England im Dilemma zwischen US-Bündnis und Irak-Trauma
Die Kehrtwendung kam prompt. Keine 48 Stunden, nachdem Israel und die USA ihren Iran-Angriff gestartet hatten, war Großbritanniens Plan, diesen Krieg als Beobachter zu verfolgen, zunichte. Via Videonachricht teilte Premierminister Keir Starmer Sonntagabend mit, das Vereinigte Königreich habe einer Anfrage der USA zugestimmt. Amerika dürfte ab sofort britische Militärstützpunkte für "defensive“ Angriffe auf iranische Raketenstellungen nutzen.
Noch vor zwei Wochen hatte Starmer eine erste Anfrage dazu abgewiesen, er hatte es US-Präsident Donald Trump untersagt, die britischen Stützpunkt RAF Fairford (im englischen Gloucestershire) und Diego Garcia (auf den Chagos Inseln im indischen Ozean) zu verwenden, sollte sich der Iran gegen eine Atom-Abkommen entscheiden.
Doch seitdem, argumentierte Starmer, habe sich die Situation geändert. Der Iran agiere rücksichtloser, bringe das Leben britischer Staatsbürger in Gefahr. Am Wochenende hatten iranische Angriffe Flughäfen und Hotels getroffen, in denen britische Staatsbürger untergebracht sind; am Samstag wurde eine Militärbasis in Bahrain getroffen, bei der britisches Personal nur knapp verfehlt wurden. Insgesamt befinden sich rund 300.000 britische Staatsbürger in der Krisenregion.
Stützpunkt auf Zypern getroffen
Nur wenige Stunden nach Starmers Erklärung, gegen null Uhr Ortszeit, wurde der britische Luftwaffenstützpunkt Akrotiri auf Zypern, mutmaßlich von einer Drohne getroffen. Sie versachte "einen geringen Sachschaden"; es wurden keine Personen verletzt. Laut britischen Medien soll die Drohne noch vor Starmers Rede gestartet worden sein.
Der britische RAF Stützpunkt in Zypern wurde am Sonntag von einer Drohne getroffen.
Im eigenen Land zieht Starmer mit seiner Erlaubnis scharfe Kritik auf sich.
Sowohl die Konservativen als auch Reform UK werfen ihm vor, zu langsam agiert zu haben. Er sei kein Führer, sondern ein Mitläufer, urteilte Rechtspopulist Nigel Farage. Er sei seit der Wahlblamage von vergangener Woche noch weniger fähig, klar Position zu beziehen, kritisierte die Tory-Chefin Kemi Badenoch.
Parallelen zu Irak-Krieg
Die andere Seite des politischen Spektrums verurteilt wiederum, dass sich Starmer dem Willen Amerikas gebeugt hat. Für die Grünen habe sich Starmer nun in "einen weiteren illegalen Krieg im Nahen Osten" gestürzt; die Liberaldemokraten fordern eine Abstimmung über die Kriegs-Beteiligung im Parlament.
Zu sehr erinnert die Situation an den März vor 23 Jahren. "Die Beteiligung an bewaffneten Konflikten unter Verletzung des Völkerrechts ist ein riskantes Unterfangen", schrieb Starmer, zu dem Zeitpunkt Menschenrechtsanwalt, so erinnert die BBC als der damalige Labour-Premier Tony Blair George W. Bush in den Irak-Krieg folgte. Zwischen 2003 und 2009 waren zeitweise 46.000 Soldaten im Irak im Einsatz; 179 britische Soldaten kamen ums Leben.
Es ist einmal mehr ein Drahtseilakt für den Premier mit den geringen Beliebtheitswerten. Und so versucht Starmer derzeit zu kalmieren: Großbritannien habe aus den "Fehlern im Irak" gelernt. Man sei nicht an den ersten Angriffen auf den Iran beteiligt gewesen und werde sich "auch jetzt nicht an Offensivmaßnahmen beteiligen".
Auch Außenministerin Yvette Cooper betonte, dass es sich einzig um Verteidigungsmaßnahmen handelte.
Von der Defensive in die Offensive
Und doch appellierte am Montag dann auch noch sein Parteikollege und früherer Schattenkanzler John McDonnell, Starmer möge sich von den USA nicht einmal mehr in eine "unglaublich gefährliche" Situation hineinziehen lassen. "Sie wissen, was als Nächstes passieren wird“, sagte McDonnell zur BBC.
"Der Premierminister wird sagen, dass wir eine rechtliche Grundlage für die Bereitstellung unserer Stützpunkte haben. Das nächste Argument wird lauten, dass diese rechtliche Grundlage uns auch die Möglichkeit gibt, selbst aggressive Handlungen zu begehen.“
Unterdessen heulten am Montag in Zypern erneut die Sirenen. Zwei weitere Drohnen wurden gegen Mittag abgefangen, bevor sie Schaden anrichten konnten.
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