Ungarns Geschäft mit sanktionierter Gazprom – warum die USA das erlauben
Eine Raffinerie des ungarischen Ölkonzerns MOL in Szazhalombatta.
Das Beispiel Serbien zeige deutlich, "in welche anfällige Situation Brüssel unser Land bringen will", schrieb der ungarische Außenminister Péter Szijjártó Anfang Jänner auf Facebook. Dazu postete er ein Foto von sich und der serbischen Energieministerin Dubravka Đedović. Die Rede ist vom serbischen Öl-Unternehmen NIS, das im vergangenen Jahr zwischenzeitlich kein Rohöllieferungen von Kroatien mehr bekam. Gegen das Unternehmen waren Sanktionen verhängt worden, weil es nach wie vor mit dem russischen Staatunternehmen Gazprom Neft verknüpft ist. Die Folge waren Erdöl-Engpässe, höhere Treibstoffpreise und Befürchtungen, dass die Inflation weiter steigen könnte.
Was Szijjártó in seinem Post nicht erwähnte: dass hinter dem Erdöl-Engpässen in Serbien Sanktionen der USA stecken. Doch Kritik an den USA ist ein Tabu, schließlich gelten der ungarische Regierungschef Viktor Orbán und der US-amerikanische Präsident Donald Trump als ideologische Verbündete. Zudem werden sie Ungarns Mineralölkonzern eine historische Expansion erlauben, die Budapests Energiesicherheit massiv fördern dürfte, und für die ausnahmsweise sogar Sanktionen gegen Russland ausgesetzt werden.
Gazprom hält Anteile an NIS
Im Jänner 2025 hat die US-Regierung, noch unter dem damaligen Präsidenten Joe Biden, Sanktionen gegen das serbische Öl-Unternehmen NIS verhängt. Denn seit 2008 halten Gazprom Neft und eine weitere Tochtergesellschaft des russischen Energiekonzerns Gazprom 56,15 Prozent am Unternehmen; die Firmen stehen seit Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 auf den westlichen Sanktionslisten. Bidens Sanktionen traten Anfang Oktober 2025 in Kraft. JANAF, das kroatische Rohölunternehmen, hat daraufhin seine Lieferungen an NIS über die Adria-Pipeline eingestellt.
Das Unternehmen ist von zentraler Bedeutung für Serbien: NIS betreibt die einzige Ölraffinerie im Land und verwandelt Rohöl in Treibstoffe wie Benzin. Das Unternehmen deckt 80 Prozent der Landesversorgung ab.
Ungarn half zwischenzeitlich mit Rohöl aus. Ende 2025 haben die USA die Sanktionen kurzzeitig ausgesetzt, unter der Bedingung, dass Gazprom Neft seine Anteile bei NIS verkauft. Bereits Ende Dezember hat sich ein interessierter Käufer gemeldet: der ungarische Mineralölkonzern MOL.
Die serbische Raffinerie betreibt rund 400 Tankstellen in Serbien, Rumänien und Bosnien und Herzegowina, und sitzt auf Reserven von rund 173 Millionen Barrel Öl. Täglich werden mehr als 20.000 Barrel Rohöl und Erdgas von NIS gefördert. Darüber hinaus hält das Unternehmen Explorationslizenzen für Rumänien und Bosnien und Herzegowina. Der Einkauf der ungarischen MOL stärkt damit den ungarischen Ölkonzern enorm.
Doch das ist der Knackpunkt: Verstößt der Deal nicht gegen US- und EU-Sanktionen, die eigentlich jegliche Geldgeschäfte mit Gazprom und Gazprom Neft verbieten?
Viktor Orbán traf Wladimir Putin am 28. November 2025 in Moskau.
USA gewährten Ausnahme
Tatsache ist, dass die USA eine Erlaubnis für Verhandlungen gegeben haben, genau genommen das Office of Foreign Assets Control (kurz OFAC) des US-Finanzministeriums. Genauso wurde auch eine Frist gesetzt: Bis 24. März 2026 muss die Eigentümer-Struktur der NIS geändert sein. Damit ist der Deal zwischen MOL und Gazprom aber noch nicht fix – der muss von den USA und der OFAC noch einmal extra bewilligt werden.
Was die EU-Sanktionen angeht, brauchte es gar nicht erst eine Ausnahme – die gibt es bereits: Schon 2014, nach der Besetzung der Krim, hat die EU in einer Verordnung ein Verbot für Transaktionen mit Gazprom und Gazprom Neft ausgesprochen. Allerdings erlaubt das 6. Sanktionspaket der EU, beschlossen im Juni 2022, Transaktionen, die unbedingt notwendig sind, um Besitzverhältnisse mit sanktionierten Unternehmen, die vor dem 16. März 2022 beschlossen wurden, aufzulösen – und zwar bis 21. Dezember 2026.
Eine energiepolitisch intelligente Lösung, mit realen Chancen auf Erfolg, sagt ein Insider über den Deal. Weder die USA noch die EU hätten Interesse daran, Serbien von seiner Energieversorgung langfristig abzuschneiden.
Bei der österreichischen Raiffeisenbank International (RBI), die die Strabag-Anteile des sanktionierten russischen Oligarchen Oleg Deripaska kaufen wollte, hat das hingegen nicht funktioniert. Auch weil laut einem russischen Gericht die RBI zusätzlich eine Entschädigung von 2,1 Milliarden Euro hätte zahlen müssen. Allerdings "hat Ungarn in dem Fall gegenüber den USA derzeit sicher bessere Karten als andere EU-Länder", erklärt man sich in Finanzkreisen.
Ungarn will Energiesicherheit außerhalb von EU
Für Budapest ist die Übernahme der russischen Anteile von enormer Bedeutung: Ungarn erhält damit direkten Zugriff auf Raffinerie- und Vertriebsstrukturen für Rohöl in Südosteuropa, außerhalb des unmittelbaren Zugriffs der EU. Derzeit ist Ungarn nach wie vom EU-Embargo gegen russisches Öl ausgenommen, allerdings nicht mehr lange: Die EU plant einen vollständigen Ausstieg bis Ende 2027. Orbán versucht bewusst, sich als Energie-Drehscheibe in Südosteuropa zu positionieren, möglichst losgelöst von Westeuropa.
Erst im Vorjahr vereinbarten Ungarn, Serbien und Russland den Bau einer neuen Ölpipeline zwischen Budapest und Belgrad, noch heuer soll mit dem Bau begonnen werden. Die 128 Kilometer lange Leitung soll Serbien erstmals direkt an die südliche Druschba-Route anschließen, die derzeit wichtigste Route für russisches Öl für Ungarn und die Slowakei.
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