Politik | Ausland
29.03.2017

"Lukaschenko spielt mit der EU"

Die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch über Proteste in Minsk und Putins Nationalkult.

In den vergangenen Tagen hat das weißrussische Regime Alexander Lukaschenkos sein wahres Gesicht gezeigt und Proteste gegen eine "Arbeitslosensteuer" brutal niedergeschlagen. In der weißrussischen Hauptstadt Minsk waren auch am Dienstag starke Polizeieinheiten präsent, um Proteste im Ansatz zu unterbinden. Zuvor war die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch zu Gast bei "Literatur im Nebel" im Waldviertel. Der KURIER traf sie dort.

KURIER: Sie erwähnen immer wieder, an sich nicht über Krieg schreiben zu wollen. Krieg und Katastrophen sind dann aber doch immer das große Thema in ihrem Werk. Wie kommt das?

Swetlana Alexijewitsch:Ich schreibe seit mehr als 30 Jahren über das, was ich die rote Utopie nenne, also über dieses Reich des Kommunismus. Und wenn Sie sich an unsere Geschichte erinnern, dann gab es da einfach viele Kriege und Katastrophen und am Ende den Zerfall dieses Reiches. Mein Ziel besteht darin, über diese Zeit zu schreiben, über die Menschen und über die Ideen.

Inwiefern hat denn das sowjetische System die Gesellschaft nachhaltig geprägt?

Wenn ein Mensch sein ganzes Leben lang in einem Lager verbracht hat, und dann lassen sie ihn hinaus, dann kann er nicht so tun, als hätte er nie in einem Lager gelebt. In dieser Situation sind wir. In den 90er-Jahren hatten wir diese romantische Vorstellung, dass wir jetzt Demokratie haben und Freiheit. Wir haben jetzt erst verstanden, dass Demokratie ein langer Weg ist und wir noch lange nicht dort sein werden. Wir müssen anerkennen, dass wir nicht aus dem Lager hinausgehen können in einen starken freien Staat. Das ist eine Utopie und eine Illusion.

Wo steht denn Ihre Heimat Belarus (Weißrussland; Anm.) auf diesem Weg in Richtung Demokratie?

Wie kann ein totalitärer Staat auf dem Weg in Richtung Demokratie sein? Weißrussland war immer ein totalitärer Staat, und Lukaschenko hält die Bevölkerung auch in diesem Zustand gefangen. Wir haben da so etwas wie Sozialismus, während die Leute um Lukaschenko teuer einkaufen gehen. Man kann nicht frei sein in einer Diktatur.

Dennoch gibt es Proteste. Äußern sich da gerade derzeit grundlegende Veränderungen in der Gesellschaft?

Ich glaube, man sollte sich keine Illusionen machen. Eine Demonstration von 2000 oder 3000 Leuten sollte man nicht für eine Revolution halten. Lukaschenko spielt mit Europa, aber er wird nie bereit sein, die Macht an das Volk abzugeben. Damit das eine wirkliche Revolution wird, müssten 200.000 oder 300.000 Menschen auf die Straße gehen. Oder wie auf dem Maidan in Kiew eine Million.

Inwiefern strahlen denn die Entwicklungen in der Ukraine nach Belarus aus?

Die Gesellschaft ist nicht eine Einheit. Die Jungen sind begeistert. Viele sind in die Ukraine gegangen, manche haben dort auch gekämpft. Aber die große Mehrheit hat Angst. Und Lukaschenko arbeitet mit genau dieser Angst.

Und was bräuchte es, um diese Angst zu durchbrechen?

Das ist eine wirtschaftliche Frage. Ich denke, wenn die ökonomische Situation von Belarus sich weiter verschlechtert, dann wird es eine Revolution geben. Lukaschenko hat es bisher immer geschafft, Geld zu finden bei den Russen. Wenn es ihm nicht mehr gelingt und es einen Wirtschaftskollaps gibt, dann werden die Leute auf die Straße gehen.

Wie sehen Sie den Umstand, dass Russland den Sieg gegen den Faschismus für sich alleine beansprucht, während Staaten wie Belarus oder die Ukraine den größten Blutzoll in diesem Krieg hatten? Ein Krieg, der glorifiziert und propagandistisch ausgeschlachtet wird.

Man muss sagen, dass es in den fast 100 Jahren der sowjetischen Herrschaft niemals etwas gab, worauf das Volk so stolz war, wie auf diesen Sieg. Das ist das einzige Ereignis, auf das sich alle einigen konnten und das alle gut fanden. Stalin hat das gemacht, um von den Gulags abzulenken. Alle haben vom Sieg gesprochen, und er konnte in Ruhe Lager einrichten – ohne Öffentlichkeit. Wir haben gedacht in den 90er-Jahren, nach dem Fall dieses Systems, als wir in unseren Küchen sitzend von der Zukunft geträumt haben, dass das Volk ganz anders reagieren wird. Dass es Solschenizyn lesen und die Vergangenheit aufarbeiten wird. Aber das Volk hat ganz anders reagiert. Es hat sich gierig auf alles Neue gestürzt, was da aufgetaucht ist. Man hat sich gefreut, dass es auf einmal zehn Sorten Käse und 15 Sorten Wurst gab. Und dabei ist das Volk am Essenziellen vorbeigegangen. Nachdem die Perestroika also baden gegangen ist, haben wir uns gedacht: Wieso sagt das Volk nichts? Dann ist Putin gekommen, hat angefangen, diese Geschichte vom großen Russland und den Vaterlandsverrätern aufzuziehen – und da hat das Volk dann auf einmal gejubelt.