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Politik Ausland
10/16/2020

Nah dran am echten Leben: Premierministerin Ardern als "Anti-Trump"

Neuseelands Regierungschefin bewies Krisenmanagement und Empathie – Labour Partei wird Wahlsieg am Samstag prognostiziert.

von Ulrike Botzenhart

Rechtzeitig vor den Parlamentswahlen am Samstag kann Premierministerin Jacinda Ardern ein Covid-freies Neuseeland bewerben. Die Freude darüber mag groß sein, doch beim ersten Mal Anfang Juni war die 40-Jährige regelrecht euphorisch, als sie den Sieg der Insel über das Virus verkündete. Strahlend erzählte sie vor laufenden Kameras, sie habe, als sie die Nachricht erhalten habe, ihr Töchterchen geschnappt und sei mit ihr durch die Wohnung getanzt. Die Zweijährige habe nicht recht gewusst, wie ihr geschieht, sagte Ardern und lachte gelöst.

Es sind Szenen wie diese, die das Bild der seit 2017 regierenden Labour-Chefin zeichnen – so wie auch ihre Reaktion auf die dunkelsten Stunden in ihrer Amtszeit im März 2019, als ein Rechtsextremist aus Australien in zwei Moscheen 51 Muslime in Christchurch erschossen hat. Sichtlich mitgenommen vom Massenmord, der die ganze Welt erschütterte, bewies Ardern Mitgefühl und Stärke. Sie hielt einfühlsame Reden, umarmte trauernde Muslime und initiierte eine Waffengesetzverschärfung. Heute sind halbautomatische Waffen, wie der Täter sie verwendet hatte, auf der Insel verboten.

Teamwork als Motto

Ein Jahr nach Christchurch folgte die nächste Krise: Corona. Ardern erklärte die fünf Millionen Bewohner des Pazifikstaates zum „Fünf-Millionen-Team“, das für kurze Zeit die Normalität opfern müsse, um immunschwache und ältere Menschen zu schützen. „Be kind“, sei nett, so das Mantra in Pandemie-Zeiten, mit dem Ardern auch die Ausgangssperre erklärte: „Wir gehen als Nation in die Isolation.“ Am Abend saß die Regierungschefin im Sweatshirt vor dem Laptop, um via Facebook-Livechat Fragen zu beantworten. Die Botschaft: Ich bin so wie ihr. Manche bezeichnen die empathische Frau als „Anti-Trump“. Wie selbstverständlich hatte sie am ersten Tag im Amt damals auch ihre Schwangerschaft öffentlich gemacht und später ihre kleine Tochter zu Terminen wie zur UNO-Vollversammlung mitgenommen.

Führung in Umfragen

CNN und The Atlantic lobten Arderns volksnahe Art und erklärten sie in Corona-Zeiten zur „effektivsten weiblichen Führerin der Welt“. Labour liegt in den Umfragen mit 48 Prozent klar vor der konservativen National Party, die zuvor drei Legislaturperioden lang das Ruder in der Hand hatte. Deren Chefin Judith Collins kann demnach mit 31 Prozent rechnen. Grüne und Liberale liegen abgeschlagen.

Auf Arderns Habenseite steht die gute Corona-Bilanz (1.500 Infektionen, 25 Tote), zu der ihr auch die Insellage verholfen hat. Sie wirbt mit Steuersenkungen und Umweltthemen wie dem Verbot von Einwegkunststoffen um Wähler. Binnen weniger Jahre soll Strom nur noch aus erneuerbaren Quellen kommen.

Das werde zu saftigen Stromrechnungen führen, ätzte ihre konservative Rivalin Collins, die Steuerzuckerl in Aussicht stellt. Die 61-Jährige, die einige Ministerämter bereits innehatte, preist sich als die richtige Krisenmanagerin in der Rezession mit prognostizierten weiteren 100.000 Arbeitslosen an: „Wir brauchen eine Regierung mit nachgewiesener wirtschaftlicher Kompetenz und Glaubwürdigkeit, mit einem Plan für die Erholung nach Covid und der Fähigkeit, diesen Plan umzusetzen.“

So oder so: Die Zukunft Neuseelands bleibt in der Hand einer Frau. 

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