Kanadas Mark Carney zeigt auf, wie man in Trumps Weltordnung besteht

World Economic Forum 2026 in Davos
Wie kein anderer westlicher Regierungschef versucht der kanadische Premier, die Abhängigkeit seines Landes von den USA zu verringern – auch dank einer neuen Nähe zu China.

Neben Donald Trump, dessen Rede im Schatten der Grönland-Krise mit Spannung erwartet worden war, hinterließ ein Mann am Weltwirtschaftsforum in Davos bleibenden Eindruck: Mark Carney. Der kanadische Premierminister hatte am Dienstag eine bemerkenswerte Rede gehalten, deren Bedeutung gerade wegen Trumps polternden Auftritts am Mittwoch unterstrichen wurde.

Die alte Ordnung kommt nicht zurück“, sagte Carney etwa. „Wir sollten ihr nicht nachtrauern. Nostalgie ist keine Strategie.“ Trumps USA, China oder Russland würden die Abhängigkeiten, die durch die jahrzehntelange Globalisierung entstanden sind, als Waffe einsetzen: „Mit Zöllen als Druckmittel und Lieferketten als ausnutzbare Schwachstellen der Weltwirtschaft.“

Gnadenlos rechnete der ehemalige Notenbanker mit der Besänftigungspolitik vieler US-Verbündeter in Europa und Asien ab. Diese würden „aus einer Position der Schwäche heraus verhandeln“ und darum „wetteifern, wer am entgegenkommendsten ist“: „Das ist keine Souveränität, das ist Unterordnung.“ 

Stattdessen müssten sich Mittelmächte wie Kanada an die neue Realität anpassen und eine pragmatische Außenpolitik verfolgen, die in erster Linie eigenen Interessen dient und sie mittelfristig unabhängiger macht. „Denn wer nicht am Tisch der Großen sitzt“, so Carney, „steht auf der Speisekarte.“

So machte Carney Kanada unabhängiger

Der Kanadier weiß, wovon er spricht: Seit Trump vor einem Jahr erneut US-Präsident wurde, spielte er mehrfach öffentlich mit dem Gedanken, den nördlichen Nachbarn zum 51. US-Bundesstaat zu machen. Erst in der Vorwoche veröffentlichte Trump in den sozialen Medien eine Landkarte, die Kanada, Venezuela und Grönland als Teil der USA zeigte. Bei seiner eigenen Rede in Davos meinte Trump gar zu Carney: „Kanada lebt nur aufgrund der USA.“ Anders als Carney erntete er für seine Worte keine stehenden Ovationen.

Als Carney im vergangenen März das Amt des Premiers übernahm, versuchte er zunächst, ein besseres Verhältnis zum US-Präsidenten aufzubauen als sein Vorgänger Justin Trudeau. Seither setzt er alles daran, Kanada im Eiltempo aus der Abhängigkeit von den USA zu führen, der Anteil der kanadischen Exporte in die USA sank von 75 auf 67 Prozent.

In den vergangenen Tagen errichtete der 60-Jährige das politische Fundament, auf dem sein Land diesen Weg fortsetzen kann: Carneys Auftritt in Davos markierte den letzten Stopp einer kleinen Weltreise, die ihn zuvor nach Katar und China geführt hatte.

Katars Emir sicherte Milliardeninvestitionen in Kanada zu – ein Segen für das Land, in dem der überwältigende Teil ausländischen Geldes aus den USA kommt. Auch im Bereich der Forschung und militärisch werde man künftig enger zusammenarbeiten.

Kanadas Partnerschaftsabkommen mit China ist eine Ohrfeige für die USA

In China unterzeichnete Carney gar ein strategisches Partnerschaftsabkommen; es war der erste Besuch eines kanadischen Premiers in Peking seit acht Jahren. Eine lautere Ohrfeige für die USA kann es nicht geben.

Canadian Prime Minister Mark Carney meets with President of China Xi Jinping at the Great Hall of the People in Beijing

Mark Carney und Chinas Machthaber Xi Jinping in Peking.

Das ist der neue Pragmatismus: Kanada braucht neue, kaufkräftige Freunde, wenn das Verhältnis zum großen Nachbarn im Süden schlechter wird. China sucht dagegen dringend Alternativen zu venezolanischem Öl, Kanada wäre eine solche Quelle. Die strategische Partnerschaft beinhaltet auch regelmäßige Gesprächsrunden auf Ministerebene, Forschungs-, Kultur- und Tourismusabkommen. Mit derselben schmucklosen Ehrlichkeit wie in Davos sagte Carney in Peking: „Diese Partnerschaft stellt uns gut für die neue Weltordnung auf.“

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass Kanadas Weg Nachahmer finden wird. Nächste Woche ist auch Keir Starmer als erster britischer Premier seit acht Jahren in Peking zu Gast. Kein Zufall, dass die britische Regierung just in dieser Woche den Kniefall übte: Sie genehmigte das höchst umstrittene Bauvorhaben für eine neue chinesische Botschaft im Londoner Finanzzentrum, obwohl zentrale Teile der vorgelegten Baupläne geschwärzt waren. 

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