Besser als US-Raketen: Golfstaaten haben jetzt Deals mit der Ukraine
Ukrainische Abfangdrohnen
Von Timo Buchhaus
Sie ist kaum schneller als ein Auto, doch kann mit ihrem 60-Kilo-Sprengkopf ganze Häuser zum Einsturz bringen. Das Geräusch ihres Motors reißt einen aus dem Schlaf wie ein Moped, das nachts durch die Reihenhaussiedlung rattert. Die Shahed-Drohne ist eine Waffe des Terrors. Russland bombardiert mit ihr täglich ukrainische Städte. Der Iran nutzt sie für seine Vergeltungsschläge in der Golfregion. Weil die US-Armee keine passende Antwort hat, setzen die Golfstaaten nun auf die Ukraine und ihre neuen Abfangdrohnen.
Nach einem Monat Krieg steht fest: Der Iran steht noch und ist in der Lage, zurückzuschlagen. Mit seinen Shaheds und Raketen kann er die ganze Region lähmen. Der Abwehrkampf ist teuer und die Waffendepots begrenzt. Die Golfstaaten brauchen eine Lösung, die sie nicht ausblutet.
Die Ukraine hat eine Lösung
Die Ukraine, in deren Städten das Leben - täglichen schweren Luftattacken zum Trotz - weitergeht, hat das passende Mittel. Nach vier Jahren Krieg hat das Land eine gewaltige Drohnenindustrie aufgebaut - sie ist in der Lage, rund vier Millionen Drohnen pro Jahr zu fertigen. Auch in der Entwicklung neuer Systeme ist die Ukraine ganz vorne dabei.
Ihre neuen Abfangdrohnen bekämpfen Shaheds kostengünstiger und effektiver als westliche Systeme. Damit sind sie weltweit gefragt. Auch die Golfstaaten - namentlich Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Katar - werden diese nun kaufen. Entsprechende Verträge sind bereits unterzeichnet.
Die neue Partnerschaft ist vertraglich auf 10 Jahre festgelegt. In dieser Zeit soll die Ukraine nicht nur die Drohnen liefern, sondern dabei helfen, ein ganzes Verteidigungssystem am Golf zu errichten. Dieses beinhaltet Drohnen, elektronische Kampfsysteme, aber auch Training für die Piloten.
Mitte März wurden 200 ukrainische Drohnenspezialisten in die Golfregion entsandt. Auch bei der Sicherung der Straße von Hormus könnte die ukrainische Expertise im Drohnenkrieg zur See zur Anwendung kommen. Die ukrainische Regierung betont aber, dass ukrainische Berater nicht selbst an Kampfhandlungen teilnehmen werden.
Die Verträge mit den betreffenden Golfstaaten sind für die Ukraine ein Novum. Für sie bieten sie die Chance, ihre Waffenexporte weltweit auszubauen und damit die eigene globale Position zu stärken.
Ukrainischer Soldat demonstriert die Handhabe einer Abfangdrohne
„Es geht darum, den Export zu öffnen“, sagte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij bei einem Besuch in der Region vergangenes Wochenende: „Aber wir müssen uns bewusst sein, dass wir unsere Erfahrung nicht umsonst verkaufen.“
Deals haben Tragweite
Die ukrainische Rüstungsindustrie hat großes Interesse am Exportgeschäft. Bisher war dieses von staatlicher Seite stark beschränkt. Doch der Weg dahin war nicht ganz einfach. Im März versuchte Selenskij, ukrainische Lieferungen zu einem staatlichen Tauschgeschäft zu machen: Abfangdrohnen für die Golfregion, Unterstützung in den Waffenstillstandsverhandlungen und amerikanische Waffen für die Ukraine. Von Seiten der Industrie wurden die daraus resultierenden Verzögerungen stark kritisiert - Gewinne könnte man dazu nutzen, die eigene Produktion zu stärken.
Doch auch für die Golfstaaten haben die Deals militär-ökonomische Tragweite. Die Shaheds, die der Iran für seine Vergeltungsschläge nutzt, sind günstig. Die Kosten liegen bei 30.000 bis 50.000 US-Dollar. Sie mit amerikanischen Patriot-Raketen, die für Hochwertziele entwickelt wurden, abzuschießen - eine einzige kostet bis zu vier Millionen US-Dollar - ist wenig effizient.
Ukrainische Abfangdrohnen können dagegen so wenig wie 1.000 US-Dollar pro Stück kosten. Im Irankrieg, der zu einer Ressourcenschlacht ausgeartet ist, könnte letztlich der Kostenfaktor entscheiden, wie hoch der Schaden in den Golfstaaten ausfällt.
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