Wie Milliardär Jeff Bezos die "Washington Post" untergehen lässt

Ein Mann im Anzug und mit roter Krawatte vor einer blauen Flagge
Trump-Kritik - das war einmal. Seit Bezos in dem von ihm gekauften Medium den Ton vorgibt, sprangen Hunderttausende Leser ab. Jetzt wird die Axt angesetzt - und ein Drittel der Mitarbeiter gekündigt.

Sie stand sinnbildhaft für furchtlosen, kritischen Journalismus, die den mächtigsten Menschen der Welt beharrlich auf die Finger klopfte: Die Washington Post  - die vor fast 150 Jahren gegründete, größte in in der US-Hauptstadt erscheinende Tageszeitung. Insgesamt 70 Pulitzer-Preise, die höchste Auszeichnung im Journalismus, haben ihre Journalisten und Journalistinnen gewonnen. Die wohl berühmteste dabei: Die Auszeichnung für die Aufdeckung des Watergate-Skandals, der US-Präsident Richard Nixon zum Rücktritt gezwungen hatte. Es war der bisher einzige Rücktritt eines amerikanischen Präsidenten in der Geschichte der USA.

Diese Zeiten des mutigen Recherchierens sind vorbei, seit Washington-Post-Besitzer Jeff Bezos dies abdrehte. Als der Multimilliardär das defizitäre Medienhaus 2013 übernahm, mischte er sich zunächst nicht ein. Im Gegenteil erlebte die kritische Washington Post in der ersten Amtszeit Donald Trumps eine neue Hochblüte - mit kritischen Artikeln und Texten, die der Trump-Administration mit gebührender Distanz begegneten.

Danach sank zwar die Zahl der Abos und der Leser, doch mit moderaten Umstrukturierungen hätte das Medienhaus den Abwärtstrend - den nahezu alle Medien weltweit machen - in den Griff bekommen können.

Die wahre Wende kam, als sich abzeichnete, dass Trump die Wahlen 2024 erneut gewinnen könnte: Da durfte die Zeitung auf Order Bezos hin erstmals keine Wahlempfehlung für Trumps Kontrahentin Kamala Harris abgeben.

Washington Post to reduce staff by 30 percent amid massive round of layoffs

Eingang zum Gebäude der Washington Post

Zudem durften kaum noch Meinungsartikel erscheinen. Nur noch Unterstützer von „persönlichen Freiheiten und freien Märkten“ sollten zu Wort kommen. "Danach - als sich die Editorial‑Seite deutlich konservativer ausrichtete - sind immer mehr Menschen abgesprungen. Das ist eine enorme Summe an Geld, die wir verloren haben", schreibt Kolumnistin Sally Quinn. Rund 300.000 Leser hätten seit 2024 ihre Abos gekündigt. Allein im Vorjahr soll das Minus der Washington Post an die 100 Millionen Dollar betragen haben. Mit einem persönlichen Vermögen von mehr als 200 Milliarden Dollar könnte Bezos die Verluste freilich locker im Vorbeigehen begleichen.

Ein Drittel der Belegschaft wird gekündigt

Doch nun lässt Multimilliardär Bezos an einem der renommiertesten Medienhäuser der USA die Axt ansetzen: 300 der insgesamt 800 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Washington Post werden gekündigt. Unter anderem wird die komplette Sportredaktion aufgelöst, auch die Literaturberichterstattung wird künftig als unnötig erachtet. Gestrichen wird auch der wichtigste Podcast der WP.

Player: audioWashington Post entlAuch viele der Auslandskorrespondenten seien betroffen, sagt David Folkenflik, Medienexperte beim US-Radiosender NPR. So wurde der gesamten Nahost-Redaktion gekündigt. Und:  "Die Leiterin des Ukraine‑Büros hat soeben bekannt gegeben, dass sie entlassen wurde. Auch die andere dort beschäftigte Korrespondentin hat erklärt, dass sie heute entlassen wurde - während sie sich in einer Kriegszone befindet", so Folkenflik:

In der Washington Post selbst ist weder online noch im Donnerstagblatt auch nur eine Zeile von dem Kahlschlag zu lesen. Dagegen in der New York Times: „Dies ist ein tragischer Tag für den amerikanischen Journalismus, die Stadt Washington und das ganze Land“, schreibt dort Jeff Stein, eigentlich Chefkorrespondent für Wirtschaft bei der Washington Post. Er selbst wird nicht gekündigt, trauert aber um entlassene Kollegen: "Sie werden für Fehler bestraft, die sie nicht verursacht haben“.

Worauf sich die WP künftig konzentrieren will: Bereiche, „die Autorität, Einzigartigkeit und Wirkung zeigen“. Chefredakteur Matt Murray nennt unter anderem „nationale Angelegenheiten“ und „nationale Sicherheit in Washington und im Ausland“ sowie „Macht und Trends“ und „Kräfte, die die Zukunft prägen, darunter Wissenschaft, Gesundheit, Medizin, Technologie, Klima und Wirtschaft“. 

Anders gesagt: Kritik an der Trump-Administration oder gesellschaftlichen Fehlentwicklungen sind von der geschrumpften Washington Post künftig kaum noch zu erwarten. Dass sich die Washington Post so gegenüber ihren Konkurrentinnen wie der New York Times oder dem Wall Street Journal durchsetzen wird, ist kaum zu erwarten. Groß ist die Sorge deshalb, dass Bezos die Washington Post, einen der Leuchttürme des freien Journalismus, einen langsamen Tod sterben lassen könnte.

Player: audioUS-Wahl: Auf welcher Seite stehen die Tech-Kon

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