Wehrpflicht auch für Ultraorthodoxe

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Foto: Reuters/NIR ELIAS Hunderttausende orthodoxe Juden protestierten gegen die Aufhebung des Privilegs, keinen Wehrdienst leisten zu müssen.<br />
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Auch die tiefreligiösen Juden bleiben nun nicht mehr verschont und müssen Wehrdienst leisten.

Seit Wochen waren sie immer und immer wieder auf die Straße gegangen. Mit gen Himmel gerichtetem Blick und lauten Klagerufen warnten Hunderttausende orthodoxe Juden im traditionellen schwarzen Gewand in Israel, aber auch in New York, dass das Ende der jüdischen Identität und der israelischen Nation drohe, wenn die Regierung in Jerusalem ihren Plan wahr mache: Die Aufhebung der Befreiung vom Wehrdienst für die Haredim, die "Gottesfürchtigen", wie sie sich nennen.

Es half alles nichts. In einer historischen Entscheidung hat das Parlament am Mittwoch die schrittweise Einführung der Wehrpflicht auch für ultraorthodoxe Männer beschlossen. Für den Antrag der Regierung stimmten 67 der 120 Knesset-Abgeordneten, die Opposition boykottierte das Votum.

Vor allem Finanzminister Jair Lapid von der Zukunftspartei hatte sich der "gleichen Verteilung der Lasten" auch auf tiefreligiöse Juden verschrieben. Sein Parteifreund, Wissenschaftsminister Jaakov Peri, sagte: "Erstmals wird ein Problem, das im Zentrum des Konflikts innerhalb der israelischen Gesellschaft steht, gelöst. Dramatische Veränderungen stehen an." Vertreter der Ultraorthodoxen sprachen von einem "schwarzen Tag für den Staat und die Regierung".

"Hand reichen"

Von "dramatischen Veränderungen" ist deshalb die Rede, weil die Entscheidung der Knesset nur zum Teil auf das Militär abzielt. In Wahrheit geht es darum, den jungen Haredim eine Alternative zur hermetischen Welt der Thoraschulen zu bieten, in denen weltliche Bildungsinhalte verpönt sind.

"Die Regierung ist nicht gegen die orthodoxe Glaubenswelt. Sie will dieser Bevölkerungsgruppe die Hand reichen, um sie in die israelische Gesellschaft zu integrieren", sagte Bildungsminister Shai Piron, selbst ein orthodoxer Rabbiner.

Geschichte, Mathematik oder Chemie lenken nach Auffassung der strenggläubigen Rabbiner nur ab von den fünf Büchern Mose und den anderen Schriften der jüdischen Bibel sowie dem Talmud. Sie zusammen bildeten die Glaubenslehren, die die in der Welt verstreuten Juden zusammenhalten und ihrem Volk nach dem Holocaust die Wahrung der Identität und das Überleben als Nation sicherten.

Deshalb wurde nach der Staatsgründung Israels das Privileg eingeführt, das junge Haredim vom Militär befreit, sofern sie sich ausschließlich dem Religionsstudium widmen und keiner anderen Arbeit nachgehen. Was 1954 lediglich 400 Schüler betraf, gilt heute für mehr als 30.000 männliche Haredim im wehrpflichtigen Alter.

Hohe Armutsrate

Ohne grundlegende Schulbildung oder das Erlernen eines Handwerks geraten sie aber in einen Teufelskreis. Im Durchschnitt haben Haredim-Paare in Israel sieben Kinder. Die Mehrheit der Väter arbeitet nicht. Das Einkommen der besser ausgebildeten und hart arbeitenden Frauen reicht nicht aus. Die Folge: Israel hat die höchste Armutsrate unter den 35 OECD-Staaten. Mehr als die Hälfte der Haredim-Familien lebt unter der Armutsgrenze.

Deshalb gilt die Ausweitung der Wehrpflicht als Sozialreform, die mittelfristig den fast 800.000 Ultraorthodoxen, der Volkswirtschaft und dem öffentlichen Haushalt Israels helfen soll.

Wehrpflicht verkürzt

Die Wehrpflicht für Männer in Israel betrug übrigens bisher drei Jahre (für Frauen zwei); sie wurde nun auf 32 Monate verkürzt. Israel verfügt nach Schätzungen (offizielle Zahlen gibt es nicht) über etwa 168.000 Soldaten (stehendes Heer) und 445.000 Reservisten.

(KURIER) Erstellt am
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