Politik | Ausland
07.03.2018

London – Moskau: giftige Worte

Die nach wie vor rätselhafte Vergiftung eines russischen Ex-Spions wird zur diplomatischen Krise.

Das Rätsel um den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal und seine Tochter wird zum diplomatischen Schlagabtausch – während der Vergiftungsfall immer mysteriöser wird. Der Chef der britischen Antiterror-Einheit, Mark Rowley, sprach jedenfalls in betont britischer Gelassenheit von einem "sehr ungewöhnlichen Fall".

Hatte es am Dienstag danach geklungen, als gingen Mediziner davon aus, dass der ehemalige Spion Skripal mit einem konventionellen Gift vergiftet wurde, so hieß es am Mittwoch nur: Man habe Erkenntnisse über eine "mysteriöse Substanz" mit der Skripal und seine Tochter in Berührung gekommen seien. Medienberichten zufolge wird eine Vergiftung mit dem Schwermetall Thallium in Betracht gezogen. Thallium ist äußerst schwer nachzuweisen. Der Zustand Skripals und seiner Tochter wird indes nach wie vor als kritisch beschrieben.

Zugleich wurden in der südenglischen Kleinstadt Salisbury unter Einsatz zahlreicher Polizei-, Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge zusätzliche Gebiete abgeriegelt, untersucht und dekontaminiert. Damit sind jetzt ein italienisches Restaurant, ein Pub, Teile einer Shopping Mall, die Parkbank, auf der die beiden Opfer bewusstlos vorgefunden wurden, sowie andere Orte abgeriegelt.

Auch wurde bekannt, dass einer der Sanitäter, die Skripal ins Spital brachten, nach wie vor wegen Symptomen stationär behandelt wird. Über die Symptome wurden indes keine Angaben gemacht. Das, nachdem die Anti-Terror-Polizei am Vorabend die Ermittlungen übernommen hat – man aber noch nicht von einem terroristischen Akt sprechen wollte.

Am Mittwoch trat auch der britische Sicherheitsrat, das so genannte Cobra-Komitee, zusammen, um über den Fall zu beraten. Die auf der Hand liegende These: Russland stehe hinter der Vergiftung, nachdem sich Parallelen zu dem Fall Litwinenko (siehe Grafik oben) aufdrängen.

Belastete Beziehungen

Litwinenko war 2006 in London mit der radioaktiven Substanz Polonium 10 getötet worden. Ein Jahrzehnt lang wurden alle möglichen Aspekte des Falls untersucht. Als Täter identifiziert wurden zwei Russen, mit denen sich Litwinenko knapp vor seiner Erkrankung getroffen hatte. Die Untersuchung kam außerdem zu dem Schluss, dass eine Operation dieses Ausmaßes wohl kaum ohne Wissen des Kremls abgewickelt hätte werden können. Die Auslieferung der beiden Verdächtigen hat Russland auch wiederholt verweigert. Einer der beiden Männer sitzt heute zudem im russischen Parlament. Der Fall Litwinenko hat die Beziehungen zwischen London und Moskau schwerwiegend, vor allem aber nachhaltig belastet.

Es war der britische Außenminister Boris Johnson, der bereits am Dienstag vorpreschte und in seiner bekannt unwirschen Art "angemessene und robuste Reaktionen" auf die Tat ankündigte, sollte sich der Verdacht erhärten, dass Moskau hinter der Tat stehe. Am Mittwoch präzisierte Premierministerin Theresa May die Warnung: Überlegt werde, während der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland keine offiziellen britischen Polit-Repräsentanten nach Russland zu schicken.

Russland weist indes alle Anschuldigungen zurück. Das Außenministerium in Moskau warf London zugleich eine geplante anti-russische Kampagne vor. Noch vor Klärung der Fakten würden Vorwürfe gegen Russland erhoben, sagte Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa.

Zwar waren sowohl Litwinenko wie Skripal Mitarbeiter eines russischen Geheimdienstes. Allerdings unterscheiden sich die beiden Fälle in einigen markanten Details. Litwinenko war ein erklärter Gegner Putins, der auch nach seiner aktiven Zeit Kontakte zu Putin-Gegnern pflegte und zu Mafia-Verstrickungen in den Kreml recherchierte. Skripal dagegen lebte ein unauffälliges Pensionisten-Leben. Außerdem war Litwinenko vor der russischen Justiz geflohen. Skripal dagegen war für seine Kooperation mit den Briten zu 13 Jahren Haft verurteilt und 2010 vom damaligen Präsidenten Medwedew begnadigt worden.