Politik | Ausland 26.05.2018

Kolumbien: Nach Friedensdeal gerät Wahl zum Duell der Extreme

Die Linke Petro (l.) fordert den rechten Hardliner Duque heraus © Bild: APA/AFP/JOAQUIN SARMIENTO

Bei der morgigen Präsidentschaftswahl rittern ein linker Ex-Guerillero und ein rechter Hardliner um die Macht.

Zumindest die deutsche Botschaft in Bogotá hat vor den Präsidentschaftswahlen am Sonntag in Kolumbien den Humor nicht verloren. Sie lud am Donnerstag auf die Plaza de Lourdes im Herzen der kolumbianischen Hauptstadt zur Teilnahme an einem

„Besaton Electoral“ ein. Ein Kussmarathon organisiert vom Wahlbeobachter „Candidator“ unter dem Motto „Dass die Zunge nicht dazu dient, zu beleidigen.“ Eine satirische Aktion mit ernstem Hintergrund, denn wenn Sonntag der Andenstaat an die Wahlurnen schreitet, ist es so polarisiert wie lange nicht mehr.

Um das Fell des Bären streiten sich die Vertreter der politischen Extreme. Der Ex-Guerilla-Kämpfer der Gruppierung M19 und Ex-Bürgermeister Bogotas, Gustavo Petro, und der rechte Hardliner Ivan Duque aus dem Lager des rechtskonservativen Ex-Präsidenten Alvaro Uribe (2002–2010), der immer noch extrem populär ist. Es ist ein Duell der Ideologien und der Gegensätze.

Avocado-Offensive

Petro schwärmt von einer Art Arbeiter- und Bauernstaat. Die Avocado ist zum Symbol seiner ganz auf die ländliche Bevölkerung und der Träume der sogenannten Kleinbauern ausgerichteten Kampagne geworden. Duque ist Vertreter einer klassischen Law-and-Order-Politik, der ein modernes Kolumbien verspricht und eine knallharte Strategie gegen Kriminalität und Drogenhandel.

In Villavicencio hat Petro ein Heimspiel. Zehntausende sind in die Stadt gekommen, in der Papst Franziskus vor ein paar Monaten bei seinem Kolumbien-Besuch noch vergeblich versucht hatte, die zerstrittenen politischen Lager zu versöhnen. „Wir begrüßen den neuen Präsidenten Kolumbiens, Gustavo Petro Urego“, schallt es aus den Lautsprechern. Petro gelingt es, die Massen zu mobilisieren – wie vor ihm kaum einem anderen linken Politiker.

Petro zeichnet seine Vision eines zukünftigen Kolumbiens auf: „Die Öl- und Kohleindustrie bringt nur 300.000 Arbeitsplätze. Allein der Kaffeeanbau aber sorgt für 1,5 Millionen Arbeitsplätze. Stellt euch vor, was eine Avocado-Industrie möglich machen könnte. Man muss diese Produkte industrialisieren und es schaffen, dass der Produzent auch der Eigentümer dieser Industrie ist.“

Riesige soziale Ungleichheit

Mit seinem Vorschlag erreicht Petro die Herzen der Campesinos, und es gelingt ihm, in eine offene Wunde zu stoßen: Kolumbien ist trotz eines beträchtlichen Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren und einer breiter gewordenen Mittelschicht immer noch eines der Länder mit der größten Ungleichheit auf der Welt.

Aber auch der 41-jährige Duque, der die Umfragen mit rund zehn Prozentpunkten anführt und laut dem Nachrichtenmagazin Semana sogar die Chancen haben soll, das Duell im ersten Wahlgang für sich zu entscheiden, mobilisiert sein Lager intensiv. Duque spielt die emotionale Karte und warnt vor einer Machtübernahme der linken „Castro-Chavistas“ wie er das Petro-Lager angesichts der ideologischen Nähe zu den verstorbenen Staatschefs Kubas, Fidel Castro, und Venezuelas, Hugo Chavez, nennt.

Eine Million Flüchtlinge

Angesichts von rund einer Million Flüchtlingen die laut Roten Kreuz in den vergangenen zwei Jahren aus dem sozialistisch regierten Krisen-Staat Venezuela über die Grenze strömten ein durchaus effektives Drohpotenzial. Duque, der auch vehement gegen das Friedensabkommen des scheidenden Präsidenten Juan Manuel Santos mit den linken Rebellen der FARC auftritt, geht daher als großer Favorit ins Rennen.

( kurier.at , wf ) Erstellt am 26.05.2018