Europa hängt immer stärker am US-Gastropf – zur Freude Trumps
Greenpeace-Plakat gegen Gas
Gas als Waffe, das war lange Zeit Wladimir Putins Markenzeichen. Er setzte das russische Gas schon seit Jahren ein, um die Ukraine und die Europäer unter Druck zu setzen, meist mit Erfolg.
Nun haben die USA den Platz Russlands eingenommen, und das nicht nur in Sachen Marktführerschaft. Bezog Europa 2019 noch mehr als 65 Prozent seines Gases aus Moskau und gerade mal vier Prozent aus den USA, haben sich die Verhältnisse nun verkehrt – 39 Prozent kommen aus den Staaten. Geschuldet ist das nicht nur der Isolation Russlands nach der Ukraine-Invasion, sondern auch dem aggressivem Werben der USA: Sprunghaft angestiegen sind die Zahlen erst unter Donald Trump.
Er hat – ganz nach Putins Vorbild – Öl und Gas für sich als Waffe entdeckt. In der im November veröffentlichten Nationalen Sicherheitsstrategie ist „globale Energiedominanz“ explizit als Ziel angeführt. Sie soll es den USA ermöglichen, überall auf der Welt „Macht auszuüben – wenn und wo nötig“.
Energiekrise möglich
Das klingt nicht nur wie eine Drohung, es ist auch eine – vor allem, seit die Europäer nun wegen Grönland im Streit mit den USA liegen. Europa ist dabei deutlich in der Defensive, da die Gasreserven so niedrig sind wie seit Jahren nicht, sogar zu Beginn des Ukraine-Krieges waren sie höher. Der kalte Winter tut dazu sein Übriges.
Das könnte rasch zu einer Energiekrise führen, warnen Experten des Clingendael Instituts in Den Haag, dem Ecologic Institute in Berlin und des norwegischen Institute of International Affairs in einem neuen Paper. Sie werfen der EU „selektive Blindheit“ gegenüber den USA vor.
Druckmittel haben die USA zu auf, auch neben Zolldrohungen. Zwar kann Trump nicht wie Putin direkt die Preise diktieren, aber er kann per Exportgenehmigung in den Markt eingreifen und so an der Preisschraube drehen. Dazu fordert Washington schon jetzt ganz offen, die Regularien in Europa auszuhöhlen. Per Brief an die EU-Kommission wünscht man eine Abschwächung des Lieferkettengesetzes. Das sieht das in Amerika gewonnene Fracking-Gas nämlich als problematisch für die Umwelt an – das gefährde, heißt es in dem Schreiben wörtlich, „die Gasversorgung Europas grundlegend“.
"Sell America" als Antwort
In Europa zerbricht man sich daher den Kopf darüber, wie auf all die Drohgebärden reagiert werden kann. Eine Waffe, die man in der Hand hätte, wären US-Staatsanleihen, wie die finnische Außenministerin Elina Valtonen jetzt in Davos sagte. Die Papiere dienen als Sicherheit im globalen Finanzsystem, sind aber zugleich die Achillesferse der USA. Landen zu viele davon am Markt, schwächt das das Vertrauen in die USA – und die Zinsen für Trump steigen. Da die USA auf einem Der exorbitant hohen Schuldenberg sitzen, wäre das ein herber Schlag für die US-Wirtschaft.
Die Idee, die US-Anleihen unter dem Motto „Sell America“ konzertiert zu verkaufen, ist nicht neu. Schon im Zollstreit mit China waberte sie herum, Peking veräußerte seine Papiere aber nur langsam – aus Angst vor einem Kursbeben. In Europa, das geschätzt acht Billionen Dollar in US-Bonds und Aktien hält, wäre das Risiko genauso groß, dazu kommt das Problem, eine solche Aktion überhaupt zu akkordieren. Neben Banken, Versicherungen, Pensionskassen und Fonds halten auch Privatanleger die Papiere.
In den USA nimmt man die Drohung darum auch nicht gerade ernst: „Ich bin sicher, dass die europäischen Regierungen die Papiere weiter halten werden“, sagte US-Finanzminister Scott Bessent in Davos – sichtlich unbeeindruckt.
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