Tod,  Terror, Zerstörung: Die radikal-islamische Miliz Boko Haram zieht eine Blutspur durch Nordnigeria. Die Attacke mit bis zu 2000 Toten heizt die Spannungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen weiter an.

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Boko Haram
01/08/2015

Nigeria: 2000 Tote bei Islamisten-Attacke

Terrorgruppe Boko Haram überrennt Grenzstadt, brennt sie nieder und tötet die verbliebenen Bewohner.

von Stefan Schocher

10.000 Einwohner zählte die Stadt Baga im Nordosten Nigerias – sie existiert nicht mehr. Bei einem beispiellosen Angriff brannte die Islamisten-Gruppe Boko Haram Baga nieder, Überlebende des Angriffs sprachen von Hunderten Leichen, die in den Straßen lägen. Von Angehörigen, die nicht begraben hätten werden können. Davon, dass es Baga nicht mehr gebe. Nigerianische Behörden gingen von bis zu 2000 Toten aus.

Das sind so viele, wie im gesamten Jahr 2014 in dem Konflikt zwischen der Islamisten-Sekte und Regierungstruppen starben. Baga existiere praktisch nicht mehr, so Alhaji Bukar, ein hochrangiger Regierungsvertreter in der Region. „Baga wurde niedergebrannt.“

Die Stadt liegt direkt an der Grenze zum Tschad. Nahe der Siedlung hatte die multinationale Truppe (MNJTF) in der Region, bestehend aus Soldaten des Tschads, Nigerias und des Niger, eine große Basis. Ins Leben gerufen worden war die Truppe 1998, um Schmuggel in der Region zu unterbinden. Zuletzt hatte sie sich mehr dem Kampf gegen Boko Haram verschrieben, die in dem Gebiet mehr und mehr an Boden gewinnt. Vergangenen Samstag hatte MNJTF ihre Basis geräumt, nachdem Boko Haram eine Offensive begonnen hatte. Boko Haram hat die Kontrolle über Baga, so nigerianische Regierungsstellen am Donnerstag. Nachsatz: Und über 16 umliegende Städte.

Baga liegt in der überwiegend muslimischen Region Borno. Seit Jahren ist die Region Schauplatz der schwersten Auseinandersetzungen zwischen Boko Haram und nigerianischen Regierungstruppen. 70 Prozent Bornos sind praktisch unter der Kontrolle der Islamisten. Alle Versuche der Zentralregierung, einen Ausgleich mit der Gruppe zu finden, sind bisher fehl geschlagen. Verkomplizierend kommt hinzu, dass sehr wenig über die Struktur von Boko Haram bekannt ist.

Seit dem Auftauchen der Gruppe 2009, die sich durch gnadenlose Gewaltverbrechen hervorgetan hat, hat der Konflikt 1,5 Millionen Menschen vertrieben, tiefe Gräben zwischen Christen (rund 50 Prozent Bevölkerungsanteil) sowie Muslimen (rund 43 Prozent Bevölkerungsanteil) aufgerissen und den an sich schon schwachen nigerianischen Staat an den Rand des Kollaps gebracht. Dabei scheut die Gruppe nicht vor Massengeiselnahmen, direkten Angriffen auf die Armee und willkürlichen Attacken auf Zivilisten sowie Kirchen, Flüchtlingslager oder Märkte zurück. Der zuletzt wohl Aufsehen erregendste Fall war die Geiselnahme von 276 Mädchen aus einer Schule in der Stadt Chibok, ebenfalls im Bundesstaat Borno, im April 2014. Die meisten von ihnen sind nach wie vor in der Gewalt von Boko Haram. Und der Konflikt strahlt auch über die Grenzen hinweg aus in den Tschad, nach Kamerun und nach Niger, wo es in Grenznähe immer wieder zu Angriffen und Verschleppungen kommt.

Kontrollverlust

Vor allem in den vergangenen zwei Jahren hatte Boko Haram im Norden Nigerias massiv an Boden gewonnen und Territorien unter seine Kontrolle gebracht. Seit 2013 gilt in Borno sowie zwei benachbarten Bundesstaaten der Ausnahmezustand – den Kontrollverlust der Regierung unter Präsident Goodluck Jonathan konnte das nicht stoppen.
Wie wenig Überblick die nigerianische Regierung über die Vorgänge in der Konflikt-Region hat, zeigt die neue Offensive von Boko Haram. Sie hat anscheinend erneut Tausende, wenn nicht Zehntausende Menschen in die Flucht getrieben. Nigerianische Regierungsstellen zeichneten am Donnerstag ein völlig chaotisches Bild der Lage. Die meisten Bewohner Bagas und der umliegenden Region seien vermutlich in die Regionalhauptstadt Maiduguri geflohen, viele vermutlich auch in den Tschad, hieß es. Alles nur Mutmaßungen, genaue Angaben gibt es nicht.

Dabei sollen im Februar Parlamentswahlen stattfinden. Befürchtet wird, dass diese im Norden des Landes praktisch nicht durchführbar sein werden.

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