Machtwechsel in London: Keir Starmer räumt das Feld
Für eine Millisekunde konnte man am Montag den Grund der Pressekonferenz vergessen. Wohlwollend brandete um halb zehn Uhr morgens der Applaus durch die sonnendurchflutete Downing Street. Rechter Hand hatten sich Mitarbeiter der britischen Regierung in einer Traube versammelt, um ihrem Landeschef Tribut zollend.
Keir Starmers Karriere war aber auch dramatisch: In nur elf Jahren vom Abgeordneten zum Chef der Labourpartei und Premierminister. Doch dann fiel der Blick auf seinen ernsten Gesichtsausdruck, und die Euphorie war weggewischt. Denn ebenso rasant wie sein Auf- war nun auch sein Abstieg. Keine zwei Jahre nach seiner Antrittsrede gab Starmer am selben Rednerpult den Rücktritt bekannt.
Mit ernster Miene gab Starmer am Montag seinen Rücktritt bekannt.
Er habe die Rufe seiner Fraktion wahrgenommen, sagte er, hatte dabei Mühe, die Klänge von Beethovens „Ode an die Freude“ zu übertönen, die von Demonstrierenden in der Whitehall herüberschwappten. „Ich werde als Vorsitzender der Labour-Partei zurücktreten.“
Erneuter Sinneswandel
Es ist eine Botschaft, die für viele Politexperten unvermeidbar war. Zu sehr war in den vergangenen Monaten die Kritik am britischen Premierminister herangewachsen: zu viele Kehrtwendungen, zu viele Kommunikationspannen, zu viele Regionalwahlschlappen. Und doch kam die Nachricht Montagmorgen überraschend.
Noch am Freitag hatte sich Starmer kampfbereit gezeigt. Nachdem Parteikollege Andy Burnham die Nachwahl im nordenglischen Makerfield für sich entschieden hatte und damit ins Parlament zurückkehren konnte, erklärte Starmer, er werde sich einem Führungswettkampf stellen.
Doch kein Führungswettkampf für Starmer. Am Wochenende wurde der Druck zu groß.
Doch übers Wochenende wurde der Druck zu groß. Er habe bereits mit dem König gesprochen, fuhr Starmer Montagvormittag fort. Nun werde er den Nationalen Exekutivausschuss beauftragen, den Nachfolgeprozess einzuleiten. Der neue Premier – der siebente in zehn Jahren – soll spätestens im September seine Arbeit aufnehmen.
Der wahrscheinliche Kandidat für diesen Posten: Andy Burnham. Kein anderer Labour-Kandidat hat Unterstützer derart hinter sich versammeln können wie der 56-Jährige, der in den vergangenen neun Jahren Manchester mit Elan als international florierenden Hub etabliert hat.
Neuer Visionär
Aber läuft Burnham als pragmatischer Politiker, der ebenso wie Starmer dem gemäßigten Flügel zuzuordnen ist, nicht Gefahr, in derselben Abwärtsspirale zu landen wie der amtierende Premier? Mit der Migrationskrise, einer schwierigen Finanzlage und einer fehlenden aktuellen Regierungserfahrung in Westminster warten gleich mehrere Stolpersteine.
Andy Burnham wurde Montagnachmittag als neuer Abgeordneter von Makerfield angelobt.
Nicht unbedingt, meinte Politikprofessor Tim Bale von der Londoner Queen Mary University: „Als Bürgermeister von Greater Manchester muss man sagen, dass Burnham besser darin ist, die richtigen Leute zu ernennen und verschiedene Interessengruppen an einen Tisch zu bringen, um Dinge voranzubringen.“
Obwohl es Starmer gelang – wie er bei seiner Rede erinnerte – Gehälter zu erhöhen, Angestelltenrechte zu stärken und Wartelisten in Spitälern zu verkürzen, haben sich immer mehr Gewerkschaften und Verbündete von ihm abgewandt.
Der Kriterien
Von 9. bis 16. Juli können sich Labour-Kandidaten mit Führungsambitionen aufstellen lassen, die zumindest 20 Prozent des Parlamentsklubs (81 Abgeordnete) auf ihrer Seite haben.
Der Wettkampf
Kommt es zu einem Leadership Contest, finden im Laufe des Sommers Wahlauftritte und anschließend eine Abstimmung statt. Gibt es nur einen Kandidaten könnte diese Person im Juli das Amt aufnehmen.
Die Kandidaten
Andy Burnham, der neue Abgeordnete von Makerfield, hat seine Kandidatur offiziell bekannt gegeben. Ex-Gesundheitsminister Wes Streeting, der Führungsambitionen hatte, hat Burnham seine Unterstützung ausgesprochen.
Burnham, meinte Tim Bale, sei weitaus eher in der Lage, die Gründe und die Vision hinter seinem Handeln zu vermitteln.
Als New Statesmen-Journalist Tom McTage Starmer vor einiger Zeit fragte, ob er seine Prioritäten auf einen Satz reduzieren könnte, bekam er keine klare Antwort: „Und für mich ist genau das der Kern seiner Schwierigkeiten, die Partei dazu zu bringen, ihm die Treue zu halten“, sagte McTage im Morgenradio, „weil sie nicht wissen, wem gegenüber sie loyal sein sollen.“
Und doch, mahnte Tim Bale zur Vorsicht: „Wenn Burnham sich nicht als entschlossener und risikofreudiger als Starmer erweist, wird all das keine Rolle spielen.“
Zumindest den Vorwurf der Emotionslosigkeit konnte Starmer bei seiner Abschlussrede entkräften. Wenn er im Herbst den wichtigsten Posten des Landes verlasse, werde er mehr Zeit für die wichtigste Aufgabe aufwenden, sagte er, die Augen gerötet und die Stimme wegbrechend: „Meiner fantastischen Frau Vic der beste Ehemann zu sein ... und meinen wunderschönen Kindern der beste Vater.“
Als er dann vom Rednerpult trat, schritt er nicht zur Tür mit der Nummer 10, sondern in die Arme seiner Frau.
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