Darum war die NATO nie eine Lovestory

U.S. ARMY CARRIES OUT EXERCISES IN KOSOVO VILLAGE OF KRILJEVO.
Trumps Grönland-Fantasien und Streit unter Mitgliedsstaaten wirken neu – ein Blick zurück zeigt das Gegenteil: Innere Konflikte begleiten die NATO seit ihrer Geburt.

Washington, Herbst 1947. Nach einem Empfang stehen zwei Männer beisammen: US-Außenminister George C. Marshall, Kriegsgeneral und Architekt des europäischen Wiederaufbaus, und sein britischer Amtskollege Ernest Bevin, der Frieden als Frage von Machtverhältnissen begreift. Marshall spricht aus, was viele denken: Wenn die USA Europa nicht dauerhaft binden, wird das Schiff wieder kentern. Die Gespräche hinter verschlossenen Türen markieren den Anfang dessen, was zwei Jahre später als NATO formal entsteht.

79 Jahre später wirkt diese Szene erstaunlich aktuell. Donald Trumps Grönland-Ambitionen haben genau jene erhoffte „dauerhafte Bindung“ beschädigt, auf der das Bündnis beruht. „Das ist schlimmer als jede bisherige Streiterei zwischen Mitgliedsstaaten. Als Frankreich 1966 die integrierte Militärstruktur verließ, war das auch kritisch, jetzt aber ist es existenziell“, sagt der Militärhistoriker Manfried Rauchensteiner.

Wobei die NATO-Geschichte zeigt: Konflikte sind kein Betriebsunfall, sondern Normalzustand.

Beispiele

  • 1956 griffen Großbritannien und Frankreich während der Suez-Krise mit Israel Ägypten an – gegen den Willen der USA. Washington zwang seine Bündnispartner zum Rückzug. Die Allianz überlebte, die Illusion von Einigkeit nicht.
  • In den 1970er-Jahren der nächste Bruch: Griechenland und die Türkei standen einander wegen Zypern militärisch gegenüber. Die NATO erwies sich als handlungsunfähig – sie war nie dafür gedacht, Konflikte zwischen Mitgliedern zu lösen.
  • Auch Frankreich ging 1966 auf Distanz, um amerikanischer Dominanz zu entkommen. Man blieb Mitglied, aber eigenständig. All das war möglich, weil die NATO keine eigene Armee besitzt.

Ein Diplomat formulierte es später ironisch: „Die NATO ist wie ein Sicherungssystem – man hofft, es nie benutzen zu müssen.“

Selbst extreme Fälle passten in diese Logik. Island trat der NATO bei – ohne Armee, Luftwaffe, Marine. Stattdessen argumentierte Reykjavik: „Unsere Geografie ist unsere Armee.“

Zeitleiste zur Entstehung der NATO mit Karte der Mitgliedsstaaten und militärischen Kennzahlen.

Vorgeschichte

Um das ambivalente Verhältnis der USA zur NATO zu verstehen, muss man weit zurückgehen – bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. 1919 entstand mit dem Völkerbund der erste Versuch kollektiver Sicherheit. Er scheiterte spektakulär: Die USA traten nie bei, Sanktionen blieben zahnlos, Aggressoren unbehelligt. Das Trauma dieses Scheiterns saß tief. „Keine komplizierten Bündnisse mehr“ blieb jahrzehntelang Leitmotiv amerikanischer Politik.

Der Zweite Weltkrieg änderte alles. Europa lag in Trümmern, die Sowjetunion kontrollierte Osteuropa. 1947 erklärte Präsident Harry S. Truman vor dem Kongress: „Es muss die Politik der Vereinigten Staaten sein, freie Völker zu unterstützen, die sich gegen Unterwerfung wehren.“ Damit endete der Isolationismus, die transatlantische Einbindung begann.

Zwei Jahre später, am 4.  April 1949, unterzeichneten zwölf Länder in Washington den Nordatlantikvertrag. Artikel 5 verpflichtete alle Mitglieder, im Ernstfall zusammenzustehen. Rauchensteiner: „Es ging darum, ein Bündnis gegen die Sowjetunion zu schmieden. Im Zentrum: Nicht das amerikanische Mutterland, sondern Europa“.

Zwischen Erfolg und Scheitern

Jahrzehntelang funktionierte dieses Modell. Die NATO überstand den Kalten Krieg, ohne direkt zu kämpfen. Artikel 5 wurde nie ausgelöst – bis zum 11. September 2001. Die Bündnispartner erklärten ausgerechnet den Angriff auf die USA zum Angriff auf alle.

Spannungen blieben: Streit über den Irakkrieg, unterschiedliche Bedrohungswahrnehmungen, ungleiche Lastenverteilung. Der aktuelle Konflikt um Grönland ist daher kein Bruch, sondern eine Zuspitzung.

Der erste NATO-Generalsekretär, Lord Hastings Ismay, brachte die Philosophie einst so auf den Punkt: „To keep the Americans in, the Russians out, and the Germans down.“

To keep the Americans in, the Russians out, and the Germans down.

von Lord Hastings Ismay

Erste NATO-Generalsekretär

Heute entscheidet sich an der Frage, wie fest die Amerikaner im Bündnis bleiben, nicht nur die Zukunft Grönlands – sondern auch die der NATO.

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