Mojtaba Khamenei: Irans neuer Führer, den das Volk nicht kennt

Mitten im Krieg wurde Mojtaba Khamenei zum obersten geistlichen Führer der Islamischen Republik ernannt. Hardliner jubeln, Gegner fürchten Vergeltung. Nur einer schweigt öffentlich: er selbst.
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Mojtaba Khamenei war erst wenige Stunden im Amt, da gingen in den sozialen Medien bereits die ersten Memes viral. „Wenn Sie gerne von zu Hause aus arbeiten, ist der beste Job der des Obersten Führers der Islamischen Republik. Niemand fragt, wo Sie sind, was Sie tun oder ob Sie überhaupt noch leben“, schrieb ein User am Sonntag spöttisch.

An diesem Tag – dem achten nach der Tötung von Ayatollah Ali Khamenei bei israelischen Militärschlägen – wurde dessen zweitältester Sohn zum neuen geistlichen Oberhaupt des Iran ernannt. Der 56-jährige Kleriker sei nach „sorgfältigen und umfassenden Beratungen“ gewählt worden, teilte der zuständige Expertenrat mit. 

Regimeanhänger feierten die Entscheidung und überboten sich mit Loyalitätsbekundungen. Auch die mächtigen Revolutionsgarden sicherten dem neuen Staatsoberhaupt umgehend ihre Unterstützung zu. 

Nur einer hat sich bislang nicht öffentlich zu seinem neuen Posten geäußert: Khamenei junior selbst.

Noch kein öffentlicher Auftritt

Seit seiner offiziellen Ernennung am Sonntag – und auch in den Tagen zuvor, als sein Name längst kursierte – gab es von ihm weder eine Rede noch einen Fernsehauftritt. Erst am Donnerstagnachmittag wurde erstmals ein Statement veröffentlicht - allerdings verlesen von einer TV-Moderatorin. Ein aktuelles Foto oder eine Tonaufnahme blieb man schuldig.

Das passt zu einem Mann, von dem ohnehin kaum ein öffentlicher Fußabdruck existiert. Im Staatsfernsehen muss man sich mit Archivmaterial behelfen: alte Fotos und Videos, teils Jahrzehnte alt, etwa aus der Zeit des Ersten Golfkriegs. Dazu stark bearbeitete oder KI-generierte Illustrationen oder Pappaufsteller bei öffentlichen Inszenierungen. Selbst seine Stimme ist - abgesehen von einer einzigen bekannten Aufnahme - weitgehend unbekannt.

Dabei gilt Khamenei junior innerhalb des Regimes seit Jahren als eine zentrale Figur. Ein offizielles Regierungsamt hat er zwar nie bekleidet. Vielmehr wird er als verlängerter Arm seines Vaters beschrieben: als religiöser Hardliner, Strippenzieher im weitverzweigten Wirtschaftsimperium der Familie und berüchtigt für seine Rolle bei der Niederschlagung vergangener Proteste und dem Machtaufstieg konservativer Kräfte. 

Eine Deeskalation mit den USA oder Zugeständnisse – etwa bei Irans Atom- oder Raketenprogramm – sind von ihm kaum zu erwarten, sagen Beobachter. Im Gegenteil: Seine Herrschaft könnte das Regime in eine noch extremere, noch aggressivere Richtung lenken, schreibt etwa das konservative Middle East Forum. Darauf deutet auch seine erste Botschaft am Donnerstag hin. Darin kündigte Mojtaba Khamenei Rache für die Kriegsopfer und die Eröffnung neuer Fronten an. Auch die Straße von Hormuz bleibe weiterhin blockiert. 

Eng mit Revolutionsgarden verbandelt

Sein Name als möglicher Nachfolger seines Vaters kursierte bereits seit Jahren. Hintergrund sind vor allem Mojtaba Khameneis Verstrickungen in Irans Militär- und Geheimdienstbereich. Insbesondere mit den Revolutionsgarden gilt der 56-Jährige als eng verbandelt – dem militärischen und wirtschaftlichen Machtzentrum des Landes. 

Berichten zufolge sollen sie es auch gewesen sein, die seine Wahl massiv vorangetrieben haben - um ihren Einfluss zu sichern und nach außen Kontinuität im System der Islamischen Republik zu demonstrieren. Innerhalb des Expertengremiums, das den neuen Obersten Führer bestimmt, soll Mojtaba Khameneis Ernennung nämlich auf Widerstand gestoßen sein, berichten iranische Exilmedien. Ob und wie die hochbetagten Geistlichen – ihr Durchschnittsalter liegt Berichten zufolge nahe 90 – mitten im Krieg überhaupt zusammengetreten sind, ist unklar.

Zielscheibe der USA und Israels

Die naheliegendste Erklärung für Khameneis Abwesenheit ist die Sicherheitslage. Die israelischen und US-Bombardements auf den Iran halten an – und auf seinem Kopf prangt eine übergroße Zielscheibe. Israel hat bereits angekündigt, jeden neuen Obersten Führer ins Visier zu nehmen. US-Präsident Donald Trump erklärte seine Wahl als inakzeptabel.

Eine andere Theorie: Mojtaba Khamenei soll gleich zu Beginn des Krieges verwundet worden sein. Überprüfen lässt sich das zwar nicht, plausibel wäre es aber allemal. So wurden bei den Angriffen zahlreiche Mitglieder seiner Familie getötet: Vater, Frau, Mutter, Schwester, Schwager, Sohn und Nichte. Das Ausmaß möglicher Verletzungen bleibt jedoch unklar. Spekuliert wird über Verletzungen im Gesicht, an den Gliedmaßen und sogar eine Beinamputation. Iranische Staatsmedien beschreiben ihn als „Jaambaz“, also Kriegsveteranen.

Und so kursieren längst noch wildere Gerüchte: Oppositionsgruppen behaupten, Khamenei sei so schwer verletzt, dass er im Koma liege – und gar nichts von seiner eigenen Ernennung wisse. Andere spekulieren sogar über seinen Tod. In den sozialen Medien hat das Phänomen bereits einen Namen: „Schrödingers Khamenei“: „Solange er nicht gezeigt wird, wissen wir nicht, ob er lebt oder tot ist.“

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