Warum der Iran-Krieg Saudi-Arabiens Stellung stärkt

Alle Golfstaaten leiden unter dem aktuellen Iran-Krieg, doch das Königreich Saudi-Arabien ist in einer deutlich stärkeren Position als seine Nachbarn - nicht nur, aber auch wegen seiner geografischen Lage.
FILE PHOTO: Iran's Supreme Leader Ayatollah Ali Khamenei meets Saudi Defence Minister Prince Khalid bin Salman in Tehran

Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran ist längst zum regionalen Flächenbrand geworden. Fast alle Golfstaaten wurden zum Ziel iranischer Gegenangriffe, der Schiffsverkehr in der Region ist durch die Kämpfe blockiert. Trotz der Angriffe und Unsicherheiten ergibt sich daraus für einen Staat ein strategischer Vorteil: Saudi-Arabien. Der Hauptgrund dafür ist die geografische Lage - das Königreich verfügt, anders als seine kleineren Nachbarn, über zwei Küsten.

Bisher wurde der Großteil der saudischen Ölexporte über den Persischen Golf und damit durch die Straße von Hormus verschifft - jene Meerenge, die von den iranischen Streitkräften mit Beginn des Krieges militärisch blockiert wurde. Bahrain, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) können deshalb ihre bestehenden Lieferverträge nicht erfüllen und haben bereits sogenannte Force-Majeure-Notfallklauseln aktiviert.

Warum Saudi Aramco bisher vom Krieg profitiert

Saudi-Arabien hat dagegen schon vor Jahrzehnten vorgesorgt für den Fall, dass der große Rivale Iran die Sicherheit im Persischen Golf gefährden würde. Bereits 1980, kurz nach dem Iran-Irak-Krieg, stellte das Land die 1.200 Kilometer lange East-West-Pipeline fertig. Über die können täglich mehrere Millionen Barrel Öl von der Ost- bis an die Westküste geliefert und von dort aus über das Rote Meer verschifft werden.

Seit Kriegsbeginn ist die Pipeline im Dauerbetrieb: Wie Reuters berichtet, haben sich die Ölexporte aus der Hafenstadt Yanbu am Roten Meer im Vergleich zum Februar verdoppelt. Für den teilstaatlichen Energieriesen Saudi Aramco ist das ein strategischer Vorteil - der stark gestiegene Ölpreis ließ den Börsenwert in die Höhe klettern. Zwar exportiert Saudi-Arabien insgesamt weniger als vor dem Krieg, doch durch die viel größeren Ausfälle seiner Nachbarstaaten wuchs der Anteil am globalen Markt.

Ist die nächste Meerenge in Gefahr?

Der strategische Vorteil ist nicht völlig ohne Risiko: Tanker, die vom Roten Meer aus nach Asien fahren - und das ist der Großteil der saudischen Exporte - müssen eine weitere Meerenge passieren: Das sogenannte Bab al-Mandab ("Tor der Tränen") zwischen Eritrea, Dschibuti und dem Jemen.

Das Problem: Ausgerechnet im Jemen liefern sich Saudi-Arabien und der Iran seit Jahren einen Stellvertreterkrieg. Riad unterstützt die international anerkannte Regierung, Teheran die schiitischen Houthi-Rebellen. Die Houthis kontrollieren inzwischen den Großteil des Landes inklusive der Hauptstadt Sanaa und könnten demnach saudische Schiffe angreifen. Schon 2019 beschädigten die Rebellen die große saudische Ölpipeline mit Drohnenangriffen.

Doch Saudi-Arabien hat seither massiv aufgerüstet - vor Beginn der russischen Invasion in der Ukraine war das Land der größte Waffenimporteur der Welt - und defensive Partnerschaften geschlossen. Die saudische Infrastruktur wird inzwischen massiv geschützt; von privaten Söldnertruppen ebenso wie von US-Soldaten.

Verteidigungspakt mit der Atommacht Pakistan

Erst im September schloss das Königshaus zudem einen gegenseitigen Verteidigungspakt mit der Atommacht Pakistan. Darin verpflichten sich beide Staaten, den jeweils anderen im Angriffsfall zu militärisch zu verteidigen. Pakistans Außenminister Ishaq Dar erklärte zuletzt, er habe der Führung in Teheran "klargemacht, dass wir im Ernstfall eingreifen müssten". Allerdings erhielt Pakistan bei seinen heftigen Kämpfen mit den im benachbarten Afghanistan regierenden Taliban zuletzt keine saudische Hilfe.

FILE PHOTO: Saudi Crown Prince Mohammed bin Salman and Pakistan Prime Minister Shehbaz Sharif sign a defence agreement in Riyadh

Pakistans Premierminister Shehbaz Sherif (links) mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman (MbS) al-Saud.

Im Vergleich zu anderen Golfstaaten wurde Saudi-Arabien bisher deutlich seltener vom Iran angegriffen, obwohl das Königreich seit Jahren der größte Rivale des Mullah-Regimes in der Region ist. In Riad sieht man das offenbar als Hinweis darauf, dass die eigenen Sicherheitsgarantien von Teheran anerkannt werden - und hofft, dass das iranische Regime auch die Houthis zurückhalten wird.

Oder doch eine Einigung mit dem Iran?

Der Nahost-Experte Hussain Abdul-Hussain vom US-Thinktank Foundation for Defense of Democracies hält in einem Hintergrundgespräch sogar eine mögliche Abmachung zwischen Saudi-Arabien und dem Iran vor Ausbruch des Krieges für möglich. "Das würde erklären, warum sich die Houthis nicht an diesem Krieg beteiligen", so Abdul-Hussain - die ebenfalls vom Iran finanzierte Hisbollah im Libanon dagegen schon.

Das wäre auch eine Erklärung dafür, warum Saudi-Arabien, wie der Rest der Golfstaaten, auf die iranischen Angriffe noch nicht mit eigenen Gegenangriffen reagiert hat. In den USA sollen führende Beamte der Trump-Regierung über die ausbleibende Beteiligung der arabischen Verbündeten längst toben.

Doch dieser Krieg dürfte die Machtbalance im Nahen Osten ohnehin zugunsten des saudischen Königshauses verändern, dessen Staat im vergleich zu seinen Nachbarn als stabilster Ölexporteur aus dieser Krise hervorgehen dürfte.

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