Libyen: Sex, Drugs & Söldner im Blutrausch

Festgenommene Gaddafi-Loyalisten in Tripolis – Amnesty International beschuldigt sowohl Rebellen als auch Gaddafi-Leute der Folter.
Foto: AP/Francois Mori

Überwiegend Söldner kämpfen auf der Seite Gaddafis. Ein gebürtiger Bosnier erzählt von seinen Monaten in Tripolis.

Sie sitzen auf Dächern, feuern auf alles, was sich bewegt, in Tripolis wie in anderen Städten Libyens - und ergeben sich auch dann nicht, wenn sie umstellt sind. Was den Schilderungen der Rebellen über ihre Gegner gemein ist, ist vor allem eines: Die unglaubliche Verbissenheit jener, die noch für Muammar al-Gaddafi kämpfen. "Die glauben anscheinend wirklich an diesen Typen", sagt ein Aufständischer. Ob glauben oder nicht: Sie werden oder wurden zumindest reichlich für ihren Einsatz entlohnt. Denn da ist noch ein Umstand, der die Schilderungen eint: Bei jenen Gaddafi-Loyalisten, die von den Rebellen lebend gefangen werden, handelt es sich zu einem beträchtlichen Teil um Nicht-Libyer. Kämpfer aus dem Tschad, Niger oder anderen Staaten.

Deren Kommandanten allerdings sind bereits von dannen gezogen. Ein solcher war Mario, ein Artilleriespezialist kroatisch-bosnischer Herkunft. Kampferprobt in den Balkan-Kriegen. Zuletzt machte er in Libyen Geld aus seinen Erfahrungen - als Kommandant einer Einheit aus Libyern und Söldnern aus dem Tschad. Auch aus Russland, der Ukraine und Weißrussland sollen Söldner angeworben worden sein.

Dem US-Magazin Time erzählte Mario von den vergangenen sechs Monaten: "Die Disziplin war schlecht und die waren zu dumm, etwas zu lernen", berichtete er. Aber alles sei soweit okay gewesen, bis die NATO mit den Bombardements begonnen habe. Danach seien nach und nach 30 Prozent seiner Truppe desertiert oder zu den Rebellen übergelaufen.

Bruderzwist

Mario hat Libyen vor zwei Wochen verlassen. Er war gewarnt worden. Der Kollaps des Regimes hatte sich abgezeichnet. Spannungen in den eigenen Reihen und vor allem auch unter den Söhnen Gaddafis wären zuweilen fast zu gewalttätigen Kämpfen ausgeartet. Manch Armeekommandant sei bisweilen vor allem aus Angst an der Seite Gaddafis verblieben. Die Überzeugung hätten sie nur vorgetäuscht.

Der Übergangsrat hat den verbliebenen Kämpfern jetzt Straffreiheit versprochen, wenn sie ihre Waffen niederlegen. Eine letzte Aufforderung, wie es bei einer Pressekonferenz Ali al-Tarhunis in Tripolis hieß. Er ist Ölminister des "Kabinetts" der Revolutionsbewegung. "Wir versprechen euch, dass wir keine Rache üben werden", sagte er. Zwischen "uns und euch" stehe das Gesetz.

Welches Gesetz, fragt sich. In ein Spital in Tripolis wurden die Leichen von 17 Rebellen eingeliefert, die laut Angaben der Aufständischen von Gaddafis Leuten gefoltert und erschossen worden waren. Und in Gaddafis Festung in Tripolis lagen am Tag nach der Einnahme durch die Rebellen die Leichen von zahlreichen Gaddafi-Kämpfern - in einem Feldlazarett. Einige der Erschossenen hingen noch an Infusionen. Zwei der Toten hatten die Hände auf den Rücken gefesselt. Amnesty International beschuldigt beide Seiten der Folter.

Der Fall eines Regimes im Exzess. Knapp davor waren in dem Areal, wo jetzt Tote in der Sonne verfaulen, Partys gefeiert worden. Von einem "surrealen" Leben in dieser Festung spricht Mario: Einem Leben rauschender Feste mit Frauen, Alkohol und Drogen mitten im Krieg. Ein Angehöriger Gaddafis habe ihn einmal zu einer Party mitgenommen, wo man "alles nur Erdenkliche" angeboten habe. Er habe Geschichten gehört, dass bei solchen Festen Menschen zum Spaß erschossen oder gezwungen worden waren, russisches Roulette zu spielen - während Gäste Wetten abschlossen.

Vor seiner Abreise aus Tripolis habe er noch versucht, Gaddafis Sohn Saif al-Islam zu kontaktieren, sagt Mario. Der habe dann zurückgerufen, sich bedankt, gefragt, ob sie etwas benötigten und gesagt, dass sie Libyen bald wieder zurückgewinnen würden.

Rebellen regieren nun von Tripolis aus

Es ist ein weiterer symbolträchtiger Schritt nach der Eroberung des Gaddafi-Hauptquartiers: Am Donnerstag verlegte die neue libysche Führung, der Nationale Übergangsrat, ihren Sitz offiziell von der Widerstandshochburg Bengasi nach Tripolis. Das erklärte Finanz- und Ölminister Al-Tarhuni, der mit sieben Kollegen angereist war, bei der ersten Pressekonferenz in der Hauptstadt. Von ausländischen Medien wurde die Veranstaltung in der Nacht auf Freitag kaum beachtet - sie interessieren sich zurzeit mehr für die Suche nach dem verschwundenen Diktator.

Dabei hatte Al-Tarhuni nicht nur gute Nachrichten für übergelaufene Gaddafi-Loyalisten - er sicherte ihnen Straffreiheit zu -, sondern auch für das Ausland. Er beteuerte, dass alle Verträge mit Firmen und Staaten mindestens bis zu den ersten freien Wahlen eingehalten würden. Der Übergangsrat will binnen acht Monaten nach dem endgültigen Sturz Gaddafis Parlaments- und Präsidentenwahlen abhalten. Dabei kann er auf die Unterstützung der Arabischen Liga bauen: Diese will Libyen heute wieder in ihre Reihen aufnehmen.

Humanitäre Krise

Der Wiederaufbau der Infrastruktur dürfte laut den Rebellen mindestens zehn Jahre dauern. Um ihn angehen zu können, forderte der Übergangsrat die Freigabe weiterer Mittel aus eingefrorenen Auslandsvermögen des Gaddafi-Regimes. Geld sei v. a. für die Bezahlung der Beamten und die kaum noch funktionierende Gesundheitsversorgung nötig.

Bereits am Donnerstag hat die UNO der Auszahlung von einer Milliarde Euro für Wiederaufbau und humanitäre Hilfe zugestimmt. Unterstützung für die notleidende Bevölkerung kam gestern auch auf dem Seeweg: Am Abend wurde ein internationales Hilfsschiff mit 15 Ärzten sowie mehr als 250 Tonnen Medikamenten und 400 Tonnen Nahrung in Tripolis erwartet. Heute soll ein weiteres Schiff mit Hilfsgütern und 50 Mitarbeitern humanitärer Organisationen ankommen.

(kurier) Erstellt am
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