Ein bisschen Landwirtschaft, ein bisschen Kommunalpolitik: Angela in ihrem Wahlbezirk, wo die Skepsis groß ist

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Reportage
08/18/2016

"Wenn’s eng wird, verkriecht sie sich"

In Berlin brodelt es wegen der Türkei. Angela Merkel macht derweil Gute-Laune-Wahlkampf im Osten.

von Evelyn Peternel

Das mit der Bürgernähe, das funktioniert noch immer nicht. Dutzende Schaulustige umringen Angela Merkel bei ihrem Spaziergang durch den Wochenmarkt in Ribnitz-Damgarten, doch gerade der eine, mit dem sie ins Gespräch kommen will, mag gerade nicht. Die Hand, die sie dem Radfahrer freudig entgegenstreckt, hängt ein paar Sekunden in der Luft; er ignoriert die Geste, murmelt etwas und geht seiner Wege.

Er ist nicht der Einzige, der ihr bei der CDU-Werbetour für die anstehende Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern mit Argwohn begegnet. Als sie später auf der Bühne steht, ist der Applaus verhalten; einer schreit gar laut "Lüge", als sie meint, der Anschlag von München hätte keinen islamistischen Hintergrund gehabt.

Heimspiel

Dabei hat sie in der 16.000-Einwohner-Stadt an der Ostsee eigentlich Heimvorteil. Hier ist sie nicht nur die Kanzlerin, die im fernen Berlin regiert, sondern ist noch Kohls "Mädchen". In ihrem Heimatwahlkreis hat sie sich nach der Wende erstmals in der CDU-Männerriege durchsetzen müssen, hier ist sie politisch erwachsen geworden. Vielleicht gehen deshalb so viele hart ins Gericht mit ihr.

"Immer, wenn’s eng wird, verkriecht sie sich hier", sagt Annemarie Knisch. Die 74-Jährige hat sich mit zwei Freundinnen an der Absperrung postiert, ein bisschen Merkel-Schauen, "passiert ja sonst nix hier", sagt sie lachend. Sie wohnt schon seit Jahren in der Nähe, fühlt sich wohl im alten Osten, wo sie auch geboren ist. Merkel verstehen kann sie trotz dieser Parallele aber nicht. Warum sie jetzt da ist, "wo politisch so viel los ist mit Erdogan", das gehe ihr nicht ein.

Wenn man der Kanzlerin zuschaut, wie sie auf der Bühne steht und Werbung für den CDU-Kandidaten macht, der ungelenk hinter ihr steht, könnte man tatsächlich meinen, die Welt sei völlig in Ordnung. Ja, der Milchpreis, natürlich, und auch bei der Bahn gebe es Verbesserungsbedarf. Die großen Probleme, die Türkei, die Flüchtlingsfrage, ihre sinkenden Umfragewerte, die sind weit weg. Heute soll es um die kleinen Leute und deren Sorgen gehen.

"Werden weggespart"

Damit hat sie sich hier vor Jahren einen Namen gemacht. Als junge Abgeordnete hat sie sich für den Straßenbau eingesetzt, dafür, dass die Leute eine Autobahn und eine Brücke bekommen. Ihr "Hinterland", die Ostsee-Region um Rügen, stand nach der Wende nicht gut da. Heute geht es Mecklenburg-Vorpommern deutlich besser.

Das versucht Merkel auch herauszustreichen. Doch so richtig recht machen kann sie es den Zuschauern auch da nicht. "Wir werden weggespart", ärgert sich eine der drei Damen; was sie meint: Das Gericht wird aufgelöst, die Schließung der Bibliothek konnte nur knapp verhindert werden. Die Region hat noch immer mit Abwanderung und Arbeitslosigkeit zu kämpfen.

Die Nutznießer dieser Entwicklung warten ums Eck. Hinter einem Bratwurst-Stand hat sich die AfD postiert, daneben die Linke. Beide profitieren vom Trubel, den die Kanzlerin mitgebracht hat; "dankenswerterweise wird die Aufmerksamkeit genutzt", sagt Merkel in ihrem formelhaften Deutsch. Jeder Fünfte, so die Prognose, könnte den Rechtspopulisten bei den Wahlen im September seine Stimme geben, die Linke ist ebenso stark.

Merkel versucht, die verlorenen Schäfchen mit einem Kernprodukt der CDU wieder einzufangen: dem Versprechen nach mehr Sicherheit. Sie spricht von "Videoüberwachung und Gesichtserkennung" und einer "Aufrüstung der Polizei". Es ist das einzige globale Thema, das sie anschneidet; die Türkei und der veritable Lapsus mit dem Geheimbericht bleiben unerwähnt. Bei ihrer Rückkehr nach Berlin wird sie ihr Schweigen nicht fortsetzen können, zu laut sind die Fragen, selbst aus der eigenen Partei. "Da braucht sie wirklich ein dickes Fell", sagt ein älterer Herr aus dem Westen. Der Urlauber ist einer der wenigen ausgewiesenen Merkel-Fans auf dem Wochenmarkt. "Ich habe Respekt vor ihr", sagt er. Seinen Namen will er aber nicht in der Zeitung lesen – aus Angst vor Diffamierungen.

Früher war alles besser

Vor einem Jahr waren nur 26 Prozent der Deutschen der Meinung, dass früher alles besser war. Heute, nach Flüchtlingskrise und blutigen Anschlägen, sind es ganze 41 Prozent – die meisten davon über 50 Jahre alt. Das ist das Ergebnis einer Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov, für die in den vergangenen Tagen 1040 Personen befragt wurden.

Dass früher alles schlechter war, finden lediglich vier Prozent der Bundesbürger, die Mehrheit (47 %) gibt ein neutrales Urteil ab. Befragt nach dem Jahrzehnt, in dem es am besten gewesen sei, antwortete fast jeder zweite Studienteilnehmer mit den 1980er-Jahren.
Beschäftigungsrekord

Neben Terrorangst spielt vor allem die Angst vor sozialem Abstieg bei dieser Nostalgie eine Rolle. Dabei geht es zumindest in Deutschlands Wirtschaft bergauf. Im Zweiten Quartal 2016 waren 43,5 Millionen Menschen beschäftigt, das ist ein Plus von 529.000 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und laut Statistikern der höchste Stand seit der Wiedervereinigung. Bedingt ist das durch den Wirtschaftsaufschwung: von April bis Juni 2016 wuchs die Wirtschaft um 0,4 Prozent, zu Jahresbeginn sogar um 0,7 Prozent. Neue Jobs entstanden vor allem im Dienstleistungsbereich.

Trotzdem herrscht Pessimismus: "Schlechter als heute", antworteten 49 Prozent der Deutschen in der YouGove-Studie auf die Frage, wie das Leben in 50 Jahren aussehen werde. An eine Verbesserung glauben nur 15 Prozent.