© Uwe Mauch

Interview
05/24/2020

Kroatiens Tourismusminister: "Ab Freitag können Sie kommen"

Gari Cappelli verspricht die freie Fahrt zum Meer. Er benötigt dafür auch die österreichische Regierung.

von Uwe Mauch

Noch ist die Anreise mit dem Auto an die Adria eine Herausforderung. Mit dem Hinweis „Transit“ kann der KURIER-Redakteur zunächst die österreichisch-slowenische Grenze bei Spielfeld im Nu passieren. Nur auf der alten Bundesstraße gibt es zeitlich noch Einschränkungen, aber das muss Urlauber nicht tangieren.

Haarig wird es dann vor Macelj, dem Autobahnübergang nach Kroatien: gut zwei Stunden Wartezeit an einem Werktag für alle, die nicht die aktuell offenen Schleichwege kennen. Als Österreicher muss man den Grund der Einreise nennen und mit Einladungen oder Buchungsbestätigungen dokumentieren. Dann notiert der Grenzpolizist die Telefonnummer. Das dauert naturgemäß.

Umso herzlicher ist der Empfang in Zagreb. Tourismusminister Gari Cappelli scheint derart erfreut zu sein, dass er beinahe die Hand zum Gruß entgegengestreckt hätte.

KURIER: Herr Minister, zwei lange Stunden Wartezeit gestern bei der Einreise nach Kroatien. Dabei hat der Sommer noch nicht einmal begonnen. Das ist eindeutig zu lang.

Gari Cappelli: Ja, das ist zu lang. Aber ich darf den Lesern Ihrer Zeitung heute ganz aktuell mitteilen: Ab kommenden Freitag können Sie ganz ohne Einschränkungen zu uns kommen. Sofern Sie in Kroatien einen Urlaub gebucht haben, passieren Sie die Grenze ohne Zeitverlust.

Wie wollen Sie das ermöglichen?

Wir stellen soeben eine weltweit einzigartige App fertig: Dort können die Urlauber noch zu Hause und in aller Ruhe ihre persönlichen Daten und ihren genauen Urlaubsort eingeben. An der Grenze ist dann in fünf Sekunden mit dem Scan ihres Reisepasses alles erledigt, und sie können weiterfahren. Ein wesentlicher Vorteil ist für uns: Im Falle einer Corona-Infektion können wir schnell und ohne großen Aufwand die Infektionskette nachvollziehen.

Was ist aber, wenn ich mich als Urlauber weigere, diese App mit meinen Daten zu speisen?

Dann müssen Sie eventuell etwas länger an der Grenze warten.

Noch eine Hürde haben wir: Die österreichischen Behörden verlangen von mir nach der Rückkehr den Nachweis, dass ich mich nicht in Kroatien infiziert habe. Das kostet knapp 200 Euro pro Nase oder weitere 14 Urlaubstage in Quarantäne.

Ja, das ist im Augenblick noch ein Problem. Deshalb werde ich morgen oder am Dienstag meine Ressortkollegin in Wien, Frau (Elisabeth) Köstinger, anrufen, um sie zu bitten, diese Auflagen auch für Kroatien-Urlauber zu lockern.

Welche Chancen räumen Sie Ihrer eigenen Initiative ein?

Ich bin da durchaus optimistisch. Wir haben mit unseren österreichischen Partnern traditionell ein sehr gutes Einvernehmen. Dazu kommt, dass es bereits derart viele Anfragen von Gästen aus Österreich gibt. Einige kommen seit vielen Jahren im Sommer zu uns, andere haben ein Boot, ein Haus. Die müssen da auch eine ganze Reihe von Dingen in Ordnung bringen, die sind daher wirklich besorgt. Ich werde auch darauf hinweisen, dass wir in Kroatien das Virus sehr früh gut in den Griff bekommen haben und daher sehr niedrige Corona-Zahlen aufweisen. Schon seit einer Woche melden unsere Epidemiologen weniger als zehn Neuinfizierte pro Tag.

Apropos: Es fällt auf, dass in Zagreb kaum jemand eine Maske trägt, nicht im Supermarkt, nicht im Restaurant, nicht im Café, auch nicht in der Straßenbahn. Welche generellen Regeln gelten nach den extrem strengen Ausgangsbeschränkungen zu Beginn der Krise jetzt für die Menschen im Land?

Wir empfehlen sehr wohl, eine Maske zu tragen. Ich selbst trage eine beim Einkaufen. Aber das wird ehrlich gesagt nicht sehr streng kontrolliert. Wir appellieren dringend, den Sicherheitsabstand von zwei bis drei Metern einzuhalten.

Auf was müssen sich Gäste in den kroatischen Hotels einstellen?

Da gibt es genaue Hygienevorschriften für unsere Hoteliers. Das Einchecken wird kontaktlos möglich sein, das Öffnen der meisten Hotelzimmer ebenso, einige sogar mit dem Mobiltelefon. Das Service-Intervall am Zimmer kann von den Gästen selbst mitbestimmt werden. Buffets wird es weiterhin geben, man kann also gustieren, allerdings wird das Essen dann ausschließlich von unseren gut geschulten Hotelangestellten serviert.

Und was gilt in Restaurants?

An sich so wie in Österreich: Vier Erwachsene dürfen an einem Tisch essen. Bei größeren Familien machen wir aber eine Ausnahme.

Wie groß sind die Verluste für den kroatischen Tourismus bisher?

Bis jetzt halten sie sich zum Glück noch einigermaßen in Grenzen, denn wir realisieren den überwiegenden Teil des Umsatzes im Tourismus in den Sommermonaten.

Was erwarten Sie für 2020?

Wenn wir ein Drittel des Umsatzes des Rekordjahres 2019 schaffen, dann sind wir gut, sehr gut sogar.

Was stimmt Sie optimistisch?

Wir haben bisher für Juli und August erst wenige Absagen erhalten. Und in der vergangenen Woche haben zahlreiche Gäste ihr Storno für den Juni rückgängig gemacht.

Im Interview mit dem KURIER beziffert Minister Gari Cappelli die Verluste  durch die Corona-Pandemie für die Monate März, April und Mai mit fünf Prozent. Noch habe die umsatzstärkste Zeit im Jahr für die kroatische Tourismuswirtschaft nicht begonnen. Und es gebe auch nicht extrem viele Absagen für die Monate Juli, August und September.

Weniger entspannt beurteilen österreichische Touristikmanager, die seit Jahren höchst erfolgreich in Kroatien tätig sind, die aktuelle wirtschaftliche Situation. Sie sprechen von teils dramatischen Einbußen, die ihre Unternehmen und auch ihre Mitbewerber unverschuldet und auch unvorbereitet verbuchen mussten.

Jürgen Anderle, Geschäftsführer der Liezener Gebetsroither-Gruppe, die 38 Campingplätze entlang der kroatischen Adria mit komfortablen Mobilheimen ausstattet, spricht bereits heute von einem Verlust von mindestens 600.000 Euro: „Der ergibt sich alleine durch den Ausfall unserer deutschen Kunden bis Mitte Juni.“

Ebenso wenig Land sieht derzeit Eva Maria Schlögl, die als Geschäftsführerin des traditionsreichen Kroatien-Anbieters Gruber-Reisen für das Sport & Wellness Resort Bretanide auf der Insel Brač zuständig ist. Die Insel vor der dalmatinischen Hafenstadt Split geriet zuletzt auch deshalb in den Fokus der Medien, weil ein älterer Insulaner nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus mehrere Nachbarn angesteckt hat.

Dessen ungeachtet erwartet Eva Maria Schlögl für dieses Jahr im Bretanide, das bei österreichischen Urlaubern beliebt ist, einen Umsatzrückgang   von 60 Prozent. Langjährige Gäste berichten dem KURIER, dass sie aufgrund der unsicheren Lage für den Sommer 2020 bereits einen Urlaub in den Bergen gebucht haben.

Der Salzburger Hotelier Wilfried Holleis, dessen Familie in Opatija und in Crikvenica mit viel persönlichem Einsatz zwei Luxushotels betreibt, sorgt sich stellvertretend für seine Branche: „Wenn nicht bald Gäste bei uns ankommen, dann werden viele hier in Kroatien zusperren müssen.“