Politik | Ausland
05.07.2018

“Wenn das Lager sind, dann sind das Lager”

Linguist Anatol Stefanowitsch über die Sprachverwirrung in der Migrationsdebatte und Kampfbegriffe.

Herr Stefanowitsch, haben Sie auch nachschlagen müssen, nachdem Sie den BegriffAnlandezentrum” (auch: "Anlandeplattform") zum ersten Mal gehört haben?

Anatol Stefanowitsch: Ich musste da nicht nachschlagen, weil diese sprachliche Neuerungen, die sich in diesem Bereich beobachten lassen, ob das Anlandezentren oder Transitzentren sind, alle einem typischen Muster einer pseudotechnisierten Sprache folgen. Da werden vage Konzepte, die nicht sonderlich ausgearbeitet sind, mit Begriffen belegt, die euphemistisch sind. Bei denen das, worum es eigentlich geht, weggelassen wird. Dadurch wird so getan, als ob es sich hier um etwas Neutrales handelt. Das strahlen diese Wörter schon beim ersten Hören aus. Da weiß man schon, dass wir es mit einem politischen Euphemismus zu tun haben, hinter dem versteckt sich vermutlich etwas, dass mit Anlandung und Zentren relativ wenig zu tun hat.

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat diese Woche gegenüber österreichischen Journalisten von “externen Anlandeplattformen" und "internen Empfangs-, Willkommens-, Behandlungs-Lagern” gesprochen. Er wusste offenbar selbst nicht genau, wie man so etwas nennen soll, vielleicht wollte er sich auch darüber lustig machen. Wie sind wir an diesen Punkt gelangt?

Wir haben zwei Tendenzen, die wir in den letzten Jahren und Monaten beobachten konnten. Das eine ist die scheinbare Technisierung der Sprache. Das sind Begriffe, die klingen nach guter Verwaltung, die erwähnen nicht das, worum es eigentlich geht. Da wird nicht “Lager” gesagt sondern “Zentrum”. Da wird von einer “Transitzone” geredet, wo es weder um Transit noch um Zonen geht, sondern darum, dass Leute festgesetzt werden, nicht in einer Zone, sondern in einer Lager-artigen Einrichtung.

Wobei es Transitzonen zum Beispiel ja schon auf Flughäfen gibt, mit genau dieser Bezeichnung.

Genau, aber das ist ja sozusagen dasselbe. Man tut so, als ob die Person noch nicht gelandet wäre, sondern sich irgendwie noch im Transit befindet.

Es scheint in diesem Fall auch ein bisschen so, dass sich die Sprache um die Rechtsvorschriften herum verbiegen muss.

Das ist ja der Grund, warum dieses Vokabular jetzt plötzlich auftaucht. Es werden dort gesellschaftliche und teilweise juristische Realitäten geschaffen, also ein tatsächlicher Umgang, tatsächliche organisatorische Einheiten, Institutionen, Gebäude - und für das muss man dann Begriffe finden. Der Begriff muss möglichst leicht verdaulich sein. Er muss für die Bevölkerung möglichst wenig Anlass für Kritik geben. Deswegen werden gerne Fremdwörter wie Transit verwendet oder Wörter wie Zentrum oder Zone. “Anlandezentrum”, was soll das überhaupt heißen? Anlandung ist ja kein Wort, dass wir in unserer Sprache oft verwenden. Man verwendet also auch gerne Begriffe, die noch nicht belegt sind, in der Hoffnung, dass es durchrutscht und niemand so genau hinguckt. Ob das immer funktioniert, ist natürlich die andere Frage.

 

Neue Dinge verlangen nach neuen Begriffen. Neue Einrichtungen brauchen einen Namen. Was wären denn korrekte Bezeichnungen aus der Sicht des Linguisten? Man kann ja wohl nicht von Politikern erwarten, dass sie die drastischsten Auswirkungen einer Maßnahme in den Titel verpacken.

Als Linguist würde ich sagen: Ja, die Politiker machen hier genau das, was aus ihrer Sicht das Beste ist, nämlich auf sehr geschickte Weise ablenken. Sie lenken durch diese Verwaltungssprache sehr schön ab von den Problemen, die diese neuen Einrichtungen und Institutionen mit sich bringen. Das ist aus deren Sicht auch völlig gerechtfertigt, das würde ich auch machen. Wenn ich mich einmal entschieden hätte für diese Art von Werteverschiebung oder Aufkündigung von bestimmten Aspekten der Menschlichkeit, dann würde ich auch versuchen als Politiker, das durch diese Sprache zu verdecken. Das ist rational und völlig verständlich.

Als Gesellschaft, glaube ich, dürfen wir uns das nicht gefallen lassen - unabhängig davon, wie wir selber politisch zu diesen Dingen stehen. Ich halte es für wichtig, dass eine gesellschaftliche Diskussion ehrlich ist und man ehrlich benennt, was man hier tut. Ich persönlich bin gegen solche Einrichtungen und ich finde man sollte ganz klar sagen: Wenn das Lager sind, dann sind es Lager. Wenn es geschlossene Lager sind, dann ist das nichts anderes als ein Gefängnis. Wenn wir ein Wort dafür haben, sollten wir das auch verwenden.

Aber selbst unsere normalen Gefängnisse nennen wir ja nicht Gefängnisse, sondern Justizanstalten, um das österreichische Beispiel zu nennen.

Genau, oder Haftanstalt. Zumindest das sollte man dann tun. Das Wort Anstalt wird ja hier vermieden. Zentren und Zonen sind wirklich schon sehr weit weg davon. Unsere Haftanstalten nennen wir ja nicht Zentren oder Besserungszentren. Da würde sofort jeder sehen, dass das ein Euphemismus ist. Ich habe jetzt ein paar mal den Begriff Internierungslager gelesen. Das ist schon näher dran an dem, was da geplant ist. Aber das trifft es natürlich auch nicht ganz. Diese Begriffe haben ja alle Geschichte und der Begriff Internierungslager ist in einem Kontext verwendet worden, dass Bürger eines Landes weggeschlossen wurden. Da muss man auch ein bisschen vorsichtig sein.

Im Prinzip finde ich es ehrlich, wenn jemand sagt: Europa muss eine Festung sein, weil ich da wenigstens weiß, mit wem ich es zu tun habe. Jemand der das sagt, sagt ganz klar: Hier geht es nicht um Menschlichkeit, da geht es darum zu bewahren, was wir haben, egal was es kostet. Das kann ja eine Position sein, die man hat. Und wenn man dazu ehrlich steht, halte ich das für besser, als wenn man sich hinter Begriffen versteckt.

Aber funktioniert das überhaupt für die Politik, mit diesen Begriffen zu arbeiten?

Ich würde schon sagen, dass es insgesamt recht erfolgreich funktioniert. Gerade die großen Medienhäuser übernehmen auf sehr breiter Ebene diese Begriffe in der Berichterstattung, was auch klar ist, weil es Tradition hat. Die Medien sind ja normalerweise nicht angehalten, eigene Begriffe für solche Dinge zu finden. Da wird geguckt, was in den Presseerklärungen der Behörden steht und das wird berichtet. Es wird vielleicht kritisch hinterfragt, aber nicht auf einer sprachlichen Ebene. Deswegen setzen sich diese Begriffe oft sehr erfolgreich durch. Natürlich funktioniert es nicht zu 100 Prozent, weil es sowohl in den Medienhäusern als auch im wissenschaftlichen Bereich Leute gibt, die sich daran gewöhnt haben, sehr genau hinzuschauen, wenn plötzlich neue Begriffe auftauchen.

Einige dieser Begriffe werden sich festsetzen, bei anderen gelingt das weniger. Wir sehen das in Deutschland im Moment beim Begriff “Transitzone”, die SPD will dieses Wort auf gar keinen Fall. Aber man muss ganz klar sagen: Das ist begrenzt. Die breite Bevölkerung interessiert sich wohl doch nicht so sehr für diese Themen, um diese Begriffshinterfragung dann auch nachzuvollziehen. Das merkt man ja auch an sich selber, wenn man Begriffe kritiklos akzeptiert in Bereichen, wo man sich nicht so auskennt. Ich habe keine Ahnung von Glyphosat und als ich das erste Mal "Glyphosat-Skandal" gelesen habe, habe ich auch kritiklos angenommen, dass es sich um einen Skandal handelt. 

In der Debatte gibt es dann auch den sprachlichen Bereich, der sich offenbar an Stammtischen, in den Sozialen Medien entfaltet und auch in die Politik durchdringt. Da geht es um Schatzsucher, Kulturbereicherer, Shuttle-Service, Willkommensklatscher.  Politische Kampfbegriffe hat es immer schon gegeben, sind wahrscheinlich so alt wie Sprache selbst. Warum neigen wir so dazu? Welche Funktionen haben diese Begriffe für die Menschen, die sie verwenden?

Diese Art von Sprache hat es natürlich schon immer an den Stammtischen gegeben. Da ist es lokal begrenzt gewesen. Diese Begriffe haben ganz verschiedene Funktionen. Zum einen als gegenseitige Bestätigung der Meinung. In dem Augenblick, wo ich über Flüchtlinge als “Goldstücke” rede und von einem anderen ein anerkennendes Lächeln bekomme, dann weiß ich sofort: Ich bin mit dem auf einer Wellenlänge. Man erkennt alleine durch die Wortwahl, auf welcher Seite jemand steht. Das ist eine wichtige Funktion, die Sprache generell hat, die Sprache in Subkulturen hat und die politische Kampfbegriffe in diesen Subkulturen haben.

Die zweite Funktion ist, dass man dieses Feindbild entindividualisiert und auch teilweise entmenschlicht. Man muss sich gar nicht klar machen, dass das Menschen sind, von denen man da redet, die persönliche Schicksale haben. Von denen sind einige vielleicht wirklich hierher gekommen, um sich kriminell zu betätigen. Vielleicht sind auch einige davon wirklich eingeschleust worden, um Terroranschläge zu verüben. Andere sind aus wirtschaftlichen Gründen hergekommen, wieder andere sind Kriegsflüchtlinge. In dem Moment, wo das alles “Merkels Goldstücke” sind, kann ich pauschale Unterstellungen machen, die stecken in diesen Wörtern ja meistens auch drin. Ich vereinfache mein Weltbild, ich sehe gut und böse und die anderen sind eine vage Masse von Leuten, deren Menschlichkeit ich nicht mehr betrachten muss. Das ist der zweite Aspekt. 

Hat das zugenommen oder nehmen wir es durch die Sozialen Medien einfach mehr wahr?

Das ist ganz schwer zu sagen. Viele von diesen Begriffen gibt es schon sehr lange, seit es das Internet gibt in rechtsradikalen Foren, zum Beispiel, oder auf den einschlägigen Webseiten. Das hat nichts mit den Sozialen Medien zu tun. Aber die Tatsache, dass diese Art von Sprache plötzlich bis in die Politik hineinschwappt, in Reden im Parlament oder in Interviews, dass der Begriff “Asyltourismus” von Politikern demokratischer Parteien verwendet wird..

...sie sprechen hier Horst Seehofer an, der den Begriff in einem Interview verwendet hat.

Ja, und dass Sebastian Kurz, ein Bundeskanzler der ÖVP, so etwas wie Achse "Berlin-Wien-Rom” verwendet, als ob das nichts wäre, als ob das keine Geschichte hätte. Da fließen ganz explizite Anlehnungen an einen sehr brutalen Sprachgebrauch ein, der mit einer sehr brutalen Phase der deutschen oder auch österreichischen Geschichte verbunden ist. Da haben wir das Gegenteil, da haben wir etwas, das nicht verdecken, schönreden und übertünchen soll, sondern zeigen, wie explizit die Brutalität werden kann. Das hätte ich der ÖVP noch vor zehn Jahren noch nicht zugetraut. Dass man damit durchkommt, dass es keine nennenswerten Konsequenzen hat, das hat glaube ich damit zu tun, dass die Sozialen Medien zu einer Normalisierung dieser Sprache beigetragen haben. Das ist die eigentliche neue Dimension.

Haben diese Begriffe eine Halbwertszeit oder verschwinden sie nur, wenn das zugrundeliegende Thema an Bedeutung verliert?

In den Sozialen Medien ist ein gewisser Umsatz an Begriffen zu beobachten und ich nehme an, auch an den Stammtischen, die schwerer zu untersuchen sind. Da geht es darum, die Provokation aufrecht zu erhalten. Irgendwann ist ein Begriff zu normal geworden, dann muss der nächste her. Das passiert dort, wo es ein identitätsstiftendes Element gibt, in Subkulturen, wo Begriffe kommen und wieder verschwinden. Manche setzen sich natürlich auch fest und werden dauerhaft Teil des Mythos.

In der Politik ist es auch so. Dort können die Begriffe Teil der sozialen Realität werden. Da muss man dann schon sehr viel ändern an der zugrundeliegenden Realität. Die ironisierenden Begriffe verschwinden bestimmt schneller wieder als die Euphemismen. Der böse Humor, der in einem Begriff wie “Fachkräfte” steckt, nutzt sich schneller ab.  

Anatol Stefanowitsch (48) ist Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin.