US-Angriff? Warum die Saudis Angst vor einem Krieg im Iran haben
„Sie sind nicht gekommen, um Golf zu spielen“, sagt Abdulaziz Sager, Leiter des Gulf Research Centers in Riad, zum massiven Aufmarsch der Amerikaner rund um den Iran. Auch der saudische Außenminister, Prinz Faisal bin Farhan Al Saud, den Österreichs Ministerin Beate Meinl-Reisinger am Donnerstag auf ihrer Reise in der Golf-Region getroffen hat, ist laut ihr überzeugt: Die USA werden den Iran demnächst angreifen.
Während in Riad die diversen Szenarien diskutiert werden, ob der US-Angriff punktuell wie in Venezuela ausfallen werde oder ein Regimewechsel erzwungen wird, verschärfen Washington und Teheran noch einmal ihre Attacken – vorerst noch verbal, aber teils schrill.
Bisher schadet das vor allem der arg gebeutelten iranischen Wirtschaft. Die Landeswährung Rial ist auf ein weiteres Rekordtief gefallen, die Internetsperre kostet nach Schätzungen mindestens 20 Millionen Dollar pro Tag. Tausenden Unternehmen droht die Pleite.
Spiegelbildlich dazu verhalten sich die Anleger auf den Finanzmärkten. Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran schicken Spekulatives wie Aktien oder Bitcoin in den Keller. Sichere Häfen wie Gold, Silber, Kupfer erklimmen dagegen ein Rekordhoch nach dem anderen. Sicherheit steht jetzt hoch im Kurs.
Politikberater Sager bestätigt, dass Riad in den vergangenen Tag versucht habe, Teheran zum Einlenken zu bewegen. In einem Telefonat mit Kronprinz Mohammed bin Salman erklärte Irans Präsident Massud Peseschkian, sein Land stehe jedem Prozess, der Krieg verhindern könne, positiv gegenüber. Die Botschaft des Saudi-Machthabers: US-Präsident Donald Trump sei verhandlungsbereit, doch das Zeitfenster schließe sich.
Die Saudis wären direkt betroffen von einer Eskalation. Sie fürchten das Ausbleiben dringend benötigter ausländischer Investitionen für ihre gigantischen Bauprojekte in der Wüste. Lange Zeit verharrte der Rohölpreis bei 60 Dollar das Fass, das leerte die Kassen des zweitgrößten Ölproduzenten der Welt nach den USA. Der nun erfolgte Anstieg des Ölpreises auf knapp 70 Dollar freut Riad. Einige erinnern sich aber auch an die iranischen Drohnen- und Raketenangriffe 2019 auf Anlagen des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco. Wohl auch deshalb pocht das mit den USA verbündete Königshaus auf Frieden.
Darüber hinaus könnte die gesamte Region destabilisiert werden, warnen Experten. Die Folge wäre eine massive Flüchtlingsbewegung vom Iran in die Türkei oder die Sperre der Straße von Hormus durch Teheran. Letzteres hätte hohe Kosten für den Ölhandel zur Folge, von dem die Saudis trotz aller Bemühungen in Richtung "Grüner Transformation" noch immer abhängig sind.
Irans Führer Khamenei und der saudische Verteidigungsminister Khalid bin Salman
Sagers Worst-Case-Szenario für den Iran nach einem militärisch erzwungenen Regimewechsel ist ein blutiger Bürgerkrieg, bei dem sich die Armee gegen die Revolutionsgarden stellt und auch andere Gruppen um Macht und Einfluss kämpfen. Also Chaos pur. Außenministerin Meinl-Reisinger betonte nach dem Gespräch mit ihrem saudischen Amtskollegen darum noch einmal die Vermittlerrolle Riads.
Bei ihren Terminen in Riad habe sie auch unangenehme Themen wie Menschenrechtsfragen angesprochen. Trotz vieler Fortschritte etwa für die Rechte von Frauen (z. B. beim Scheidungs- oder Obsorgerecht) habe sie „klar deponiert, dass wir gegen die Todesstrafe sind.“ Im Vorjahr wurden in Saudi Arabien rund 350 Menschen hingerichtet.
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