Politik | Ausland 26.12.2012

Vom keltischen Tiger zum Bettvorleger

Die Insel kommt langsam aus der Krise – und spart auch bei ihrer EU-Präsidentschaft eisern.

Mehr als 600 Jahre litten die Iren unter britischer Fremdherrschaft. Diese endete vor nicht einmal 100 Jahren, aber schon sehnt sich so mancher auf der Grünen Insel wieder nach mehr Einfluss Londons. Möglich gemacht hat das die schwere Krise der EU. „Wir sollten den Euro aufgeben und das britische Pfund übernehmen“, sagt die 16-jährige Schülerin Marina Wright in Dublin dem KURIER. „Der Euro-Raum ist ein einziger Scherbenhaufen. Bei uns in Irland ist es fast so schlimm wie in Griechenland – und das ist wirklich schlimm.“

Musterknabe

Ausgerechnet das von der Finanzkrise so schwer getroffene Irland übernimmt am 1. Jänner für ein halbes Jahr die EU-Ratspräsidentschaft. Erstmals steht damit ein Land an der Spitze der Union, das unter den Euro-Rettungsschirm flüchten musste.

Irland hat auf nationaler Ebene all jene Probleme, die derzeit die Krise der EU ausmachen – nur sind sie in Irland noch ein bisschen größer als in vielen anderen Staaten. Die Arbeitslosigkeit beträgt fast 15 Prozent, die staatliche Schuldenquote 120 Prozent des BIP. Immerhin ist zuletzt die Wirtschaft wieder leicht gewachsen, nach mehreren Jahren der Rezession.

Im Zentrum des irischen Arbeitsprogramms für die EU-Präsidentschaft steht der Kampf gegen die Krise. Der frühere „keltische Tiger“ gilt trotz seiner Probleme als Musterstaat unter den EU-Schuldensündern. Im Gegensatz zu Griechenland hat die Regierung in Dublin bisher alle Reform-Vorgaben der Troika (EU, Europäische Zentralbank, Internationaler Währungsfonds) erfüllt.

Beobachter glauben, dass Irland deshalb ein guter Makler zwischen Ländern wie Griechenland und Deutschland sein kann, die sehr unterschiedliche Interessen haben. „Wir sind ein Land im Aufschwung, das eine Aufschwung-Agenda in Europa vorantreiben wird“, versprach Premierminister Enda Kenny.

Seine Landsleute sind da weniger optimistisch. „So wie unser Land dasteht, werden wir in Europa sicher niemandem sagen können, wo es langgeht“, sagt Dermot Lynch, ein Pensionist aus Dublin. Er findet, dass seine Regierung ihre Führungsrolle in der EU vor allem dazu nutzen sollte, eigene Anliegen durchzusetzen. Irland kämpft seit Monaten darum, auch seine angeschlagenen Banken unter den Euro-Rettungsschirm zu bringen. Vor allem Deutschland steht da auf der Bremse.

Dass in Irland derzeit überall gespart wird, werden im nächsten halben Jahr auch die EU-Granden und Beamten aus Brüssel spüren. Die Regierung in Dublin will für ihre Präsidentschaft nicht mehr als 60 Millionen Euro ausgeben. Bei den EU-Treffen wird Leitungswasser statt Wasser aus der Flasche aufgetischt. „Es wird keinen Pomp und keine Zeremonien geben, so etwas würde in Irland derzeit niemand verstehen“, erklärte Europa-Ministerin Lucinda Creighton.

Profiteur

Noch sehen die meisten Iren die EU trotz aller Probleme positiv. „Man darf nicht immer nur an die Wirtschaft denken. Die Verleihung des Friedensnobelpreises hat gezeigt, dass Europa viel mehr ist“, meint Student Daniel Johnston vom Trinity College im Zentrum Dublins. Gerade Irland habe in den guten Jahren sehr stark von der EU profitiert. „Die haben unsere ganze Infrastruktur finanziert.“

Auch Pensionist Dermot Lynch will, dass sein Land auf jeden Fall in der EU bleibt. „Viele beklagen, dass wir jetzt von den Deutschen alles diktiert bekommen. Wären wir aber nie in die Europäische Union gekommen, dann wäre die katholische Kirche in Irland jetzt noch viel einflussreicher – und dann würde uns erst recht ein Deutscher alles vorgeben.“

( Kurier ) Erstellt am 26.12.2012