Five-Star Movement leader and comedian Beppe Grillo gestures during a rally in Turin February 16, 2013. REUTERS/Giorgio Perottino (ITALY - Tags: POLITICS ELECTIONS)

© Reuters/GIORGIO PEROTTINO

Italien
02/23/2013

Panik vor dem Polit-Clown

Die Kontrahenten von Anti-Politiker Beppe Grillo fürchten seinen enormen Umfrage-Erfolg.

Kurz vor dem Ende des Wahlkampfes ist unter den etablierten Parteien „terrore“, die Angst, vor dem Anti-Politiker und Starkomiker Beppe Grillo ausgebrochen. Denn Grillos Zulauf bereitet dem Mitte-Linksbündnis und dem Zentrumsblock derzeit größeres Kopfzerbrechen, als ein Wahlsieg Silvio Berlusconis, vor dem Europa warnt. Der 64-jährige Gründer der „Fünf-Sterne“-Protestbewegung, der wie ein Tsunami durch das Land fegte, versammelte am Freitagabend seine Anhänger zum „Tag des Vergnügens“ auf der Piazza San Giovanni in Rom. Zweihundert Autobusse, neunzig organisierte Gruppen und Zehntausende Privatleute strömten zu dem riesigen Platz, den traditionsgemäß die Linke und Gewerkschaften für Großkundgebungen beanspruchen.

„Raus aus Europa“

Der Komiker, der persönlich nicht zur Wahl antritt, verweigerte sich bis zuletzt italienischen TV-Kameras. Nur ein paar ausländischen Journalisten gewährt der Anti-Politiker ein Interview. Dennoch dominierte Wirbelwind Grillo die Debatte in den letzten Wahlkampftagen. „Wo führt euch Grillo hin? Raus aus Europa. Und raus aus der Demokratie“, warnte Pier Luigi Bersani, Chef der Mitte-links-Partei PD (Partito Democratico), auf der Piazza Duomo in Neapel. Mit Grillo würde es Italien schlechter als Griechenland ergehen.

„Hier stinkt es nach Mottenkugeln“, schrie Grillo, der kurz nach Bersani die neapolitanische Bühne betrat. Er spielte damit auf die alte „Politikerkaste“ an, die ausrangiert gehört.

Quo vadis, Grillo?

Einig sind sich Berufspolitiker Bersani, Ökonom Monti und Unternehmer Berlusconi nur in einem Punkt: Es ist wichtig, die Stimmen nicht an Splitterparteien zu „verschenken“, denn um das Land zu regieren, bedarf es einer stabilen Mehrheit. Die Premierkandidaten buhlten noch kräftig um Stimmen im großen Anteil unentschlossener Italiener.

Die nächste Regierung wird sich in jedem Fall mit den neuen Parlamentariern von Grillo auseinandersetzen müssen. Laut Schätzungen könnten bis zu einhundert Vertreter der „Fünf-Sterne“-Bewegung in die Abgeordnetenkammer einziehen. Die neue Situation wirft viele Fragen auf: Wie werden sich die „Grillini“ gegenüber den staatlichen Institutionen verhalten? Boykottieren sie alles und jeden, wie ihr Chef, oder sie sind sie kooperativ?

Der scheidende Premier Mario Monti bezeichnete Grillo ebenfalls als den „gefährlicheren Sieger“: „Ich verstehe die Proteste, aber man braucht auch Vorschläge“, kritisiert Monti das fehlende Programm. „Wenn ich höre, Italien soll aus der Euro-Zone austreten, möchte ich gerne den potenziellen Grillo-Wählern die Augen öffnen und erklären, was das bedeutet“, sagte der Mailänder Wirtschaftsprofessor.

Zweiter Platz möglich

Laut Beobachtern wurde der als „Polit-Clown“ abgestempelte Grillo zu lange unterschätzt.

„Nach Online-Umfragen könnte es Grillo sogar auf den zweiten Platz vor Berlusconi schaffen“, vermutet Lucia Annunziata, Journalistin der RAI.

Werte, denen Annunziata mit Skepsis begegnet: „Ich habe bisher mit Ausnahme eines jungen Kollegen noch keine ,Grillini‘ getroffen, ich weiß nicht, wer sie sind und was sie wollen.“

Ciao Ragazzi: Auf die Jungen wird im Wahlkampf vergessen

Dementsprechend wenig setzen sich auch die Wahlkampagnen mit jugendbezogenen Themen auseinander. Besonders das drängende Thema der Jugendarbeitslosigkeit wird erfolgreich ignoriert. Stattdessen geht es um die Immobiliensteuer – oft ein Hohn für Tausende Junge in prekären Jobs oder in Ausbildung, die vom Hausbesitz in ferner Zukunft nur träumen können. Die Arbeitslosenrate bei den unter 25-Jährigen liegt bei knapp 37 Prozent; jeder fünfte junge Italiener macht keine Ausbildung – von Arbeit ganz zu schweigen.

Großes Interesse, dass die Jungen zur Wahl gehen, scheint auch gar nicht vorhanden zu sein: Für sie wird der Urnengang oft unleistbar. Jene, die ihre Heimatstädte verlassen haben, wohnen anderswo oft schwarz zur Untermiete und sind noch zu Hause gemeldet. Die Briefwahl ist nur in Ausnahmefällen erlaubt; die Heimreise für einen Tag ist teuer.

Hinzu kommen die 25.000 in Europa verstreuten Erasmus-Studenten. Auf die Möglichkeit, dass sie wählen könnten, wurde – anders als bei ihren Professoren – schlicht vergessen. Der Fehler fiel spät auf, nun bezuschussen Alitalia und der Staat zumindest den Heimflug. Die Studiosi müssen aber immer noch knapp 100 Euro auf den Tisch legen, um wählen gehen zu können.

Also bleibt laut Umfragen ein Drittel der Jungen der Wahl fern. Viele wüssten, so der Tenor, ohnehin nicht, was sie ankreuzen sollten. Die besten Karten hat dabei noch Beppe Grillo mit seiner Protest-Attitüde.

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