Politik | Ausland
05.12.2011

Norwegen: Der Schmerz der Überlebenden

Utøya: Die Jugendlichen berichten, wie sich das Wasser vom Blut rot färbte und warum sie jetzt für ihre toten Freunde stark sein wollen.

Die jugendlichen Überlebenden des Massakers auf der Ferieninsel von Utøya sind über Nacht erwachsen geworden. Von Trauer um die Freunde überwältigt, versprechen jetzt viele in Interviews, dass sie weiterkämpfen wollen für Freiheit und Demokratie. Adrian Pracon hat das Massaker auf der Ferieninsel Utøya mit einem Schulterschuss überlebt. Der 21-Jährige war einer der Organisatoren des Feriencamps der sozialdemokratischen Jugendorganisation. Im Namen vieler sprach er mit ruhiger Stimme, sehr gefasst, was viele dachten: "Ich glaube, dass ein Schutzengel über mich gewacht hat. Ich habe enormes Glück, am Leben zu sein. Aber ich kann das nicht feiern, wegen all derer, die ihr Leben so gewaltsam verloren haben." Die Zukunft sieht er so: "Wir kämpfen weiter und halten zusammen, also werden wir durchkommen und sind nun stärker als je zuvor. Wir werden für Rechte und für die Justiz kämpfen."

Bilder des Grauen

Die Jugendlichen, die sich ins eiskalte Wasser stürzten und um ihr Überleben schwammen, mussten mitansehen, wie es sich rot verfärbte. Der deutsche Marcel Gleffe, 32, der als Dachdecker in Norwegen arbeitet, war gemeinsam mit seinen Eltern auf einem Campingplatz vis-à-vis der Insel. Sie hätten lauter Köpfe im Wasser gesehen und "Help-Help-Shooting!"-Rufe gehört. Mit seinem Boot rettete er etwa 20 Jugendliche. Was ihn am meisten beeindruckte: "Es war unglaublich zu sehen, was für starke Menschen das sind. Alle schrien, aber sie halfen sich gegenseitig, machten sich Mut." Wie Gleffe kamen viele Camper mit ihren Booten zu Hilfe. Die Profi-Retter waren später über die gute Organisation der Urlauber erstaunt. Zuerst brachten sie ihre kleinen Kindern vom Ufer weg, damit sie von dem Massaker möglichst wenig mitbekommen. Dann starteten sie die Motoren. Diejenigen, die den Attentäter aus nächster Nähe gesehen haben, berichten, dass er ganz ruhig blieb. Adrian Pracon: "Ich bin etwa 100 Meter geschwommen, und mir ging die Luft langsam aus - wegen des Adrenalins, aber auch wegen der schweren Kleidung. Ich musste also zurückschwimmen. Als ich wieder auf der Insel ankam, stand er da und zielte mit dem Gewehr auf meinen Kopf. Ich flehte, dass er nicht abdrückt - und er tat es nicht." Ein anderer Überlebender berichtet, wie sein Freund fünf Mal getroffen wurde, bis er sich nicht mehr bewegte. Pracon hat den Schützen drei Mal gesehen: "Er war sehr ruhig. Es schien, als kümmerte es ihn gar nicht richtig. Er ging langsam und sah aus wie einer aus einem Film über Nazis."

„Ich lag auf einer Leiche“

Die meisten Jugendlichen haben via SMS um Hilfe gerufen. Prableen Kaur aus Oslo sagt: "Ich habe Mama angerufen und gesagt, dass wir uns vielleicht nie wiedersehen werden und dass ich sie liebe. Sie weinte, das tat weh. Andere sprangen ins Wasser. Ich blieb liegen, das Handy in der Hand. Ich lag auf einer Leiche, zwei andere Tote auf meinen Füßen." Camping-Touristin Torill Hansen berichtet: "Als ich zehn aufgenommen hatte, war das Boot voll. Beinahe kenterte es. Zu bestimmen, wen ich mitnehmen sollte, war schrecklich." Peter Linge: "Ich fragte mich, wann ihm die Munition ausgeht, aber das passierte nicht". Magnus Stenseth, 18, sah den Schützen, wie er sein Gewehr durchlud: "Es sah aus, als habe er Spaß. Das macht alles noch schlimmer. Er lief über die Insel, als sei er allmächtig. Und das war er auch, weil wir wehrlos waren."