainerprotesten will die Stadtverwaltung nicht auf diesen aggressiven Tourismus verzichten, der Stadtbewohner vertreibt.

Welche Rolle nimmt dabei der Mitte-Rechts-Bürgermeister Luigi Brugnaro ein?

Lidia Fersuoch: Brugnaro ist ein Anhänger des Kreuzfahrttourismus. Laut seiner Vision liegt die Zukunft Venedigs in Mestre. Für die Bewohner ist Venedig aber weiterhin eine Stadt und kein Museum. Wenn Wohnungen nur noch als Ferienwohnungen vermietet werden und alles auf Massentourismus ausgelegt ist, haben auch unsere Kinder keine Zukunft hier. Außer im Tourismus gibt es überhaupt keine Arbeitsmöglichkeiten mehr in Venedig. Es fließt viel Geld, das aber in den Taschen weniger landet. Es profitieren die großen Kreuzfahrtunternehmen und internationalen Reiseveranstalter. Die Stadt Venedig unterstützt den Ausbau des Massentourismus. Gerade wurde ein riesiger Hotelkomplex mit Bettenburgen für 10.000 Personen in Mestre eröffnet. Drei neue Hotels mit je 80 Zimmern wurden in der Altstadt und zwei neue Hotels mit 80 Zimmern am Lido eröffnet.

Welche Lösungen schlagen Sie zur Rettung der Lagunenstadt vor?

Mariarita Signorini: Wir wünschen uns einen Qualitätstourismus und nicht diese schnelle, kurze Touristeninvasion. „Italia Nostra“ plädiert für eine Beschränkung der Besucherzahlen und höhere Eintrittsgelder für Tagestouristen, wie etwa in Amsterdam.