Monate vor der Fußball-WM eskaliert der Drogenkrieg in Mexiko

Nach der Ergreifung eines mächtigen Narko-Bosses, bei dem dieser starb, schlugen die Verbände des Kartells brutal zurück. Eine Analyse.
Mexican drug lord Nemesio Oseguera, commonly known as "El Mencho," killed in military operation, triggering blockades in Mexico

Durch die Abflughalle des mexikanischen Flughafens in Guadalajara hallen verzweifelte Schreie. Menschen laufen genau dort in Panik wild umher, wo in knapp 100 Tagen die Fans aus aller Welt zu den Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft erwartet werden. In einer Mischung aus Gerüchten und tatsächlicher Bedrohung versucht sich jeder irgendwie in Sicherheit zu bringen.

Draußen in der Stadt zünden Bandenmitglieder des Drogenkartells „Cártel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG) Tankstellen an, in Puerto Vallarte an der Pazifikküste gehen Supermärkte in Flammen auf. Zuvor hatten die Gangs Brandsätze in die Läden geschleudert. In der Stadt Nayarit an der Pazifik-Küste geben Kartelle die Warnung per Mund-zu-Mund-Propaganda weiter, dass in der Nacht keine Rücksicht auf Zivilisten genommen werden könne und die Menschen deswegen ihre Unterkünfte nicht verlassen sollten. Über einigen Städten stehen Rauchsäulen, weil mit brennenden Autoreifen Blockaden errichtet werden.

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Auf dem Flughafen der Stadt Guadalajara, wo auch WM-Spiele stattfinden, strandeten viele Touristen

Ein deutscher Unternehmer, der nicht namentlich genannt werden wollte, berichtete im Gespräch mit dem KURIER, einer seiner Transporte sei überfallen worden. Zum Glück sei dem Fahrer nichts passiert, die Ware sei in Flammen aufgegangen. Die spektakulären Bilder von ausgebrannten Bussen schmücken da bereits die Titelseiten der Online-Portale weltweit.

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Die Drogen-Gangs verwüsteten alles, was ihnen unterkam: Transporter, Autos, Supermärkte etc.

Sorge um Sicherheit bei Fußball-WM

Und international steht die Frage im Raum, die in den nächsten Tagen die Debatte bestimmen wird: Hier soll bald WM-Fußball gespielt werden? In weniger als vier Monaten sollen in Mexiko 13 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden. Unter anderem tragen Gastgeber Mexiko, aber auch Europameister Spanien Spiele in Guadalajara aus. Der Spielort ist die Hauptstadt der Unruheprovinz Jalisco.

Anlass der Gewaltausbrüche war eine spektakuläre Polizeiaktion bei der Nemesio Oseguera Cervantes, alias „El Mencho“, von den Sicherheitskräften tödlich verletzt wurde. Mit ihm starben mindestens sechs weitere ranghohe Gangmitglieder. „El Mencho“ galt als Kopf des milliardenschweren Drogenkartells „Cártel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG), das im gleichnamigen Bundesstaat Jalisco seine Machtbasis hat.

Mexican drug lord Nemesio Oseguera Cervantes, also known as El Mencho, appears in undated photographs on the U.S. Department of State website

Galt als einer der meist gesuchten Drogenbosse: Nemesio Oseguera Cervantes alias "El Mencho"

Die Frage der Sicherheit des WM-Turniers ist eine Sache, die vor allem international interessiert. Eine ganz andere Frage ist dagegen der politische Kurswechsel der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum. Die Linkspolitikerin hatte ein schweres Erbe von ihrem Parteifreund und Vorgänger Andres Manuel Lopez Obrador (2018-2024) übernommen. Dessen Anti-Drogenkartell-Politik bestand aus dem am Ende desaströsen Motto „Umarmungen statt Schüsse“.

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Mexikos Präsidentin Sheinbaum mit ihrem Vorgänger und Mentor Obrador

Besonders im Gedächtnis haften blieb ein Handschlag von Lopez Obrador mit der Mutter des legendären Drogenbarons „El Chapo“ Guzman, den Beobachter symbolisch als eine Art Waffenstillstand der Regierung vor den Kartellen werteten. Am Ende seiner sechsjährigen Amtszeit stand eine verheerende Bilanz: Mit 200.000 Gewalttoten wurden noch nie so viele Menschen während einer Präsidentschaft ermordet.

FILE PHOTO: Recaptured drug lord Joaquin "El Chapo" Guzman is escorted by soldiers during a presentation, in Mexico City

"El Chapo" Guzman, der ehemalige Boss des Sinaloa-Kartells, wurde 2016 in Mexiko festgenommen uns später an die USA ausgeliefert, wo er eine lebenslange Haftstrafe verbüßt

Diese Bilanz sorgte nördlich der mexikanischen Grenze dafür, dass Donald Trump leichtes Spiel hatte, im Wahlkampf 2024 mit der Unsicherheit an der Grenze und den Drogenhandel Stimmung gegen Mexiko zu machen. Sheinbaum stand vor dem Problem, einerseits ihren Vorgänger und Mentor nicht mit einem allzu forschen und frühen Kurswechsel zu brüskieren, andererseits aber auch mit der US-Regierung von Präsident  Trump kooperieren zu wollen. Längst hatte Sheinbaum erkannt, dass ein Politikwechsel notwendig sei, um die Probleme mit den außer Kontrolle geratenen Kartellen in den Griff zu bekommen.

Trump seinerseits kokettierte zudem immer wieder mit einem bewaffneten Eingreifen von US-Truppen auf mexikanischem Gebiet. Dazu fehlt allerdings die rechtliche Grundlage. „Das wird nicht passieren“, versicherte Sheinbaum gebetsmühlenartig. Und sie legte sogar noch nach. Eine Rückkehr zum Krieg gegen die Drogen ist keine Option“, sagte Sheinbaum vor wenigen Wochen. Dieser Krieg befände sich außerhalb des Gesetzes, denn es sei eine Erlaubnis ohne Gerichtsverfahren zu töten. Und damit seien in Mexiko nur sehr wenige einverstanden. Es sei letztendlich eine Politik, die zum Faschismus führe.

Zugeständnisse an die USA

Tatsächlich aber gab der mexikanische Senat zuletzt immer wieder grünes Licht für Begehren der US-Regierung und gestand den US-Sicherheitskräften und Drogenfahndern Kompetenzen und Befugnisse zu, die noch unter Lopez Obrador undenkbar schienen.

Dass sich das Weiße Haus offensiv zu seiner Unterstützung bei der Militäroperation in Jalisco bekannte, ist deshalb aus zweierlei Gründen für die Zukunft entscheidend: Nun wissen die Kartelle, dass die US-Kräfte so eng mit den Mexikanern kooperieren, wie bisher wohl noch nie und dazu auch nachrichtendienstliche Erkenntnisse liefern. Und zweitens, dass die mexikanische Regierung inzwischen zu Militäraktionen gegen die führenden Köpfe der Kartelle bereit und in der Lage ist.

US-Waffenindustrie macht gute Geschäfte

Allerdings sind die Kartelle ihrerseits militärisch hochgerüstet. Ein Gegenvorwurf, den die Mexikaner gegen USA erheben, ist das Washington zu wenig gegen den illegalen Waffenschmuggel aus den Vereinigten Staaten in Richtung Süden unternehme. Für die amerikanische Waffenindustrie ist das ein großes Geschäft. Die Kartelle verfügen wiederum so teilweise über bessere Waffen als die mexikanischen Sicherheitskräfte, weil die hohen Gewinne aus dem Drogenhandel in die eigene Bewaffnung investiert werden. Mit der Bereitstellung von Geheimdienstinformationen aus den USA könnten sich diese Nachteile der Regierung allerdings ausgleichen lassen.

„Von großer Bedeutung ist, ob Machtkämpfe innerhalb des Kartells um die Führung ausbrechen, die eine Zunahme der Gewalt auslösen könnten“, sagt Sicherheitsexpertin Katharina Krawkow von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung aus Mexiko-Stadt im Gespräch mit dem KURIER. Krakow untersucht seit Jahren die Organisierte Kriminalität und erlebte die Unruhen in der Provinz Jalisco hautnah mit.

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Mexikanische Sicherheitskräfte kooperierten mit US-Behörden

In Sinaloa habe es beispielsweise nach der Auslieferung von Kartellboss und Ausbrecherkönig „El Chapo“ an die USA 2023 Kämpfe gegeben. „Es gilt ist abzuwarten, ob sich weitere Kartelle, insbesondere das Kartell Sinaloa, dessen Territorium direkt nördlich von dem der CJNG liege, in den Konflikt einmischen werde, um entweder Territorium und Einfluss zu gewinnen oder um gemeinsame oder koordinierte Schläge gegen die Regierung vorzunehmen.

„Die Kartelle sind hervorragend militärisch ausgestattet. Die CJNG verfügt über Panzer, Raketenwerfer, die fähig sind Flugzeuge abzuschießen, Helikopter und Waffen in hohem Umfang. Auch die Personalstärke ist groß. Voraussetzungen für langfristige und heftige Auseinandersetzung, die großen Schaden anrichten können, sind also gegeben“, sagt Krakow. Ob es die Kartelle auf eine totale Eskalation ankommen lassen, wird man sehen.

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