"Absolute digitale Isolation“: Wie der Iran seine Bürger vom Internet abschottet
Nach den vom Regime blutig niedergeschlagenen Protesten blieb eine Spur der Verwüstung zurück.
Gegen 20 Uhr rasselt die Linie in den Netzgrafiken plötzlich nach unten. Es ist der 8. Jänner 2026. In vielen Städten Irans gehen die Menschen zu Tausenden auf die Straße, um gegen die autoritären Herrscher zu protestieren. Plötzlich bricht der Internetverkehr zusammen, wie Messdaten von globalen IT-Unternehmen zeigen. Seitdem sind mehr als zwei Wochen vergangen. Die Islamische Republik steckt damit im längsten digitalen Blackout ihrer Geschichte.
Das hat mehrere Gründe. Zum einen nutzen die Mullahs die umfassende Internetsperre, um das Ausmaß der beispiellosen Gewalt gegen die eigene Bevölkerung zu verschleiern. Nach den massiven Ausschreitungen, die Ende Dezember begannen und am 8. und 9. Jänner ihren Höhepunkt fanden, sprechen Menschenrechtsorganisationen inzwischen von 5.000 bestätigten Toten. Berichte von Augenzeugen und Ärzten im Land deuten jedoch darauf hin, dass die tatsächliche Zahl noch deutlich höher liegt.
Zum anderen erschwert der Internet-Blackout den Iranern die Kommunikation: Damit sind die massiven Proteste im Land praktisch zum Erliegen gekommen.
Streng kontrolliert
Online-Sperren sind im Iran prinzipiell nichts Neues. Bereits bei früheren Protesten wurde das Internet zeitweise abgeschaltet. Auch sonst wird der digitale Raum streng kontrolliert. Die meisten westlichen Plattformen (z. B. Instagram oder Netflix) sind blockiert.
Stattdessen hat das Regime über Jahre hinweg eine Art Parallel-Intranet aufgebaut, das „Nationale Informationsnetzwerk“ (NIN). Dort sind ausschließlich staatlich kontrollierte Websites aufrufbar, vergleichbar mit Chinas „Great Firewall“. In Krisenzeiten kann der Staat, der mit der „Telecommunication Infrastructure Company“ alle Internetverbindungen kontrolliert, einfach den Stecker ziehen. Die Iraner sind dann vom globalen Internet abschottet. Dienste innerhalb des Landes funktionieren aber weiterhin – normalerweise zumindest.
Denn bei der jüngsten Protestwelle hat das Regime (Berichten zufolge aus Panik) auch das NIN vorübergehend abgeschaltet. Die Folge: Systemwichtige Dienste (z. B. Bezahldienste) und auch die Telefonverbindung fielen aus. Selbst vom Staat prinzipiell freigegebene Seiten auf der „Whitelist" waren offline und wurden nur schrittweise wieder hochgefahren.
Erst seit einer Woche können die Iraner wieder ins Ausland telefonieren und SMS verschicken. Rückrufe oder Nachrichten erreichen das Land nicht. Ausländische Dienste bleiben blockiert.
Beispiellose Gewalt
Bei den Massenprotesten im Iran sind laut dem Menschenrechtsnetzwerk HRANA mehr als 5.000 Menschen ums Leben gekommen. Weitere 9.787 Todesfälle würden untersucht. Zudem seien rund 26.800 Menschen festgenommen worden. Das Regime spricht von 3.117 Toten.
Internetsperre
Seit dem 8. Jänner herrscht im Iran ein digitaler Blackout: Die Internetverbindung wurde weitgehend gekappt, sogar staatliche Websites waren eine Zeit lang nicht aufrufbar.
Verluste
Der wirtschaftliche Schaden durch die rigorose Internetsperre ist enorm. Die Wut der Iranerinnen und Iraner dürfte dadurch weiter befeuert werden.
Experten warnen, dass die aktuellen Einschränkungen noch länger anhalten können. Weder hat die iranische Regierung angekündigt, wann die Internetdienste wiederhergestellt werden sollen. Noch ist eine Rückkehr zum Stand vor den Protesten – also ein bereits massiv zensiertes Internet – wahrscheinlich. Vieles deutet stattdessen darauf hin, dass die Behörden den Zugang noch strenger einschränken werden. Von „absoluter digitaler Isolation“, warnt etwa die NGO Filterwatch. Von einer Ära, „in der Internetzugang kein Recht mehr ist, sondern ein vom Staat gewährtes Privileg“.
Sperren umgehen
Bereits jetzt ist gut belegt, dass der Iran seit Jahren auf ausländische Überwachungs- und Filterungstechnologie setzt. Die Nachrichtenagentur Reuters dokumentierte bereits früh Lieferungen und Angebote chinesischer Anbieter, etwa Systeme für Telekom-Überwachung sowie Spionagesoftware im Umfeld von Huawei. Analysen sehen zudem eine Kooperation mit Russland bei Methoden der Internet-Unterdrückung.
In den letzten Jahren konnte Irans Bevölkerung die Internetsperren dennoch auf unterschiedliche Wege umgehen. Etwa über sogenannte Tunneldienste (VPN) oder Satellitentechnologien. Seit Beginn der jüngsten Protestwelle wurde aber auch dies erschwert: Tausende Geräte von Elon Musks Starlink sollen beschlagnahmt oder außer Betrieb gesetzt worden sein: Das Stören von Funk- und Navigationssignalen („Jamming“) soll Verbindungen abbrechen lassen und Terminals auffindbar machen.
Der Blackout trifft die Wirtschaft
Die ohnehin angeschlagene Wirtschaft Irans trifft der Blackout hart. Das Regime spricht von umgerechnet fast drei Millionen Euro, die die Sperre täglich koste. Der tatsächliche Schaden dürfte weitaus höher sein: Die Internetüberwachungsorganisation NetBlocks schätzt ihn auf über 37 Millionen Dollar pro Tag. Die Wut der Bürger dürfte das weiter befeuern.
Kommentare